Jammern ist des Kaufmanns Gruß, heißt es. Besonders die kleinen Händler stöhnen unter dem Preisdruck der Konzerne und der Verantwortungslosigkeit vieler Kunden, die sich wegen einiger Euro Ersparnis den Multis zu Füßen werfen. Doch manchmal sind auch die kleinen, lokalen Händler selber schuld, wenn ihnen die Kunden davonlaufen. Ein Erlebnisbericht.

Von Marcello Dallapiccola

Es begab sich vor etwa vier Jahren. Wie immer zu Frühlingsbeginn brachte ich meinen geliebten Drahtesel zum Service. Bei der Gelegenheit fiel mir auf, dass der Gaul auch schon die 15 Jahre voll hat – Zeit, sich nach einem neuen Modell umzusehen. Also tue ich mein Begehr dem Chef des Ladens – nennen wir ihn Fahrradhändler R. – kund und umreiße grob, was ich mir vorstelle: Am liebsten so was wie mein altes Rad, nur in neu. Kosten darf es bis zu 800, aber ein paar Euro auf oder ab wären mir auch wurscht, verkünde ich ihm.
Zur Erklärung: es handelt sich dabei um ein straßentaugliches Standard-Mountainbike, also nix extravagantes. Der Kerl zeigt mir einige moderne Räder mit riesigen Reifen, die deswegen ohne Federung auskommen; die Riesenreifen fingen jeden Stoß genauso gut ab, schwärmt er.
Geduldig erkläre ich ihm nochmals, was ich mir vorstelle, diesmal langsam und deutlich, bestimmt, aber freundlich. So etwas habe er im Moment nicht da, erklärt mir der Fahrradhändler. Das Gespräch findet in einem Laden statt, der voller neuer Räder steht. Ich solle ihm meine Nummer da lassen, er würde mich anrufen; bald schon bekäme er genau das herein, was ich mir vorstelle. Ich tue wie mir geheißen und harre in den nächsten Wochen seines Anrufs.

Ein Jahr später. Wieder bringe ich mein Rad zum Service. Bei der Gelegenheit schnappe ich mir den ewig unter Volldampf stehenden Fahrradhändler und rufe ihm unser Gespräch ins Gedächtnis. Er scheint sich ganz dunkel erinnern zu können, rennt hektisch ins Büro, kramt in ein paar Zetteln. Ob ich ihm meine Nummer geben könne, er würde mich anrufen …
Im Jahr darauf bringe ich mein Rad zu einem anderen, nennen wir ihn Fahrradhändler D., zum Service, weil ich über Händler R. verärgert bin. Dort schnappe ich mir den Juniorchef. Auch ihm stelle ich 800 Euro in Aussicht, wenn er mir denn ein Fahrrad verkauft, das in etwa meinen Vorstellungen entspricht. Er meint, weil ich doch recht groß sei, bräuchte ich 28-er Felgen – soll mir auch recht sein. Solche Räder bekäme er in etwa einem Monat rein, ich solle ihm doch meine Nummer hier lassen, er würde mich dann anrufen und mich zu einer Probefahrt einladen.

Ein weiteres Jahr später, gleicher Laden, gleicher Juniorchef. Als ich mich ihm in Erinnerung rufe, fällt es ihm wenigsten sofort wieder ein. Es tue ihm leid, dass er mich vergessen habe, aber ich wisse ja, wie das sei…
Leider hat er auch diesmal keine 28-er Räder vorrätig, und auch sonst scheint es wieder einmal in einem Gebäude voller Fahrräder kein einziges zu geben, das meinen Anforderungen entspricht. Immerhin verspricht er mir hoch und heilig, mich diesmal nicht mehr zu vergessen. Schon in wenigen Wochen würde er sich melden…
Sie ahnen es bereits, geschätzter Leser: Ich fahre immer noch mit meinem mittlerweile fast 20 Jahre alten, waidwunden Gaul durch die Gegend, die 800 Euro liegen nach wie vor in der Sockenschublade und müffeln inzwischen vermutlich schon ein wenig.
Da geht man absichtlich bewusst zum lokalen Kleinhändler um diesen zu unterstützen, nimmt in Kauf dass man für ein Produkt mehr bezahlt als bei den Multis – und als Ergbnis bekommt man den Eindruck vermittelt, dass sich diese Flachpfeifen bewusst weigern, einem ein Fahrrad zu verkaufen. Das scheint fast schon eine Konspiration zu sein! Mit schierer Unfähigkeit ist das doch kaum noch zu erklären, da scheint es sich schon mehr um ein systematisches Totalversagen zu handeln.

Doch damit nicht genug. Seit geraumer Zeit sehe ich mich auch nach einem neuen Netbook um. Nur um ein paar so Dinger mal anfassen zu können (als Vieltipper lege ich besonderen Wert auf die Tastatur), begab ich mich also in den örtlichen Computerschuppen.
Doch schon beim Anblick des Verkäufers beschlich mich ein mulmiges Gefühl: Es war derselbe, der mir '06 oder '07 schon einmal einen Laptop verkauft und das damals neue Vista als Nonplusultra der Betriebssysteme angedreht hatte, ein zu kurz geratener, leichenblasser Suppenkasper mit tief-violetten Augenringen, um die ihn jeder schwerst Drogenabhängige beneiden würde.
Ich erinnere mich noch gut: Damals wollte ich einen Laptop ohne Betriebssystem, um ein altes XP oder ME draufzuknallen, woraufhin der Kerl mir explizit riet „lieber 100 Euro mehr für ein ausgereiftes Betriebssystem mit super Support dahinter“ zu bezahlen. Ha!
– Nun gut, nach drei Jahren des Herumärgerns hat mich die Verzweiflung über genau dieses Paket letztlich in die Arme von Linux getrieben, also sollte ich dem Knaben schlussendlich vielleicht sogar dankbar sein?!?

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Jedenfalls, als ich ihm erkläre was ich haben möchte, schleicht sich sogleich eine Portion Entsetzen in seinen Blick: Kunde droht mit Auftrag!
Nachdem ich mit meiner Schilderung fertig bin, hält er mir arrogant einen Vortrag, dass es so etwas gar nicht gäbe. Ich erwidere, dass ich aber genau das geschilderte Gerät zuhause habe und nun gerne quasi die neueste Version davon kaufen möchte. Daraufhin fängt der Wicht an, mir einen Vortrag über die Spezifikationen zu halten, die sich hinter dem Begriff „Netbook“ verbergen – als ob ich ihn danach gefragt hätte! Es ist mir doch vollkommen schnurz, was dieser Dreikäsehoch sich unter einem Netbook vorstellt und was nicht!
Langsam leicht genervt und das auch nicht mehr verbergend, suche ich schnell im I-net und zeige ihm das betreffende Gerät. Er runzelt die Stirn und mokiert, da wäre ja kein Betriebssystem drauf.
Das sei ja Sinn der Sache, wende ich ein, denn ich würde ja ohnehin gleich beim ersten Hochstarten Linux installieren. Woraufhin er mich anglotzt wie ein Mondkalb und meint, dass ein Laptop (das mit dem Netbook hat er das ganze Verkaufsgespräch über nicht kapiert) ohne Betriebssystem sowieso mal teurer wäre, weil die ja extra hergestellt werden müssten …
Er verzapft also das genaue Gegenteil seines dummen Gelabers von anno dunnemals!
In dem Moment wurde mir auch klar, dass es keinen Sinn hat, mit diesem Hampel weiter zu diskutieren. Die Nummer habe ich ihm zwar auf seine Anfrage hin noch dort gelassen – er wolle schauen, ob er so ein Gerät irgendwo auftreibe und sich dann melden – doch mir war gleich klar, dass ich von dem nie wieder etwas höre. Und so kam es und so blieb es auch bis zum heutigen Tage.
Besuche bei gleich zwei der bösen Elektronik-Großhändler in den darauffolgenden Tagen stimmten mich aber wieder versöhnlich. In beiden Großmärkten sind gleich mehrere Modelle vorhanden, die genau meinen Vorstellungen entsprechen – mit und ohne Betriebssystem, ganz wie's der Kunde wünscht.

Fazit: Man kann und darf nicht alle kleinen Händler in einen Topf werfen. Die vielen Einkäufe bei Ab-Hof-Verkäufen in der Region, bei denen ich mich mit Obst, Gemüse und Getreide eindecke, gehen stets reibungslos über die Bühne und die Bauersleut' sind auch immer freundlich bemüht, ihre Kunden zufrieden zu stellen. Aber bei den Mängeln, die man im kleinen, lokalen Fachhandel als Kunde teilweise erlebt, dürfen sich so manche der kleinen Gewerbetreibenden nicht wundern, wenn die Kundschaft sich mit Grausen abwendet.

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3 thoughts on “Örtlicher Kleinhandel: Schwarze Schafe ruinieren den Ruf”

  1. Die Sache mit der Telefonnummer ist mir auch schon passiert.

     

    Beim Lesen des Artikels hatte ich dann die Idee, dass "Geben sie mir mal ihre Telfonnummer, ich melde mich bei Ihnen, wenn ich dann was für sie passendes habe." eigentlich nur Code für "Ey Alter, ich hab noch was anderes zu tun. Mit dir bin ich fertig. Mach dich vom Acker." ist.

     

    Oder was soll das Ganze sonst???

     

    Euphemismus allerorten.
     

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