Trümmerfeld Ukraine. Bild: dergachev.ru
Trümmerfeld Ukraine. Bild: dergachev.ru

Die Ukraine ist gefallen…

Der ukrainische Meister der Analyse, Rostislaw Ischtschenko, beschreibt den Entwicklungsstand seines Heimatlandes. Und das wie immer brillant. Wohin geht die Reise, Ukraine?

Von Rostislaw Ischtschenko, Übersetzung: Thomas Roth

Der Prozess der Selbstauflösung und Rückentwicklung der Ukraine zum Feudalbesitz, der früher im latent bandenmäßigen Format abgebildet wurde, hat sich auf ein neues Niveau entwickelt: Transkarpatien fordert die Autonomie.

Und ein Elend kommt selten allein. Washington hat Poroschenko die Unterstützung entzogen. "Unabhängige" Journalisten, finanziert von der amerikanischen Regierung, haben die "Milliarden Putins" gesucht und dabei die Daten von Offshoregesellschaften des ukrainischen Präsidenten und von noch zwei Dutzend Vertretern der Kiewer Führung veröffentlicht, die zur Vermeidung von Steuern und für die Geldwäsche verwendet werden. Nebenbei haben sie mitgeteilt, dass es bei weitem noch nicht das ganze kompromittierende Material über die ukrainische politische Elite ist, das sich in ihrer Verfügung befindet und sie haben versprochen, in nächster Zukunft das Thema auszubauen. Als Sahnehäubchen stimmen die Holländer in einem Referendum gegen die Ratifizierung des Abkommens über die Assoziierung der Ukraine in der EU.

Damit ist die Konstruktion der ganzen ukrainischen Politik, die in den zwei letzten Jahren entstand, ins Wanken geraten. Die Ziele haben sich als unerreichbar erwiesen, die Mittel dazu als schlecht, die Führer als verlogen und amateurhaft, die ausländischen Partner als Verräter. Die Maidan-Öffentlichkeit befindet sich im Schock. Die Orientierungspunkte sind verloren gegangen. Neuerdings beschäftigt sich die öffentliche Diskussion damit, wer am Misserfolg der Wanderung zu den "europäischen Werten" schuld ist und was man mit den Schuldigen machen soll. Es sind die ersten scheuen Stimmen für ein Impeachment zu hören, von einer Erneuerung der Eliten und sogar vom Neuladen der Staatlichkeit ist die Rede.

Im übrigen, die Elite, die sich an das regelmäßige beifällige Gemurmel der verwöhnten Kiewer kreativen Klasse gewöhnt hatte, fühlt sich von allen möglichen Leuten beraubt und verwendet auf Kiewer Stöhnen keine besondere Aufmerksamkeit. Der Tanz auf dem Vulkan dauert an und sammelt sogar seine Kräfte. Verschiedene Elitegruppierungen versuchen traditionell, die politische Krise für die Verstärkung ihrer Machtpositionen zu nutzen, bei der Umverteilung der Abgeordnetenstellen, bei den Ministerposten, um dann Einfluss und Eigentum zu ihrem Nutzen zu verwenden. Alle handeln mit allen, alle betrügen und verraten sich gegenseitig. Im Allgemeinen pulsiert in den herrschaftlichen Kabinetten der ukrainischen Hauptstadt das Leben, es werden ambitionierte Pläne für die Zukunft aufgestellt, es wird um Verbündete geworben und es werden die Ressourcen konzentriert.

Geld gibt es nirgends mehr zu holen

Und alles könnte so gut sein. Die ukrainische Elite hat die Krisen und den Umsturz verhältnismäßig ruhig überlebt. Aber in den zwei letzten Jahren hat sich die Situation in der Wirtschaft der Ukraine grundlegend verändert.

Die Wanderung zu den "europäischen Werten" hat nicht nur das Erscheinen auf den Straßen und die Legalisierung (im Bestand des Innenministeriums und der Armee) der Neonazibanden zur Folge gehabt. Die ukrainische Elite hätte selbst die Neonazis züchten und aufziehen können – und wäre dabei völlig ruhig geblieben. Ein unvermeidliches Ergebnis dieser Wanderung wurde allerdings die komplette Vernichtung der ukrainischen Wirtschaft. Und zwar so wirksam, dass der Präsident, der Ministerpräsident und die Finanzministerin bei der Vorbereitung des Budgets für 2016 im Klartext dem Parlament erklärten, dass der Einkommensteil des Budgets nur vorbehaltlich einer regelmäßigen Kreditgewährung vom Internationalen Währungsfonds, aus den USA und von der EU gebildet werden kann.

2016 hat die Ukraine die innere Ressourcenbasis der Staatlichkeit vollständig verloren und befindet sich seit dem in vollständiger Abhängigkeit von ausländischen Finanzierungen. Da die ausländischen Finanzierungen schon im dritten Quartal 2015 gestoppt wurden, blieb die zentrale Macht ohne finanz-ökonomische Ressource. Also verfügt der Staat, in dem es keine Wirtschaft gibt, auch über keinen allgemeinen Wirtschaftsraum mehr, dessen Hauptfunktion in der Bedienung des politischen Überbaus besteht. Und wenn die zentrale Macht über keine ausreichende ausländische Finanzunterstützung verfügt, dann kann sie auch die Loyalität der regionalen Eliten nicht mehr mit der Verteilung der Mittel kaufen, die von den fremden Anleihen stammen – banal gesagt, sie bestechen.

Wenn die zentrale Macht weder über eine Wirtschaftsbasis, noch über freie Finanzmittel verfügt, die sie für die regionalen Eliten einfach benötigt, dann wird sie für diese zur Last. Man muss sie unterhalten, sie beansprucht das Recht, über das in den Regionen verteilte Staatseigentum zu verfügen, sie bestimmt die Spielregeln und vergisst dabei den eigenen Vorteil nicht. Da sie aber die finanz-ökonomische Basis nicht mehr haben und sich nur auf die bewaffneten Kräfte stützen können, werden sie zunehmend nicht mehr als der Wortführer der gesamtstaatlichen Interessen wahrgenommen.

Die bewaffneten Ressourcen der ukrainischen Macht, die im Donbass stecken geblieben sind und von ihr nur schwach kontrolliert werden können, rufen nicht unbedingt besondere Achtung in den Regionen hervor. Deshalb behält man auch in den Rownoer und Schytomyrer Gebieten die gesamte – und damit ungesetzliche – Beute vom Bernstein zurück und die ortsansässige Bevölkerung des Gebietes Cherson klärt ihre laufenden Beziehungen mit der Krim, den Krimtataren und den Neonazibanden selbständig, ohne Hoffnung auf eine adäquate Reaktion Kiews.

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11 comments

  1. Der Artikel zeichnet ja ein trostloses Bild.

    Ist es eigentlich in dieser Situation ratsam, einen touristischen Besuch in Odessa zu planen oder ist die Gefahr ausgeraubt (oder noch schlimmeres) zu werden zu groß?

    • Meines Wissens nach ist Odessa selbst offenbar recht sicher (geht wohl auch im Achmetows Einflussbereich).

      • In Odessa legten vor drei Tagen amerikanische Kriegsschiffe für irgendeine Übung an. Dann ist der Borschafter auch da. Saakaschwili, der dortige Gouverneur, ist auch ein Mensch überragender Dummheit. Das Affentheater um die Besetzung der leitenden posten beim Zoll ist auch noch im Gange. Der größte Containerhafen und Ver-und Entladehafen für Öl und Gas sind leer und der 2.Mai ist bald ran.

        Also, gute Reise in eine der schönsten Städte Europas – aber Augen auf! 

        • Vielen Dank euch Beiden für die ermunternden Worte.

          Die Koffer werden mit Freude auf eine spannende Reise gepackt. :-))

          • @Gunther; ich würde mir es noch einmal gründlich überlegen in die Ukraine zu reisen, ich habe Freunde deren Familien noch in der Ukraine leben und diese so schnell wie möglich verlassen wollen

            1. Tipp; bevor man ins Ausland reist sollte man sich vorher über die Aktuelle Situation informieren

            2. Tipp; antworten sie niemals auf Fragen, (es könnte ihr Todesurteil bedeuten) sollte den Fascho Banden ihre Antwort nicht entsprechen

            Warnung; die Umstände in der Ukraine haben sich extrem verschlechtert und im Kampf ums Überleben, spielt der Tod eines anderen Menschen keine Rolle.

            Zudem deuten alle Anzeichen auf einen bevorstehenden Kriegsausbruch in der Süd-Ost Ukraine

            In diesem Sinne viel Spass; einmal sehen und sterben

  2. Der Artikel zeichnet ja ein trostloses Bild.

    Ist es in dieser Situation eigentlich ratsam, einen touristischen Besuch nach Odessa zu planen oder ist inzwischen die Gefahr, massiv ausgeraubt (oder schlimmeres) zu groß geworden?

  3. In Kiew nichts Neues nur dass wir das ganze noch einmal aus berufenem Mund bestätigt bekommen.Dass die Wirtschaft noch nicht vollkommen zusammengesackt ist verdankt die Ukraine dem Ausland.Nicht richtig zum Ausdruck gekommen ist dem Bericht, welchen massiven -negativen oder positiven- Einfluß die usraelische Mafia in der Ukraine hat, da die Ukraine sehr stark jüdisch gepowert ist. Die überdeminsionale Wetschäzung der Ukraine und ihr "Freiheitsstreben" und Anschluß an die ?? "westlichen Werte" durch die USA hat für mich alledings einen ganz  anderen simpleren Grund als den vorgeschützten. Die Ukraine wird von USrael als Punchball mißbraucht ,wenn man von einem kalten Hrieg in einen heißen Krieg übergehen  und diesen in Europa austragen will. Vielleicht ist das eine Drohung für den Fall, dass sich die EU mit allen Mitteln gegen den C-K-Plan wehrt und man seine damit bezweckten Zielvorstellungen nicht durchbringt.Vielleicht hat man dies an den entsprechenden Stellen schon anklingeln lassen.

     

    • Für die US-Geostrategen erfüllt die Ukraine ihre Aufgabe, das sehe ich ebenso. Alles nach Plan verlaufen, eine große Krise verursachen, dann den Staat an private Interessenten "verfüttern" . Über das genaue Ausmaß von Investitionen globaler Konzerne in dem Staat mit dem fruchtbarsten Boden weltweit, gibt es reichlich Informationen und wie üblich finden wir Monsanto unter den Genannten. Der ukranische Staatsschatz ist auch "in Sicherheit" gebracht worden, die Oligarchen (insbesondere einer gewissen Volksgemeinschaft) haben die EU-Milliarden sicher gut angelegt (ich glaube nicht, das die Panama Papers genaueres darüber verraten werden) und das destabilisierte Land soll nun der EU "näher gebracht" werden. 

  4. Transkapatien.

    Teile und Herrsche. 

    Der Krieg kommt nach Zentral-/West-Europa.

    Dank der Politik der maximalen Idiotie der von USrael ferngesteuerten Irren in Berlin und Brüssel.

  5. der ukrainische "meister der analyse" scheint wohl die letzten 1.5 jahre geschlafen zu haben – ein impeachment steht nicht erst seit gestern zur debatte.

  6. sehr interessant. Danke für die Übersetzung.

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