Fatima, Fado und Fußball: Die portugiesische Seele – Teil 2: Der Fado

Portugals ehemalige Diktatur promovierte die drei F's, damit sich das Volk nicht um die Politik kümmert und etwas hatte, worauf es stolz sein konnte. Seither identifiziert sich Portugal mit dem Fußball, dem Fado und mit dem Wallfahrtsort Fatima. Teil 2: Fado – Von Amalia bis Ana Moura und ihrem „Desfado“.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Die Mentalität der Portugiesen ist ein Resultat der Geschichte des Landes und der Kontakte die sie im Laufe der Jahrhunderte mit aller Welt hatten. Der Seehandel und der Fischfang hat die Menschen mit dem Meer verbunden und die Unberechenbarkeit des Meeres sorgt dabei bis heute für viele Tränen. In einem Gedicht fragt der Poet: „Oh Meer von Lusitania, wie viel deines Salzes sind die Tränen der Witwen…“ Ein  Verhältnis von Hass und Liebe, Angst und Respekt, prägt das Leben der Menschen am und mit dem Meer. Denn beim Abschied weiß man nie, ob man sich wieder sieht. Die Sehnsucht nach dem Vater, Bruder, Sohn oder Ehemann, der vor der Küste Neufundlands oder Grönlands den Kabeljau fischt und noch an Bord salzt, um Portugals Leibspeise – den Bacalhau – nach Hause zu bringen, aber auch die Fahrten rund um die Welt, von denen viele nicht zurück kamen, auf der Suche nach Handelsruten und Waren wie die Gewürze oder Porzellan, Seide und Sklaven, die oft Jahre dauerten, haben eine Variante der Sehnsucht gebildet, die einzigartig ist – die „Saudade“.

Es ist ein Wort, das mit Sehnsucht nicht richtig übersetzt werden kann, auch wenn es rein technisch korrekt ist. Das, was der Portugiese meint, wenn er beim Fado von der Saudade singt, ist dieses melancholische, quasi manisch-depressive Gefühl der „Vortrauer“. Ja, sozusagen das Gegenteil der Vorfreude, dass den Portugiesen ergreift und im richtigem Ambiente dazu bringt, spontan einen Fado zum Besten zu geben. Fado? Muss man gehört haben und zwar nach Möglichkeit in einer Taverne in Lissabon oder Porto. Nach einem Gläschen Wein – oder zwei oder drei – kann es sein, dass man von diesem Gefühl erfasst wird und somit um eine Erfahrung reicher ist. Dieser Musikstil, Weltkulturerbe der UNESCO, ist eines der drei F's, die Portugals Volksseele ausmachen und historisch verschiedene Bedeutungen hatte und noch immer hat.

So wurde der Fado von den Politikern und Generälen zunächst als subversiv betrachtet, da oft politische Texte die Diktatur kritisierten. Als etwas typisch Portugiesisches aber, sah das Regime bald ein gutes Propagandawerkzeug darin, die besten Fadistas zu Aushängeschildern eines immer mehr isolierten Landes zu machen. Die Sängerin Amalia Rodrigues war die geborene Diva und ihre Stimme ging den Menschen unter die Haut. Große Konzerte in Paris und London machten sie zum Weltstar und die Diktatur sonnte sich in ihrem Glanz. Soll man sie deshalb dafür kritisieren? Nein, denn es war zu dieser Zeit nicht üblich, dass eine Frau sich zu Fragen wie Politik, Wirtschaft oder ähnlichem äußert. Es war ihre Erziehung, konservativ und katholisch, die sie nicht anders handeln lies.

Doch hat der Fado mehr zu bieten wie Amalia. Carlos do Carmo ist ein Guitarista, der also nicht die Gitarre spielt, sondern die Fado-Gitarre, die ein schwer zu meisterndes Soloinstrument ist und dessen Meister die Bewunderung eines jeden Musiksachverständigen genießen. Nicht nur die Stimme der Fadistas ist, je nach Stilrichtung, weinerlich traurig, sondern auch der Klang der Fado-Gitarre. Aber es gibt auch den „Fado castiço“, einen komischen Fado mit sozialkritischen Texten. Der „Cantar ao desafio“ – sich herausfordernd singen – ist eine weitere Variante, bei dem jeder eine Strophe singt und dabei den anderen auf den Arm nimmt. Nach ein paar Gläsern Wein oder Bagaço besonders beliebt. Schließlich gibt es noch den Fado de Coimbra zu erwähnen, der von Studenten der Universitätsstadt am Mondego erfunden wurde. Oft in größeren Gruppen vorgetragen – der Tunica – ist auch hier die Melancholie der Saudade nach der Familie, der Freundin, des Freundes, die treibende Kraft des Fado.

Loading...

Eine Zeit lang schien der Fado aus der Mode zu kommen, da ihm dieser verstaubte Eindruck einer verstorbenen Diva und diesen faden Beigeschmack eines Touristenspektakels anhaftete. Die moderne Musik hatte mit der Revolution ihren Weg nach Portugal gefunden und Rock war angesagt. Das ist auch noch der Fall, aber der Fado hat sich mit jungen Künstlern erneuert – zum Grauen der Traditionalisten – und ist wieder in Mode gekommen. Deolinda und Ana Moura sind nur zwei von einer ganzen Reihe talentierter Nachwuchskünstler und man sollte sich diese Namen merken. Die Musik hat einen modernen Touch bekommen und Ana Moura nannte ihr erstes Album in dieser Richtung sogar „Desfado“, Unfado also, einen Fado der gar kein Fado ist. Daher möchte ich als Fan von Punk-Rock fast sagen: „Fado is not dead!“

 

Spread the love

Wir brauchen ihre Unterstützung!

Liebe Leser, wenn Sie keine Premiumartikel lesen möchten, aber uns dennoch unterstützen wollen, dann können sie das auch mit einer Spende auf unser Bankkonto tun. Fragen Sie per eMail: [email protected] nach den Bankdaten oder übersenden Sie einen Unterstützungsbeitrag einfach per Paypal. Danke für Ihre Hilfe!

Loading...

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.