Die Enthüllung der „Panama Papers“ hat sich wie ein Lauffeuer rund um den Globus verbreitet. Kaum ein Medium, das nicht darauf verweist, dass es sich bei den 2,8 Terrabyte Daten, 214.000 Firmenadressen und insgesamt mehr als 11 Millionen Dokumenten um das „größte Datenleck“ der jüngeren Geschichte und damit um eine journalistische Sensation ersten Ranges handelt. 

Ein Gastartikel von Ernst Wolff

Journalisten preschen bereits vor und behaupten, mit diesen Enthüllungen sei ein großer Schritt zur Trockenlegung aller globalen Steueroasen für Superreiche und korrupte Machthaber getan. Auch die internationale Politik schließt sich an, entrüstet sich medienwirksam, fordert Strafverfolgung und mahnt strenge Konsequenzen wie die Schließung weiterer Steuerschlupflöcher an. 

Von langer Hand vorbereitet

Bei näherem Hinsehen stellt man allerdings fest, dass die Auswahl an Steuersündern zum einen recht einseitig ausfällt und zum anderen außergewöhnlich gut in das Konzept der US-Regierung passt. So werden bisher nicht bestätigte Vorwürfe gegen das Umfeld von Wladimir Putin und die Tochter des chinesischen Ex-Präsidenten erhoben, während man unter den aufgeführten Steuersündern vergeblich nach einem einzigen US-amerikanischen Staatsbürger sucht.  

Bei der Enthüllung der Daten handelt es sich auch keinesfalls um eine journalistische Bombe, die über Nacht geplatzt ist, sondern um einen von langer Hand vorbereiteten Coup, bei dem nichts dem Zufall überlassen wurde: 400 Journalisten von 100 Medienorganisationen in rund 80 Ländern waren mehr als 12 Monate lang mit der Auswertung der Daten beschäftigt. 

Die US-Jagd nach Steuersündern

Da man getrost davon ausgehen kann, dass die betroffenen Medien sich fest in der Hand internationaler Investoren befinden, sollte man von den „Panama Papers“ keine Enthüllungen erwarten, die der internationalen Finanzelite gefährlich werden könnten. Was aber steht dann hinter der Veröffentlichung dieser angeblich so brisanten Informationen?

Die Frage beantwortet sich von selbst, wenn man die Politik der USA gegenüber den größten Steueroasen der Welt in den vergangenen Jahren näher betrachtet. 

Vor allem seit der Jahrtausendwende hat die amerikanische Regierung nichts unversucht gelassen, um an das Geld ihrer eigenen steuerhinterziehenden Bürger heranzukommen.  So hat der US-Kongress 2010 das Fatca-Gesetz (Foreign Account Tax Compliance Act) verabschiedet, das außerhalb der USA gelegene Finanzinstitute dazu zwingt, alle Kontodaten von US-Bürgern an die US-Steuerbehörde IRS (Internal Revenue Service) zu melden.

Unter anderen gerieten die Schweiz, Luxemburg, Monako, Zypern Singapur und die Cayman Islands ins Visier der US-Justiz. Inzwischen haben zahlreiche Schweizer Banken nach Strafzahlungen in Milliardenhöhe das Angebot der USA auf Verzicht auf Strafverfolgung angenommen, ihre Taktiken zur Steuerhinterziehung offengelegt und damit das Ende des Schweizer Bankgeheimnisses besiegelt. 

Die Doppelstrategie der US-Regierung  

Das Ergebnis der amerikanischen Härte war allerdings eher ernüchternd: Die Gelder flossen im großen Stil aus den alten in neue Steueroasen. Deshalb suchten die USA nach einem neuen Weg, um an das Geld von Steuerflüchtlingen heranzukommen und änderten die eigene Taktik: Im Rahmen der G 8 und der G 20 spielten sie die eigene Macht aus und erwirkten, dass deren Mitglieder und die der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) einem Abkommen über den Automatischen Informationsaustausch (AIA) zustimmten.

In diesem Abkommen verpflichten sich fast 100 Staaten, gegenüber ausländischen Steuerbehörden, die Vermögensverhältnisse von deren Staatsbürgern offenzulegen. 

Nur wenige Länder haben dieses Abkommen nicht unterzeichnet – Bahrain, Nauru, Vanuatu… und die USA.

In anderen Worten: Die USA haben die ganze Welt mit Nachdruck zur Offenlegung des Steuergeheimnisses gedrängt, die dazu durchgesetzten Vorschriften selbst aber nicht übernommen. Und das ist nicht alles: In den vergangenen Jahren haben sie vier ihrer Staaten in wahre Steuerparadiese für internationales Kapital verwandelt. 

Das neue Steuerparadies USA

So galt der Staat Delaware bereits seit langem als idealer Platz zur Steuervermeidung und zur Einrichtung von Briefkastenfirmen. Dort sind, wie die New York Times 2013 ermittelte, in einem einzigen Haus in Wilmington 285.000 Gesellschaften ansässig. Sämtliche Dax-Unternehmen wie auch die Deutsche Bank und internationale Giganten wie Apple und Coca Cola nutzen die Steuervorteile und die Verschwiegenheit der Behörden.  

Aber nicht nur Delaware, sondern auch South Dakota und Wyoming zählen inzwischen zu den US-Plätzen, in denen ein uneingeschränktes Bankgeheimnis gilt und in die seit einiger Zeit Milliarden aus aller Welt fließen. Die Genfer Vermögensberatung Cisa Trust, die ultrareiche Südamerikaner berät, ist ebenso nach South Dakota gezogen wie Trident Trust, einer der weltgrößten Anbieter von Offshore-Konten, der der Schweiz und den Cayman Islands den Rücken gekehrt hat.  

Und noch ein Staat ist inzwischen hinzugekommen: Nevada. Hier hat die Schweizer Rothschild Bank 2013 in Reno eine Filiale eröffnet, die sich um die Vermögen ultrareicher Familien aus aller Welt kümmert und sich die weltweit wohl einmaligen Vorschriften für Geschäftsfirmen zunutze macht: Kein Stammkapitalpflicht, keine Buchführungs- und Bilanzierungspflicht, keine Aufbewahrungspflicht für Belege und Nachweise zur Mittelverwendung und – bei entsprechender anwaltlicher Beratung – keine Betriebsprüfungen. 

Die USA haben es also nicht nur geschafft, den Rest der Welt zu zwingen, ihnen bei der Jagd auf eigene Steuersünder zu helfen, sondern den übrigen Staaten der Welt auch noch deren Steuersünder abspenstig gemacht und so für den Zustrom riesiger Summen ins eigene Land gesorgt. Damit haben sie zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Sie haben die Konkurrenz empfindlich geschwächt und dazu beigetragen, dass der Zustrom von Milliarden von Dollar ins eigene Land die eigene Zahlungsbilanz aufbessert und den kränkelnden Dollar – zumindest vorübergehend – stützt. 

Warum dann aber noch die Veröffentlichung der „Panama Papers?“ 

Mit Hilfe der „Panama Papers“ wird nun dieser Strom noch zusätzlich befördert, und zwar durch die Zurückhaltung von Informationen: Welcher Ultrareiche und welcher Politiker weiß schon, ob er nicht auch noch in irgendeiner Liste auftaucht? Was wird er tun, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen? Vermutlich wird er sein Vermögen so schnell wie möglich in das neue Steuerparadies USA transferieren… 

Und ganz nebenbei dienen die „Panama Papers“ auch noch dazu, bisher nicht belastete unliebsame Politiker und Konkurrenten auf dem Finanzmarkt unter Druck zu setzen, denn von einem kann man wohl ausgehen: Die Zahl führender Persönlichkeiten, die angesichts der angekündigten Veröffentlichung zusätzlicher Informationen derzeit gut schlafen können, weil sie sich in der Vergangenheit nichts haben zuschulden kommen lassen, dürfte sich in Grenzen halten.  

https://www.youtube.com/watch?v=zbdP_13wHQQ

Ernst WolffErnst Wolff ist freier Journalist und Autor des Buches

Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs“,

erschienen im Tectum-Verlag, Marburg.

7 KOMMENTARE

    • sorry tomtom aber was hat dein link mit dem Artikel zu tun ?

      Zum Thema selbst hatte ich es ja gestern beim Artikel von Ernst Wolff schon gepostet als ich ihn gelesen hatte. Was da die Journalisten machten, war einfach ein nach Vorgabe und Bezhalung aus den USA, die gewünschten Personen zu suchen und zu durchleuchten.

      So wie Griechenland bis dato die größe Umverteilungsmaschinerie von Steuer-zu Privatgeld war, so wird das hier der größte Erpressung der Menscheheitsgeschichte. Sieht man sich die ganzen Verbindungen der handelnden Personen an (z.b. Mossak zu Rothschilds etc), darin noch involviert das FBI und die US-Steuerbehörde, inkl. der Geldgeber dieser ICJI Journalisten, dann hellt sich das Bild schon sehr stark auf.

  1. Ich denke, der Artikel von Herrn Wolff bringt die notwendigen Informationen, um die Frage – wem nützt die Geschichte – ausreichend zu beantworten. Unser größtes Schuldenimperium hat die Muskeln spielen lassen und die Welt kuscht.  —  Für uns Europäer ist die Erkenntnis, nicht nur mit der Schweiz, mit Luxemburg und Liechtenstein Steuerparadiese vor Ort zu haben, sondern auch noch im Hoheitsgebietder Angelsachsen mit den Kanalinseln Jersey und Guernsey über 2 Steueroasen mit (!!!) Bankgeheimnis zu verfügen. Diese Inseln machen den von den USA im Artikel genannten erzwungenen Informationsaustausch nicht mit und hüten "ihre Geheimnisse". Allerdings sind die vermuteten Summen noch nicht im Billionenbereich, sozusagen noch ausbaufähig. —  Die sog. "Panama papers" bieten den Pressehuren doch 'mal wieder ein Betätigungsfeld, auf dem sie zur Höchstform auflaufen können und die Volksseele kocht und wird von der "Flüchtlingsinvasion" abgelenkt.. Die dummdreisten "Roten" Ex-Sozialdemokraten schreien nach Neuregelungen, was nicht verwundert, konnten sie ihre sprechblasen ausreichend vorbereiten, da bereits das NRW-Finanzministerium seit 1 Jahr über CD´'s verfügte, die sie für einen Millionenbetrag (Steuergelder, was sonst) aus Panama angekauft hatten. Das wäre aus meiner Sicht ein Grund für Staatsanwälte zu ermitteln, gegen die rote Landesregierung von Kraft.

    • Noch dazu wurde scheinbar von Seiten der "investigativen Journalisten" (man kann annehmen auf Anweisung oder vorher ohnehin schon herausgefiltert) erst einmal nur gezielt nach Peronen gesucht, die auf der UN/US Sanktionsliste stehen. Eine kurze Einschätzung dazu von Dirk Müller https://www.youtube.com/watch?v=3C2gSUJ5-Bk

      Ich halte die Einschätzung von Ernst Wolff für zutreffend. Das wirkt alles wie orchestriert. Zusätzlich könnten die PP noch als Grundlage für die "Harmonisierung" des Datenaustausches und der Überwachung herhalten – alles schon in der Schublade, siehe Maas. Natürlich wird es da Ausnahmen geben… Die ganz Großen wird es ohnehin niemals treffen, ein paar Kleinere werden zur Beruhigung vorgeführt, das war es.

      Und dann bleibt ja immer noch zu klären, was im Einzelfall wirklich rechtlich zulässig ist und was nicht, da gibt es sicher genügend Winkeladvokaten, die auf so etwas spezialisiert sind.

  2. Immer wieder bin ich verwundert, wie dreist und kaltschnäuzig die USA ihre Forderunrgen stellen, und durchdrücken können, wie dumm und naiv unsere Politiker deren Vorgaben folgen? Man beschäftigt dort "think tanks", also Strategen, Wissenschaftler, Experten. Während man bei uns nicht einmal die Meinung der Wirtschaftswissenschaftler hören wollte (Sarrazin), oder befolgen (Sinn), sondern konzeptlos mit Fachkräften von den wahren Problemen ablenkt?

    Was das alles für uns bedeutet? Ganz einfach: Wer sich derart bloß stellen lässt, und dabei vor Horror nicht sein Gesicht verliert, hat scheinbar den Ernst der Lage nie begriffen? Lächelt einfach immer schön in die Kameras, die (Lügen-) Presse mit Zensur, Vertuschung, Leugnung, und Nebelkerzen weiß auch, wie man die Wahrheit verschweigen könnte. Aber das Lügengebilde hat schwere Risse, das Ende ist nah!

    Aufklärung dank Conta-Magazin und vielen Blogs heute einfacher denn je. Danke!

  3. Das ganze ist politisch motiviertes Geschrei um nichts. Die VSA als geissel der freien Märkte und ihre Führer tun sich eben verdammt schwer mit dem freien Wettbewerb. Dabei sind diese genauso verblendete psychopathen wie all die Politik-Darsteller, die jetzt wegen dieser "lecks" wieder schärfere Finanzkontrollen fordern.

    Dabei sind beide doch genau die Verursacher des Problems!

  4. Wie es sich bei der Entwicklung der Briefkastenfirmen schon jahrelang abzeichnet, scheint es sich um eine Art sportlichen Wettbewerb, nicht nur um die höchsten Einlagen in den einzelnen Steuerhinterziehungszentren zu handeln, sondern letztendlich um den Eintrag in das 'guinness book of world records', als größtes, gewinnträchtigstes und sicherstes Steuerhinter-ziehungszentrum.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here