Der „Unabhängigkeitstag“ von Bruneck – eine Nachbetrachtung

Zu Pfingsten feierte man im südtirolerischen Bruneck den „Unabhängigkeitstag“. Ewiggestrige seien jene, die das Land nicht mehr als Teil Italiens sehen wollen. Doch in ganz Europa gibt es solche Freiheitsbewegungen.

Von Reynke de Vos

„Das schönste deutsche Land liegt am Brennerhang. Uns genommen durch Kriegsrecht, uns geblieben durch Menschenrecht. Keiner kann es entfremden, keiner darf es enteignen. Dies deutsche Sprachland; dies deutsche Weinland; dies deutsche Blumenland; dies deutsche Lichtland. Der Ruf soll ergehn: ,Heraus damit!’ – solange noch unsereins Worte hat; und eine Feder; und eine Sehnsucht; und einen Willen.“ Was der Schriftsteller Alfred Kerr Ende der 1920er Jahre in Worte fasste, galt dem im schändlichen Friedensvertrag von Saint-Germain-en-Laye Italien zugesprochenen südlichen Teil Tirols.

Im Gegensatz zu heute wusste man damals noch, dass des Dichters Adjektiv „deutsch“ Sprache und Kulturgemeinschaft meinte, nicht national(staatlich)es Terrain. Zumal da es noch nicht allzulange her war, dass der österreichische Kaiser und ungarische König Franz Josef I. ganz selbstverständlich vor aller Welt bekannte: „Ich bin ein deutscher Fürst“. Und dass das Land unterm Brenner, als Teil des Habsburgerkronlandes Tirol, zu Österreich gehörte und Italien, das 1915 die Seiten gewechselt und es 1918 trotz Abschluss des Waffenstillstandes kurzerhand annektiert hatte, im Pariser Vorortvertrag vom 10. September 1919 als Kriegsbeute zugesprochen worden war.

Selbstbestimmung verweigert

Dort verblieb es auch nach dem Zweiten Weltkrieg und firmiert seitdem als „Provincia Autonoma di Bolzano-Alto Adige“, wenngleich die gesamte Tiroler Bevölkerung in Unterschriftensammlungen Manifestationen des Zusammengehörigkeitswillens dokumentierte und jüngste demoskopische Befunde in Südtirol sowie in Österreich den Wunsch nach Abhaltung eines Referendums über die Zukunft untermauern. Nie wurde den zwischen Brenner und Salurner Klause, zwischen Reschen und Dolomiten lebenden Menschen die Möglichkeit zuteil, gemäß dem Selbstbestimmungsrecht über ihre territoriale Zugehörigkeit, mithin über die Eigenständigkeit ihrer Heimat, zu befinden.

Lesen Sie auch:  Europa protestiert gegen Lockdowns und Impfpflicht

Maßgeblichen politischen Verantwortungs- und Entscheidungsträgern kam der Begriff Selbstbestimmung seinerzeit inflationär über die Lippen, als es ihnen um die gesetzliche Regelung der fallweisen Unterbrechung weiblicher Fertilität zu tun gewesen ist. In unserem Sinne bemüh(t)en sie sich tunlichst darum, die Erwähnung des Selbstbestimmungsrechts zu vermeiden.

Loading...

Für die österreichische Außenpolitik und die Mehrheit des Nationalrats gilt die Autonomie Südtirols ausweislich einer parlamentarischen Resolution vom Juli 2015 sozusagen als eine Art bereits vollzogener besonderer Form der Selbstbestimmung. Und als „Ewiggestrige“ – laut Außenminister Sebastian Kurz, dem sich SPÖ, ÖVP, Grüne, Neos und deren Pendants in Innsbruck und Bozen beflissen anschließen –, wer diesem völkerrechtlich verkürzten geistig-politischen Tiefflug nicht zu folgen bereit ist.

„Los von Rom“

Das sind viele, wie sich stets erweist. Soeben legten in Bruneck mehrere tausend Menschen auf einer von der „Arbeitsgemeinschaft iatz!“ (iatz = jetzt) des Südtiroler Schützenbundes (SSB) organisierten, volksfestartigen Zusammenkunft ein Bekenntnis zum Beschreiten des Weges ab, der zur Unabhängigkeit ihrer Heimat führen soll. Wen wundert’s, dass sich unter der Parole „Los von Rom“ nicht nur Tiroler von diesseits und jenseits des Brenners, sondern auch Vertreter von Venezianern, Triestinern, Lombarden, Friulanern und Sizilianern im Pustertal einfanden, sondern auch  Basken und Katalanen sowie Flamen und Schotten, deren „Los von …“ den Hauptstädten Madrid, Brüssel und London gilt.

Volksbewegungen

Für Manu Gomez hat das Referendum von Arrankudiaga (November 2014) zwar nicht die Unabhängigkeit des Baskenlandes gebracht, zumal das spanische Verfassungsgericht bisher jede derartige Regung als verfassungswidrig verwarf. Dennoch sei damit ein Schneebrett losgetreten worden, welches zur Lawine anwachse.

Shona McAlpine von der 2012 gegründeten Bewegung „Frauen für die Unabhängigkeit“ aus Glasgow wies darauf hin, dass beim Referendum 2014 nur wenig fehlte, um aus Schottland einen unabhängigen Staat zu machen. Dennoch habe sich seitdem politisch einiges ereignet. So haben in der Wahl zum schottischen Regionalparlament unlängst die Unabhängigkeitsbefürworter abermals die Mehrheit der Sitze errungen. Die dominante Nationalpartei SNP will über das „Los von London“ sofort wieder eine neuerliche Volksabstimmung ansetzen, sollten sich die Briten am 23. Juni mehrheitlich gegen den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union (EU) aussprechen. In Edinburgh hingegen ist man klar gegen den „Brexit“.

Lesen Sie auch:  Pandemie des Autoritarismus ist die wahre Bedrohung

Die Katalanin Anna Arqué, die schon auf dem ersten derartigen „Unabhängigkeitstag“ (Mai 2013) in Meran sowie anlässlich der dortigen Andreas-Hofer-Feier im Februar 2016 eine die politisch-korrekte Politik- und Medienwelt EUropas verstörende Rede gehalten hatte, bezeichnete jetzt in Bruneck all jene Verantwortungsträger, „die vor den Nationalstaaten auf die Knie fallen und das internationale Recht auf Selbstbestimmung verneinen“, als „Gefahr für die Demokratie“. Und Bart De Valck, Vorsitzender der Vlaamse Volksbeweging (VVB; Flämische Volksbewegung) stellte die volklich-nationale Eigenständigkeit über den (dieser meist entgegengehaltenen) Primat der Wirtschaft: „Ohne Eigenständigkeit gibt es keine Grundlage für Wohlstand und Wohlergehen“.

Hoffnung, Mut und Zuversicht

Unter dem Motto „Heimat in Bewegung – Los von Rom“ zogen dann Tausende durch Bruneck, wo sich dem Auge ein beeindruckendes Fahnenmeer zeigte. Immer wieder von Beifall unterbrochen indes die Abschlussrede Elmar Thalers. Der Landeskommandant der Südtiroler Schützen und Hauptorganisator des „Unabhängigkeitstags“ wies eindrücklich darauf hin, wie sehr Südtirol von Rom abhängig sei, das in den letzten Jahren die in ganz Europa wider besseres Wissen als „Modell“ angepriesene Autonomie sukzessive entwerte. „Wir haben ein starkes Vaterland, und wir sind ja nach wie vor − zumindest kulturell − ein Teil Österreichs“, just da gelte es anzuknüpfen und weiterzudenken, denn „die fertige Lösung, das perfekte Rezept für die Unabhängigkeit für unser Land“ gebe es nicht. „Niemand weiß, was er kann, bevor er’s versucht, und niemand weiß, was er erreichen kann, wenn er nicht nach mehr strebt“, rief Thaler dem enthusiasmierten Publikum zu und forderte von seinen Landsleuten mehr Mut: „Wer etwas schaffen will, der muss zuversichtlich sein, der muss anpacken wollen, der muss etwas wagen“. Unrechtsgrenzen könnten in Europa auf friedlichem Wege korrigiert werden, das habe die Geschichte bereits gelehrt. Auch Deutschland sei unerwartet und entgegen allen Voraussagen wieder vereinigt worden.

Lesen Sie auch:  Massenproteste gegen Covid-Gesundheitspass in Frankreich und Italien

„Es braucht den Mut zum Bekenntnis, denn nichts ist für immer, und nichts ist für die Ewigkeit“, lautet(e) denn auch das Fazit des Veranstalters für den „Unabhängigkeitstag“, der trotz niedriger Temperaturen in hoffnungsfroher, ausgelassener Feierlaune verlief. Für Stimmung sorgten Volkstanz- und Schuhplattlergruppen, Alphornbläser, Schwegler, Trommler, Goaßlschnöller, Ziehorgel-Spieler und nicht zuletzt die Musikkgruppen „Volxrock“ sowie „Die Seer“. Einen außergewöhnlichen Festbeitrag leistete der Südtiroler Heimatbund (SHB). Sein Heißluftballon trug den Schriftzug „Freiheit und Unabhängigkeit“ in die Lüfte. Der SHB wollte damit nach Aussage seines Obmanns (Vorsitzenden) Roland Lang „das Freiheitsstreben der Tiroler und aller anderen fremdbestimmten Volksgruppen unterstützen“.

Wenn sie, wie in Bruneck, ihren Weg mit Einsatz und Klugheit unerschrocken weiter beschreiten, dürfte sich ihre Hoffnung über das philosophische Prinzip des Ernst Bloch hinaus in ein erreichbares Ziel verwandeln lassen.

Teilen Sie diesen Artikel:

Wir brauchen ihre Unterstützung!

Liebe Leser, wenn Sie keine Premiumartikel lesen möchten, aber uns dennoch unterstützen wollen, dann können sie das auch mit einer Spende auf unser Bankkonto tun. Fragen Sie per eMail: redaktion@contra-magazin.com nach den Bankdaten oder übersenden Sie einen Unterstützungsbeitrag einfach per Paypal. Danke für Ihre Hilfe!

Loading...

7 Kommentare

  1. Was diese sog. Siegermächte machten war völkerrechtlich großes Unrecht, denn nach dem modernen Völkerrecht sind selbst bei angezettelten Angriffskriegen Landabtrennungen nicht eelaubt.  Entweder es gilt Recht schlechthin oder nur wenn es USrael in die Linie paßt. Und die besonderen Fürsprecher  für Genozide und Landabtrennungen waren immer Hochgeborene.

  2. Italien ist unser wertvollster Verbündeter

    Wenn die italienischen Verbündeten anfangen, uns in den Rücken zu schießen, wissen wir, dass der jeweilige Krieg verloren ist.

    Quod erat demonstrandum

  3. Südlich der Alpen lebte einst ein berühmter Faschist, der gleichzeitig ein sehr erfolgreicher Innenpolitiker war. Leider wollte er seine großen innenpolitische Erfolge auch von ebenso erfolgreichen außenpolitischen Erfolgen begleitet sehen. Aber die Spaghettifresser konnten bereits gegen die Neger im Abessinienkrieg nur mit Germaniens Hilfe bestehen. Und weil man in Rom von der Wehrmacht und deren Waffenbrüderlichkeit, vor allem nach der wiederum erfolgreichen Zusammenarbeit der Legion Condor mit italienischen Verbänden in Spanien so angetan war, ließ sich Herr Duce gerne auf neue militärische Spielchen ein. Zunächst erklärte er ganz mutig England und Frankreich noch ganz schnell den Krieg, bevor der Westfeldzug beendet wurde! Berlin tobte, weil man hier immer peinlichst darum bemüht war, den kriegerischen Konflikt hinsichtlich Danzigs nicht auszuweiten. Nun war das Malheur da, und zu allem Überfluß stellten die Römer auch noch vollmundige Gebietsansprüche an Frankreich. Derart firmiert wagten sie von Albanien aus die Eroberung Griechenlands; denn Griechenland, das war ja vor 2000 Jahren schon einmal römische Provinz. Diesmal waren die Folgen für die Berliner allerdings wesentlich fataler; denn der vorgesehene Einmarsch in die östlichen Räterepubliken mußte erst einmal verschoben werden, weil man dem guten Benito und seinen Maulhelden per völlig ungeplantem Balkanfeldzug das Fell retten mußte! Darum begann der geplante Angriff im Osten fatalerweise mit einer sechswöchigen Verspätung. Außerdem wurden die Wehrmachtverbände aus dem Balkan sofort an die neue Ostfront geworfen, ohne daß man ihnen die übliche Gelegenheit einer Auffrischung von Menschen und Material gab. Was in Griechenland so gut geklappt hat, das wird doch sicher auch in Nordafrika klappen, dachte sich der militärisch begnadete Duce und ließ in Lybien zum Angriff auf Ägypen blasen; denn Ägypten war schon unter den Ptolomäern eine sehr ergibige römische Provinz. Das Ergebnis war wiederum eine militärische Katastrophe, und die Wehrmacht mußte Truppen, die bereits mit Wintertarnkleidern im Reich auf ihren Einsatz im Osten warteten, für den Wüstenkrieg umrüsten. Aber was tut man nicht alles für unsere tapfersten Waffenbrüder der Achse. (Reparationen haben wir dann ja 1960 auch noch gerne freiwillig bezahlen müssen) Auf jeden Fall wurden in Afrika Truppen gebunden, welche an der Ostfront bitter fehlten

    1. @Waffenstudent – Erfreulich zu wissen, das es noch Zeitgenossen mit profunden Geschichtskenntnissen gibt. – Diese Italiener, unsere "Waffenbrüder" des 2. Durchgangs , hatten 2012 auch noch die Stirn, vor dem IGH in DenHaag die BRD auf Reparationszahlungen zu verklagen. 

  4. dass des Dichters Adjektiv „deutsch“ Sprache und Kulturgemeinschaft meinte, nicht national(staatlich)es Terrain.

     

    Ach ja, schade nur das man den Dichter heute nicht mehr fragen kann wie er es meinte

    Dan kann man ja ohne sorge alles hineininterpreatiren,wie etwar die behauptung

      nicht national(staatlich)es Terrain

     

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.