Independence Day? Teil 1: Die Inselbewohner

Briten im EU-Ausland und EU-Bürger in Großbritannien haben große Angst vor ihrer Zukunft viele schließen eine Heimkehr nicht aus. E.T. Nach Hause… Sie fühlen sich wie Aliens, Ausgestoßene, um ihre Rechte betrogen. EU-Bürger wurden nicht gefragt. Doch der Brexit spaltet auch das eigene Land in Regionen, soziale Schichten und Altersgruppen. Doch die Auswirkungen betreffen nicht nur die Inselbewohner…

Von Rui Filipe Gutschmidt

Der Vorsitzende der nationalkonservativen Partei UKIP, Nigel Farage, rief den „Independence Day“ für Großbritannien aus und träumt schon vom Premierminister-Posten. Die ersten Konsequenzen sind schon zu spüren und während Nationalisten in ganz Europa im Siegestaumel sind, sorgt das Resultat für Briten und Europäer für negative Auswirkungen. Zunächst aber die gute Nachricht: Premierminister David Cameron ist zurückgetreten. Noch weiß niemand so recht, ob er einfach nur ersetzt wird oder ob es Neuwahlen gibt. Sicherlich hat Boris Johnson die Leave-Kampgne angeführt und mit seinem „Trump-Populismus“ – aus Sicht der Euroskeptiker – einen guten Job gemacht. Doch genau das wird ihm jetzt zum Verhängnis.

So dachte der ehemalige Bürgermeister von London, der von gewissen Kräften innerhalb einer größtenteils pro-europäischen „City“ unterstützt wurde (die auf den Brexit gewettet hatten), dass er bei einem Sieg den Platz von David Cameron einnehmen könnte. Doch es scheint so, als hätte er für die Hintermänner seine Schuldigkeit getan und wäre jetzt eher störend. Dennoch bleibt abzuwarten, was der Kongress der Konservativen im Oktober bringt. Denn viele fordern Neuwahlen im Uneinigem Königreich. Ja, nicht nur die Europäische Union ist uneins. Auch Großbritannien droht, erneut, auseinanderzubrechen.

Schottland hat gerade erst ein Referendum hinter sich, bei dem sich die Schotten knapp für den Verbleib im Königreich entschieden hatten. Doch jetzt, nachdem 62 Prozent der Schotten für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt haben, hat die schottische Premierministerin Nicola Sturgeon (SNP – Schottische Nationalpartei) bereits ein neues Referendum für Schottlands Unabhängigkeit angekündigt. Doch ob und wie sie damit in der EU verbleiben können, ist fraglich. Das letzte mal hatte Brüssel keine Bereitschaft signalisiert, um ein unabhängiges Schottland in der EU zu belassen. Doch die Situation hat sich natürlich geändert. Die Schotten wollen jedenfalls drin bleiben.

Das gleiche Problem hat Nordirland. Die traditionell gespaltene nordirische Gesellschaft hat einen Jahrzehnte langen Friedensprozess hinter sich und hat sich durch die EU, die offene Grenze und die Vorteile des Wechselkurses an die Republik Irland angenähert. Jetzt, wo England und Wales gegen den Willen von 56 Prozent der Nordiren für den Austritt aus der EU gestimmt haben und ihnen damit all diese Vorteile wieder zu nehmen drohen, erwähnen sie ein Referendum für den Anschluss an die Republik Irland. Also hält sich die Feierstimmung vielerorts in Grenzen, was zu erwarten war. Doch ein Verbleib, hätte die EU verändern können.

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Auf der anderen Seite haben wir England und Wales. Die Waliser haben mit 52 Prozent  für den Brexit gestimmt, was mit dem Wählerprofil der eher ländlichen Bevölkerung des Hügellandes im Westen der Insel zu tun hat. Wales war immer schon das Armenhaus Großbritanniens und die keltischstämmigen Waliser, die mit Schotten und Iren verwandt sind wurden – trotz großer Armut und Arbeitslosigkeit – eigentlich als EU-Befürworter gesehen. Man hat dabei aber vergessen, wie stark der Einfluss der Engländer dort ist.

Auch an anderer Stelle leben vorwiegend Engländer. Gibraltar ist ein kleines Städtchen, das um den strategisch wichtigen Militärstützpunkt der Briten an der westlichen Einfahrt des Mittelmeeres liegt. Der von Berberaffen bevölkerte Felsen an Spaniens Südspitze lebt vom Tourismus. Gibraltars Verhältnis zu Spanien – welches das Territorium beansprucht – ist abhängig von der EU-Zugehörigkeit. Kein Wunder also, dass nur 823 Wähler für den Brexit und 19.322 Stimmen für den Verbleib in der EU stimmten. Das sind 95,9 Prozent. Auch hier denkt man schon an Konsequenzen. Ein Sonderstatus als „gemeinsam Verwaltet“ wurde bereits vorgeschlagen.

So gibt es also eine tiefe Spaltung im „Divided Kingdom“ und während die Eurokraten damit beschäftigt sind „die Kosten für die Märkte gering zu halten“ und die Finanzbonzen der Londoner City nach Frankfurt und Paris geholt werden, lässt man die Menschen mit ihren Problemen wieder mal allein. So werden die Anhänger des Brexit wieder in ihrer Entscheidung bestärkt – und dennoch wünschen sich Viele einen anderen Weg für Europa: In der EU bleiben und sie von innen verändern! Denn wir hatten am Abend der Wahl noch die Nationalisten, die im Angesicht einer Niederlage die Verschwörungstheorien hervorholten und von Wahlbetrug sprachen. Jetzt ist es auf einmal der Wille des Volkes, die Demokratie in Aktion. Aber ist es so? Viele nennen es eine „Diktatur der Mehrheit“. Ein Ausdruck der gerne verwendet wird, wenn die Mehrheiten nur knapp sind. Über alle die sich betrogen fühlen und die nicht wie Aliens behandelt werden wollen, ein anderes mal mehr.

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4 Kommentare

  1. Splendid Isolation

    Jetzt gibt`s wieder Schlagzeilen wie : "Schwere Stürme über der Nordsee. Der Kontinent ist isoliert"

    Was die Schotten betrifft, braucht sich keiner zu wundern.

    Ich hab`mal mit `nem schottischen Schafzüchter gesprochen, kurz nach dem Beitritt von GB.

    Eigentlich `ne arme Sau, fand er plötzlich Millionen auf seinem Konto, von der EU überwiesen.

    Des Rätsels Lösung : EU-Landwirtschaftsubventionen nach Fläche. In der Berggegend da wächst nix außer Schafen, und die weiden nicht auf Hektaren, sondern auf Quadratkilometern.

    Logisch, dass die ihren Goldregen behalten wollen.

    Die Heuler aber, die jetzt Schlagzeilen machen, sind überaus unbritisch.

    Schlechte Verlierer, no Sports- and no Gentlemen.

    Im Übrigen gilt :

    Der Moloch EU muss sterben, damit das Europa der Vaterländer leben kann.

  2. Sciencefiles schreibt.

    Von den 2 Millionen, die in Gross Britannien eine neue Abstimmung für oder gegen den Brexit fordern, sind nur 360.000 überhaupt aus dem United Kingdom.

    Sciencefiles. Viele der Unterzeichner der Petition, kommen nicht aus dem Vereinigten Königreich. Wie unsere gespeicherten Daten zeigen, kommen alleine 41.336 der gezählten Stimmen aus Vatikan City. Vatikan City hat rund 800 Einwohner.

    https://sciencefiles.org/2016/06/25/ard-falschmeldung-zur-meinungsmache/

  3. Farages Traum vom Ministerpräsidenten könnte ein Traum bleiben, hat er doch Versprechen gemacht, die nicht einzuhalten sind. Die GB-Beitragsmilliarden wollte er direkt dem Gesundheitssystem zufließen lassen, "vergaß" aber während seiner Kampagne den Bürgern mitzuteilen, das das Land von diesen Beiträgen ohnehin schon annähernd 2/3 zurückbekommt. Die Einwanderung einzuschränken wird ihm auch nicht gelingen, beispielsweise würden die am Kanaltunnel von Frankreich zurückgehaltenen Migranten von den Franzosen nicht mehr aufgehalten werden, das müsste im Falle des EU-Austritts GB selber bewirken. Farages Aufgabe als möglicher neuer Ministerpräsident (nach Cameron-Rücktritt im Oktober) wäre, die Austrittsverhandlungen mit Brüssel durchzuführen und das erzielte Abkommen könnte erneut Gegenstand eines Referendums werden. —  Wir sehen, das ganze Mediengetöse um Brexit und ein Zerbrechen der EU entpuppt sich mehr und mehr als Theaterdonner und destabilisiert Europa zusätzlich, zeigt auf, in welchem lächerlich schwachen und uneinigen Zustand die Mißgeburt EU ist , während die Migrantenflut weiteren Nachschub an Europas Küsten spült.

    1. Sie sehen ja oben, wie die neue Petition manipuliert ist. Mit dieser, werden die EU- Befürworter überhaupt nichts erreichen. Die britishe Jugend, die sich darüber auslässt, das die "Älteren" , für sie mitgestimmt hätten, ist bis zu einem Alter von 24 Jahren tatsächlich unterrepräsentiert. Bis zum Alter von 24 Jahren Befragung, für und wieder Brexit, gingen diese kaum zur Wahl.

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