Das Nobelpreiskomitee in Oslo hat sich dieses Jahr dazu entschieden, den Friedensnobelpreis an Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos zu vergeben. Doch auch wenn Santos am 26. September einen Friedensvertrag mit den marxistischen Rebellen der FARC unterzeichnet hat, so wurde dieser vom kolumbianischem Volk in einem Referendum abgelehnt (50,2 zu 49,8 Prozent). Das Nobelpreiskomitee mischt sich daher in den Friedensprozess ein und könnte dadurch mehr schaden als nutzen.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Mehr als 50 Jahre lang wurde in Kolumbien ein blutiger Bürgerkrieg ausgetragen. Nicht nur die bekannten FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia–Ejército del Pueblo) haben gegen Kolumbiens Regierung gekämpft, sondern auch die ELN und andere linke Organisationen und Splittergruppen, während Rechtsextreme Milizen beispielsweise unter dem Vorgänger von Santos, Álvaro Uribe, an der Seite der Regierung kämpften. Dazu kommen noch Privatarmeen der Kokain-Kartelle, die Interventionen der US-Armee und deren Geheimdienste und der Nachbarstaaten (je nach dem wer dort an der Macht war). Überhaupt hat das Land, dass vor allem für erstklassigen Kaffee bekannt war, im Laufe des Krieges einen Ruf als weltgrößter Kokainproduzent bekommen. Kriege kosten Geld und ziehen Opportunisten magisch an. Der US-amerikanische Drogenkrieg brachte vielen Kolumbianern großen Reichtum, wie auch der Kokainhandel selbst. Der Waffenhandel blühte und auch die Kriminalität wuchs im Schatten eines besonders grausamen Konflikts. Brutale Methoden von den Gangs, den Kartellen, Rebellen, Milizen und auch seitens der Regierung machten das Leben in Kolumbien zur Hölle.

Doch seit er 2010 zum Präsidenten gewählt wurde, bemüht sich Juan Manuel Santos um Frieden in seinem Land. Eine anfängliche Militäroffensive, noch aus der Zeit seines Vorgängers, dem ultrakonservativen Álvaro Uribe und mit Unterstützung der USA, hat der FARC schwere Verluste zugefügt. Doch zu welchem Preis? Die Zivilbevölkerung litt besonders schwer unter den Luftangriffen und dem wahllosen Artilleriebeschuss. Denn über 50 Jahre im Untergrund – sprich im Dschungel – haben aus der „Armee des Volkes“ ein „Volk der Armee (der FARC)“ werden lassen. Junge Männer und Frauen, Idealisten, Intellektuelle, Studenten, Bauern, Menschen die in den 50er und 60er Jahren die staatliche Repression satt hatten und deshalb zur Guerilla gingen, ebenso wie die zwangsrekrutierten Bauern und dessen Kinder, haben im kolumbianischem Regenwald Familien gegründet und haben Dörfer, Ortschaften und eine Infrastruktur, die bis in die Städte reicht. Sie sind also inzwischen ein Teil der Gesellschaft, auch wenn sie eher ein paralleles Leben zur Mehrheit der Bevölkerung führen. Eine Parallelgesellschaft eben.

Sie wünschen sich alle ein Ende des Krieges, des Mordens, Folterns, Vergewaltigens und eine volle Integration. Alle? Nein, natürlich nicht. Die Interessen der Waffenhändler, Kokain-Kartelle, der US-Rohstofflobby und der Leute die auf Grund des Krieges eine Machtposition haben, die sie nicht ohne Weiteres aufgeben wollen, haben kein Interesse am Frieden. Im Grunde ist es genauso wie in jedem Krieg. Ein paar profitieren immer vom Leid der Mehrheit und sie werden alles tun, um die Friedensbemühungen zu boykottieren. Der Entwurf für einen Friedensvertrag, der nach 4 Jahren schwieriger Verhandlung auf Kuba, am 26. September unterzeichnet wurde, musste auf drängen der Opposition noch vom Volk in einem Referendum abgesegnet werden. Aber „das Volk“ sagte NEIN mit 50,2 zu 49,8 Prozent. Wollen diese Menschen denn keinen Frieden?

Doch, natürlich wollen die allermeisten Frieden. Álvaro Uribe jedoch hat eine „Nicht ungestraft“ Kampagne angeführt, um seinem politischem Kontrahenten nicht zu viel Protagonismus zu überlassen. Die meisten Nein-Stimmen haben den Wunsch auf einen Frieden, bei dem Kriegsverbrecher nicht ungestraft davon kommen. Sie sind also gegen eine Amnestie für alle FARC-Mitglieder wobei die die einen mehr, die anderen weniger schwere Verbrechen gesühnt sehen wollen. Der Appell an eines der niederen Instinkte des Menschen funktioniert doch immer wieder. Die Rache ist wie eine Droge, die man glaubt zu brauchen und für die man alles tut. Doch wenn man sein Ziel erreicht, dann merkt man, dass es keine Besserung brachte. Im Gegenteil, man hat danach keine Aufgabe mehr, keinen Sinn im Leben, keine Ziele… und doch würde man es wieder tun.

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Das Nobelpreiskomitee wollte mit der Verleihung an Juan Manuel Santos den Friedensprozess wieder ankurbeln. Als Kaci Kullmann Five, die Präsidentin des Nobelpreiskomitees in Oslo über den Friedensprozess sprach, meinte sie nur, dass der Preis auch dem kolumbianischem Volk gehöre. Es sei wichtiger denn je, dass Regierung und FARC den Waffenstillstand jetzt nicht brechen. Sicher 220.000 Tote – nach offiziellen Zahlen – sind mehr wie genug, doch wieso hat das Nobelpreiskomitee dem Rebellenführer Rodrigo Londono, alias Timochenko, nicht ebenfalls den Preis verliehen und so beide Verhandlungspartner ausgezeichnet? Mit dieser klaren Diskriminierung schadet das Komitee dem Friedensprozess wohl mehr, wie das sie diesem nützlich sind. Bleibt zu hoffen, dass sich Timochenko nicht provozieren lässt. Es ist aber gut möglich, dass die FARC als Gegenleistung für Entschädigungen ihrer Opfer die gleiche Behandlung für die Opfer der Kriegsverbrechen der Regierung oder der Milizen fordert. Mäßigung ist hier gefragt, von allen Seiten.

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2 thoughts on “Friedensnobelpreis für Juan Manuel Santos – Wasser oder Öl ins Feuer?”

  1. IST ja dasselbe,, dem RAF od NSU durch Volksabstimmung Ihre Verbrechen zum Wohltäter zu erklären..

    ALSO was muss doch für ein Fremdgesteuertes Hampelmann und Obermaronette vom CIA sein – Um als Präsident nicht erkennen zu wollen was dem Volk ans Herz liegt "50 Jahre" Mord und Todschlag bei der Bevölkerung..

    GENAU SO EIN KANDIDAT… X-FriedensNobelpreisträger..

    Ein-Kuriositäten-Zirkus ist das.. is.. do.. wahr..!!

  2. Friedens-Nobelpreis ist ein Preis, der abgeschafft gehört. Es gibt sicher keinen Menschen, der Frieden schaffen kann oder will. In der Jetztzeit schon garnicht. Frage mich, was mit dem vielen Geld passiert. Vielleicht einen neuen Krieg anzetteln, Länder destabilisieren oder Bomben herumschmeißen oder die Umwelt ruinieren? Friede — müßen viele erst nachlesen, was das ist. Viel  Geld scheffeln sicher nicht.

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