Wirtschaftlich ist die Türkei von der EU deutlich abhängiger als umgekehrt. Ohne die Kapitalzuflüsse und die Investitionen aus Europa sähe es mau aus. Andererseits kann Ankara auch die Grenzen öffnen und die Flüchtlingskrise neu entfachen.

Von Marco Maier

Kann man es als Pattsituation bezeichnen, wenn die Türkei die EU einerseits mit den Millionen an Flüchtlingen zu erpressen versucht, die im Land verteilt untergebracht werden und Brüssel gleichzeitig mit wirtschaftlichen Sanktionen drohen würde? Wahrscheinlich. Immerhin brauchen sich sowohl die EU als auch die Türkei – zumindest so lange, wie man seitens der Europäer den Plan für die "Festung Europa" noch nicht wirklich in die Tat umgesetzt hat.

Dennoch könnte Brüssel gegen die Türkei ähnliche Geschütze auffahren, wie sie gegen Russland aufgefahren wurden. Dass man dafür keine wirklich triftigen Gründe braucht, beweisen die Sanktionen gegen Russland ja zur Genüge. Immerhin gehen fast 50 Prozent der türkischen Exporte in die Europäische Union – und dies teils auch nur, weil das Land am Bosporus als "verlängerte Werkbank" vieler europäischer Konzerne dient. Im Gegenzug dafür gehen gerade einmal rund 1,8 Prozent der deutschen und 1,1 Prozent der österreichischen Exporte in die Türkei.

Ohne die ganzen Kapitalzuflüsse und Investitionen aus Europa, welche die Türkei angesichts der enormen Defizite in der Leistungs- und in der Handelsbilanz dringend braucht, wäre die wirtschaftliche und finanzielle Stabilität des Landes nicht mehr gegeben. Einziger Vorteil der Türkei derzeit ist die seit 2009 stattfindende sukzessive Reduktion der Staatsverschuldung in Relation zur Wirtschaftsleistung. Diese sank von 46,1 Prozent im Jahr 2009 auf 32,6 Prozent im Jahr 2015.

Deutlich kritischer ist die Lage jedoch bei den Privathaushalten. Im Jahr 2015 hatte 66 Prozent der Türken Darlehen und teils hohe Kreditkartenschulden. Von 2004 bis 2015 stieg der Anteil der privaten Schulden an den Gesamtschulden der Türkei von 22 auf 40 Prozent an. In absoluten Zahlen stieg sie von 26,5 (2004) auf 390 (Juni 2015) Milliarden Lira an. Und das ohne die weit verbreiteten Privatkredite bei Freunden und Verwandten.

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Angesichts dessen, dass die Wirtschaftsleistung von 2013 bis 2015 von 823,03 auf 733,64 Milliarden Dollar sank und die optimistischen Prognosen für dieses Jahr auch nur von einem Wachstum auf etwa 750 Milliarden Dollar ausgehen, sind das keine guten Vorzeichen. Beim BIP pro Kopf sieht es noch schlechter aus: Dieses sank von 10.821,44 Dollar im Jahr 2013 auf 9.437,37 Dollar im Jahr 2015. Für dieses Jahr werden etwa 9.550 Dollar erwartet – aber auch hier unter Vorbehalt einer günstigen wirtschaftlichen Entwicklung.

Es zeigt sich also, dass Präsident Erdogan mit der EU hoch pokert und sich Brüssel, Berlin & Co (noch) sehr zurückhaltend geben. Dabei könnten sie sogar von einer Position der Stärke aus agieren – wenn sie denn wollten. Der wirtschaftliche Schaden für die EU wäre deutlich geringer als für die Türkei. Beim nächsten Mal, wenn Erdogan der EU wieder mit der Öffnung der Grenzen und der erneuten Anfachung der Flüchtlingskrise droht, müsste die EU nur mit einem Stopp sämtlicher Zahlungen (auch jene im Rahmen des EU-Annäherungsprogramms) und wirtschaftlichen Sanktionen drohen. Dann sieht die Sache nämlich schon wieder ganz anders aus.

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9 thoughts on “Türkei & EU: Wer braucht hier wen?”

  1. Hallo Leute, schafft euch einen Garten an und erlernt ein Handwerk, dann benötigt ihr weder die Türkei noch die EU und der Großteile der deutschen Unternehmen wird auch überflüssig. Eine Konsumreduzierung von 60% ist ganz leicht möglich, den Rest erledigt dann die "natürliche Selektion". Ich frag mich sowieso wie man in so einem Land Urlaub machen kann? Wir leben mitten in einem wunderbaren Naturparadies!  😉

  2. Nicht nett!!

    Schöner Kommentar..mit guten Vorschlägen.

    Ich liebe gärtnern.

    Zum Bericht..ich brauch bloss auf meinen Computer schauen..dann sehe ich ständig die verzweifelten Lockrufe..Antalya..Bodrum etc..kommen sie..und sterben sie im schönsten türkischen Urlaub..den sie je hatten.

    Es ist die Schwäche des Westens..wenn er die falschen Leute grosszieht..die ihn vielleicht eines Tages zu Fall bringen werden.

    Es gibt eine Menge Leute..die nur von den Fehler'n anderer leben.

  3. Wer braucht die Türkei ? Europa bestimmt nicht, aber MERKEL und die EU Eliten sowie beispielsweise auch Konzerne wie Rheinmetall ?!

    Europa MUSS selbst für den Schutz der Außengrenzen (ausreichenden Küstenschutz der aber nicht als Seenotretter eingesetzt werden darf) sorgen und darf sich nicht von Sultan Erdogan abhängig machen.

  4. n-tv:16:13 rechtfreie Räume in Deutschland (in mehreren Großstädten) wo ausländische Clans Stadtviertel beherrschen und Drogen,Müll,Gewalt und Kriminalität der Alltag ist. Und diejenigen werden auch noch vom Staat mit Hartz IV und sonstige Leistungen unterstützt ? !

  5. Türkei & EU: Wer braucht hier wen?

    —–

    Der Obertürke, Erdowahn, braucht die EU so nötig wie das täglich Brot.

    Er weiß nur zu genau, dass die Türkei – als Vielvölkerstaat- von den Weltenlenkern sehr leicht zu de-stabilsieren ist.

    Die EU braucht er:

    a) um seinen nicht ausbildungsfähigen, unruhigen Youth Bulge, die überflüssigen Esser, die seine ehrgeizigen, wirtschaftlichen Pläne gefährden könnten, zu entsorgen.

    b) um seine ungeliebten Minderheiten, wie Kurden, Alewiten, Jeziten, Christen, Griechen, Juden, Armenier etc. los zu werden.

    Am liebsten würder er sie alle zu seiner Busenfreundin Murksel aka Aniela Kazmierczak nach Alemoneystan schicken.

    Die Türkei hat sich zwar zur Werkbank div. Großfirmen (vor allen Dingen in der Marmara-Region) gemausert, sie ist jedoch auf technisches know-how und Technologietransfer aus dem Westen sowie Japan/China angewiesen.

    Neben den hohen Staatsschulden drucken die Türken vor allem die extrem hohen Schulden der privaten Haushalte:

    Anstelle eines Wachstumsmodells, das auf Produktion und Export basiert, hat sich die AKP für ein Modell, basierend auf "Schulden, Konsum und Rendite"  (diese Modell kommt einem sehr bekannt vor) entschieden. Die Kamu-Sen (türkischer Gewerkschaftsverband) fand heraus, dass 95,1 % der Bevölkerung Schulden haben.

    Das Zentrum für Forschung und Entwicklung der Kamu-Sen hat mit 1724 Beschäftigten in der gesamten Türkei eine Umfrage durchgeführt und die Ausmaße der Schuldensackgasse der türkischen Bevölkerung aufgedeckt. Die Teilnehmer der Umfrage wurden gefragt, ob sie regelmäßig Schulden haben und wie hoch ihre Schulden sind.

    • Der Untersuchung zufolge ist die Situation der Bevölkerung ausgesprochen kritisch … Die Umfrage hat ergeben, dass 95,1 % der türkischen Bevölkerung verschuldet sind. Nur 4,9 % sagten, dass sie "keine Schulden haben".

    • 24,9 % der Teilnehmer an der Umfrage erklärten, dass ihre Schulden 20.000 – 50.000 TL betragen.

    • 20,3 % der Befragten gaben an, dass sich ihre Schulden auf 10.000 – 20.000 TL belaufen.

    • 19,1 % besitzen mehr als 50.000 TL Schulden.
    • Nur 3,5 % sagten, dass sie "weniger als 1.000 TL" Schulden haben.

    • Dem Umfrageergebnis zufolge sind 10,6 % in Höhe von 1.000 – 5.000 TL und

    • 16,7 % in Höhe von 5.000 – 10.000 TL verschuldet.

    Die Daten aus der Umfrage der Kamu-Sen decken sich mit den Daten des türkischen Statistikinstituts. Die Umfrage mit dem Titel "Indikatoren der Lebensbedingungen" des türkischen Statistikinstituts zeigen, dass die Situation der türkischen Bevölkerung alarmierend ist. Demzufolge hat ein Großteil der Bürger große Schwierigkeiten, seine Schulden zurückzuzahlen.

    Wenn die EU oder Deutschland nur verantwortungsbewusste Politker hätte und nicht nur korrupte Volksverräter, deren einzige Aufgabe es ist Europa und Deutschland zu zerstören, würde man mit dem größenwahnsinnigen Führergan gaaaanz, gaaaanz anders umspringen!

  6. Es ist höchste Zeit für Plan-B…
    Mit der Wirtschaft ist es wie mit der Religion.

    Die Menschen sind nicht zum Wohle der Wirtschaft bzw. Religion da.

    Religion und Wirtschaft sollen für das Wohl des Menschen stehen.

    Ist es nicht zum Wohl des Menschen, dann stimmt etwas nicht und muss geändert werden.

  7. Möglicherweise braucht Erdogan usraelisches /europäisches Geld. Aber im innersten seines Herzens hasst er die US-EU kennt er doch auch den infamen Oded Yinnon Plan, wonach Israel auf größeres türkisches Gebiet reflektiert. Er weiß auch, dass  durch  Israel sein Vielvölkerstaat  sehr gefährdet ist. Deshalb wird er sich Russland/Iran/Eurasien zuwenden und ein gemäßigtes türkisches osmanisches Reich aufzubauen versuchen.

  8. Türkei & EU: Wer braucht hier wen?

    idem

    Der Zuhaelter die Nutte oder umgekehrt. Welche Rolle dem wohleinenden Waehler zuteil ist, duerfte dabei klar sein.

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