Portugals ehemalige Diktatur promovierte die drei F's, damit sich das Volk nicht um die Politik kümmert und etwas hatte, worauf es stolz sein konnte. Seither identifiziert sich Portugal mit dem Fußball, dem Fado und mit dem Wallfahrtsort Fatima. Teil 3 – Fußball – Eusebio, Figo, Ronaldo und ein Export der besonderen Art. Das Fazit der drei F's.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Portugal hatte bis 1974 eine Diktatur nach faschistischem/korporatistischem Vorbild, ein Kolonialreich und eine kleine soziale Machtelite, die mit der unblutigen Nelkenrevolution ein Ende fand. Lange Zeit waren die Machthaber in Lissabon nicht sonderlich an Publicity interessiert und genossen ihre „Abwesenheit“ aus den Nachrichten und sogar aus Schulbüchern im Ausland. Es ging darum, nicht aufzufallen und mit dem antikommunistischem Kurs war ihnen lange Zeit die Unterstützung der USA gewiss. Der US-Luftwaffenstützpunkt tat ein Übriges, um keine Kritik an der Kolonialpolitik und an den Menschenrechtsverstößen zu riskieren. Doch der Krieg in den „Überseeprovinzen“ machte eine Charmeoffensive erforderlich. Als Benfica Lissabon den Europapokal der Landesmeister 1961 gewann und auch noch ein Supertalent aus Mosambik holte, wurde die Propagandamaschine angeworfen und König Fußball wurde neben Diktator Salazar geduldet.

So bekam der Fußball erstmals staatliche Zuwendungen und die Spieler wurden zu Nationalhelden gemacht. Das Konzept „Brot und Spiele“ aber hat nie so recht funktioniert. Portugals Fußballfans gingen immer schon ins Stadion, da sie dort recht frei über alles reden konnten ohne Angst vor der PIDE (Geheimpolizei) haben zu müssen. Es war ein Ort, an dem es kein Versammlungsverbot gab und wo man in der Anonymität der Masse nach Herzenslust fluchen konnte (und noch immer kann). Das Pokalfinale 1968 zwischen Benfica und „den Studenten“ von Academica Coimbra, mitten in einer Zeit der Studentenrevolten, ist ein gutes Beispiel dafür. Die Fans aus Coimbra hatten Plakate und skandierten Parolen von Frieden und Demokratie. Als sie aus dem Stadion kamen, warteten tausende Studenten aus Lissabon und dem ganzen Land um sie zu unterstützen. Doch auch die Polizei erwartete sie und die Demonstration wurde brutal unterdrückt und – im wahrsten Sinne des Wortes – zerschlagen.

Die 60er Jahre waren von Eusebio geprägt, der mit seinem Verein, Benfica Lissabon (Sport Lisboa e Benfica) und mit der Nationalmannschaft – Platz 3 bei der Weltmeisterschaft 1966 in England – international für Aufsehen sorgte und Spielern wie Bobby Charlton und vor allem dem legendären Pele die Schau stahl. Auch er war ein Aushängeschild der Propaganda des Estado Novo, wie die Diktatur sich bezeichnete. Heute hat sich der Fußball in dem 10 Millionen Einwohner Land zu weitaus mehr entwickelt, als nur zur Lieblingssportart des einfachen Bürgers. Nach der Revolution war der Sport frei, wodurch sich auch Amateursportarten entwickeln konnten. Die erste Goldmedaille bei Olympia gab es im Marathon 1984 in Los Angeles durch den kürzlich verstorbenen Carlos Lopes. Im Fußball konnten die Klubs im Norden wachsen, wobei der FC Porto internationale Größe schon vor seinem Sieg im Europapokal der Landesmeister 1987 gegen den FC Bayern erlangt hatte. Die Nationalelf verlor das Halbfinale bei der EM 1984 in Frankreich gegen die Franzosen, was sich noch zwei mal wiederholen sollte, bis dieses Jahr endlich der Sieg über den Angstgegner in dessen Hauptstadt und in einem Finale gelang. Warum ist das so wichtig? Weil die Portugiesen seither bei den französischen Klubs und dann auch in ganz Europa unter Vertrag genommen werden.

Natürlich waren die U-20 WM-Titel 1989 und 1991 und eine professionelle Nachwuchsarbeit allgemein dafür verantwortlich, dass die Portugiesen inzwischen als „Brasilianer Europas“ gelten. Dabei ist weniger der technisch hochwertige Fußball, als vielmehr die Verteilung der Spieler, ganz nach brasilianischem Vorbild, in allen Ligen der Welt gemeint. Weltstars wie Weltfußballer Luis Figo, Rui Costa, Vitor Baia und der zweifache Gewinner des Goldenen Fußballschuhs Fernando Gomes verdienten fortan viel Geld und galten als Vorbild für die seither ständig für Nachwuchs sorgen. Cristiano Ronaldo, Nani, Pepe sind die Stars der Stunde und Spieler wie William Carvalho, Andre Gomes, Danilo oder Renato Sanches, der mit seinen 18 Jahren dieses Jahr zum FC Bayern wechselte, sind frisch gebackene Europameister und die Zukunft der Seleção. Die U-17 hat ebenfalls den EM-Titel und alle Jugendmannschaften spielen auf höchstem Niveau. Bei Olympia kam ein Team, das auf die meisten der U-21-Vizeeuropameister verzichten musste ins Viertelfinale, wo sie von den Deutschen mit 4:0 nach Hause geschickt wurden. Das war die Folge der Weigerung der Klubs, die Spieler für die Spiele in Rio freizustellen.

Loading...

Wenn wir noch die Trainerschule, die ebenfalls „exportiert“, mit Namen wie Jose Mourinho, Andre Vilas Boas und Paulo Pereira hinzuzählen, dann ergibt das schon fast ein komplettes Bild. Fehlt nur noch ein Herr Jorge Mendes, um auch möglichst lukrative Verträge aushandeln zu können. Der Agent aus Porto hat nicht nur Portugiesen in seiner Agentur unter Vertrag. Er regelt alles was Cristiano Ronaldo, Nani und die vielen anderen Stars vom Fußball ablenken könnte. Es ist also eine sehr gewinnträchtige Industrie entstanden, wo der autokratische Staat erst skeptisch war, dann die Propagandawirkung ausnutzte und dabei doch einen Ort schuf, an dem sich das Volk frei äußern konnte. Nach der Revolution wuchs eine Industrie, die hunderten jungen Menschen eine Zukunft bietet und einige sogar sehr reich macht. Der Agent Mendes sorgt immer dafür, dass die Spieler auf dem Teppich bleiben, wenn sie mit 17 oder 18 auf einmal Millionäre sind. Auch das ist ein Grund für den Erfolg.

Fazit:

Also was bedeuten die drei F's heute? Fatima ist immer noch ein Hort der Ruhe und Besinnung. Aber es ist auch eine Touristenattraktion und – nicht nur für die Andenkenhändler – eine wahre Gelddruckmaschine. Vom Fado kann man ähnliches sagen. Aber es ist nicht der schnöde Mammon der die Musiker dazu bringt neue Wege zu gehen. Der Fado erneuert sich und wer dachte, das Weltkulturerbe würde langsam aussterben, der muss noch einmal neu überlegen. Was den Fußball betrifft, hat Portugal eine gut funktionierende Exportindustrie aufgebaut, die Millionen Euro macht und auch die Volksseele mit Selbstbewusstsein füttert. Also bringen Fatima, Fado und Fußball, die einst von Salazar als Brot und Spiele – nur halt ohne Brot – erdacht waren, weitaus mehr als nur – jetzt dann doch – Brot. Sie sind aber nicht die Ablenkung, wie einst in der Antike. Die Seele der Portugiesen wird hiermit ernährt und eine kulturelle Identität am Leben erhalten, die diesem Volk eine hohe moralische Lebenseinstellung gibt. Wie in jeder Gesellschaft gibt es jene, die sich an ihre Vorsätze halten und andere die das nicht tun. Die Portugiesen sind diesbezüglich ein Volk, dessen Eigenheiten und kulturelle Identität unseren Respekt verdienen. Die 3 F's haben Portugal geprägt und meiner Meinung nach auf eine positive Weise. Meinen Respekt haben sie hierfür.

Wir brauchen ihre Unterstützung!

Liebe Leser, wenn Sie keine Premiumartikel lesen möchten, aber uns dennoch unterstützen wollen, dann können sie das auch mit einer Spende auf unser Bankkonto tun. Fragen Sie per eMail: [email protected] nach den Bankdaten oder übersenden Sie einen Unterstützungsbeitrag einfach per Paypal. Danke für Ihre Hilfe!

Loading...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.