Die Jahre von 1945 bis 1975 gelten als die "dreißig glorreichen Jahre" oder als das "Goldene Zeitalter des Wohlfahrtskapitalismus". Denn die Investitionen in den Sozialstaat haben den Aufschwung erst ermöglicht.

Von Marco Maier

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg musste halb Europa wieder neu aufgebaut werden, trotzdem investierte man Unsummen in den Aufbau von Wohlfahrtsstaaten. Sozusagen eine Investition in die Entwicklung des Kapitalismus, denn eine Gesellschaft kann nur dann wirtschaftlich wachsen, wenn sich die Vermögen und die Einkommen nicht bei einer kleinen Minderheit sammeln, sondern auch möglichst breit verteilt werden.

Heute legt man überall Austeritätsprogramme auf, weil man sich so (trügerischerweise) neben der Gesundung der Staatshaushalte auch eine wirtschaftliche Belebung erhofft. Basis dafür sind krude Wirtschaftstheorien, die mit der Realität nichts zu tun haben. Ein Blick nach Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt, wie man es machen kann: Clement Attlee hatte damals das National Health Service (NHS) gegründet und ließ eine Million neue Wohnungen bauen, wovon 800.000 Sozialwohnungen waren. Damals betrugen die britischen Schulden kriegsbedingt 225 Prozent des BIP. Heute verzeichnet Großbritannien einen Verschuldungsgrad von 80 Prozent des BIP.

Das Ergebnis dieser Wirtschaftspolitik war ein enormes Wirtschaftswachstum. Denn diese Investition ermöglichte es auch den Armen am Wirtschaftsleben teilzunehmen. Die soziale Wohlfahrt und der soziale Wohnungsbau selbst soll Härten abmildern, Investitionen in Gesundheit und Bildung sind die Grundlage für zukünftiges Wachstum, weil dies die Gesundheitssysteme längerfristig (finanziell) entlastet und eine breite gebildete Schicht zur Stärkung der Wirtschaft beitragen kann.

Doch der Umschwung der später folgte, sorgte für enorme Spannungen und Probleme. Nicht umsonst erlebte die Welt zwischen 1945 und 1971 nur 38 (1,46/Jahr), zwischen 1973 und 1997 jedoch ganze 139 (5,79/Jahr) Finanzkrisen. Die Aufhebung des Goldstandards (Bretton-Woods-System) trug dazu mit bei, wie die Globalisierung der Finanzmärkte und die zunehmende Kapitalkonzentration bei einer kleinen Oberschicht, während die Mittelschicht sukzessive ausgeblutet wurde.

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Diese Entwicklung ist allerdings verständlich: Die Wirtschaft lebt vom steten Geldumlauf, der sich in Konsum und Investitionen teilt. Nehmen sich die Konzernspitzen jedoch einen immer größeren Teil und schütten den Aktionären auch immer mehr Geld aus, anstatt es zu reinvestieren und höhere Löhne und Gehälter zu bezahlen, sorgt dies für eine Aufblähung der Kapitalmärkte und eben zu platzenden Blasen. Woher soll denn auch der Konsum der Masse kommen, wenn man den Arbeitnehmern nicht auch einen gerechten Anteil an dem gibt, was sie mit ihrer Arbeit produzieren? Wie sollen die Arbeitnehmer überhaupt so einen eigenen (realen) Kapitalstock – wie Eigenheime oder auch Aktien – aufbauen?

Mit einer starken Ungleichheit bei Vermögen und Einkommen würgt man das Wirtschaftswachstum ab, senkt die Produktivität und verursacht Finanzcrashs, die dann wiederum die Lage der einfachen Bevölkerung weiter verschlechtern. Wer angesichts von Verteilungsdebatten von "Neid der Massen" spricht, vergisst hierbei jedoch vor allem die "Gier der Eliten". Eine Gier, die schlussendlich allen zusammen schadet.

Europa braucht keine Austerität sondern Investitionen in den Sozialstaat und ein Steuersystem, welches eine funktionierende soziale Umverteilung ermöglicht. Wichtiger als das ist jedoch vor allem die Etablierung eines neuen wirtschaftskulturellen Verständnisses, in dem es nicht um möglichst hohe Renditen für Anlagen und exorbitant hohen Managerboni geht, sondern um eine faire Entlohnung für die Mitarbeiter und deren angemessenen Teilhabe am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens. Längerfristig kommt dies nämlich genauso den Wohlhabenden und Reichen zugute wie der breiten Bevölkerungsmehrheit.

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6 thoughts on “Wohlfahrtskapitalismus?”

  1. Es ist ja besonders pikant ist, dass die Notenbank der Notenbanken, die BIZ in Basel vor einer Immobilienpreisblase in Deutschland warnt. Wohl gemerkt, die Basler Notenbanker haben damals auch rechtzeitig vor dem Platzen der US-Immobilienblase gewarnt. Ja, wehe, wehe, wenn man auf das Ende der Preisblase in deutschen Landen sieht. Dann wird nicht nur Katerstimmung bei den Finanzministern wegen vermeintlich rückläufiger Grunderwerbssteuereinnahmen vorherrschen. Nichtsdestotrotz, am Ende wird auch hier der Staat – wie immer – profitieren. Sollte dem Boom eines Tages eine massive Zwangsversteigerungswelle am Immobilienmarkt folgen, wird der Staat auch hier „kassieren. Denn mit dem Erteilen des Zuschlags bei der Versteigerung entsteht die Grunderwerbssteuerpflicht.

  2. Vom Wohlfahrtskapitalismus..zum Raubtierkapitalismus.

    Eine Reise durch die Zeit..dessen Ergebnis Vorhersehbar war

    Jetzt wird noch ordentlich Geld gedruckt…wer ist denn auch so blöd und arbeitet dafür.

    Die EU..das grosse Europa..die dicken Fische..werden noch dicker gefüttert.

    Die ''armen Reichen ''..leicht werden sie es nicht haben mit soviel Geld auf dem Rücken.

    Wie gut das die vielen kleinen Fische beim tragen helfen dürfen….

    1.  

      Die EU..das grosse Europa..die dicken Fische..werden noch dicker gefüttert

      Habe mal gegoglet.

      Bei der EU sind 420.000 (vierhundertzwanzig tausend) Beamte, abgeordnete usw. beschäftigt.

      Jedes Mitgliedsland muss also rund 15.500 durchfüttern!!— Bei durchschnittlich 5000 euro Bezüge, Sonderzahlungen, Aufwand und Sonstiges,sind das im Monat  2,1 Milliarden Euro!!     Nein, ich will nicht mehr!!!

      Nee, Fische sind das nicht–die könnte man ja noch einer sinnvollen Verwertung zuführen!  Aber Abschaum kann man nur ins Kloo entsorgen!!

      1. Querdenker der Echte

        ..tja..jetzt müsten all die kleinen Fischchen mal ihr(kleines?) Gehirn einschalten..bevor sie in den Rachen dieser Raubfische schwimmen.

  3. Merkwürdigerweise liegt der Tenor des Artikels in der Umverteilung nach unten, was allerdings lobenswert ist. Aber: Ist das in unserer postmodernen Zeit ausreichend? Ich glaube es nicht, denn ohne eine hierzu paralelle tiefgreifende Änderung (sprich Revolution) der Umweltpolitik, insbesondere in Sachen Energie, Mobilität von Menschen und Gütern (neue, nachhalige Techniken erforderlich), Raumplanung, etc. werden wir sowieso nicht sehr weit kommen. Umverteilung u.a. von Dreck, urbanem Chaos und vergifteter Luft? Nein Danke!

    1. Es gibt keine Umverteilung nach unten …

      sondern seit jeher nur eine Umverteilung nach oben.

      Unten sitzen die Fleißigen, die die Werte schaffen, und oben sitzen die Parasiten, die sie verprassen.

      Das Gegenteil des Kapitalismus, der das Monopol will, ist die Marktwirtschaft, in der die besten Ideen wetteifern und in der Konkurrenz die Leute auf Zack hält.

      Wenn sie dann noch sozial ist, die Marktwirtschaft, wird die ganze Welt vor Neid erblassen, so wie sie es schon einmal tat angesichts des "Wirtschaftswunders".

      Das hat den Bonzen und Kapitalisten keine Ruhe gelassen – und um ihre Gier zu befriedigen, wenn auch nur für einen kurzen Moment, fahren sie die ganze Welt gegen die Wand.

      Was sie wohl sagen werden, wenn sie am Ziel ihrer Träume sind und es niemanden mehr gibt, der sie füttert und all die schönen Spielsachen herstellt?

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