Es wird uns ja immer gesagt, dass wir alle fest Aktien kaufen sollen mit unserem Geld. Schließlich unterstützen wir damit die Wirtschaft, weil unsere Investitionen innovativen Betrieben zugute kommen – angeblich. Wahrscheinlich bringt traditionelles Sparen auch deshalb inzwischen nichts mehr: Die Bürger sollen an die Börsen getrieben werden, wie Nutzvieh in den Schlachthof. Dafür gibt’s seit einiger Zeit sogar eigene Apps.

Von Marcello Dallapiccola

Manche haben vielleicht schon eine der Werbekampagnen für diese neuen Börse-Spielchen per App gesehen. Bilder von glückstrahlenden Hipstern, die einen Handy-Bildschirm in die Kamera halten, auf dem zum Gewinn von xy an Kohle gratuliert wird; begleitet werden die weichgezeichneten Bilder kapitalistischen Frohsinns von der coolen, sonoren Sprecherstimme eines Mannes mit leichtem Schweizer Akzent, der im Dummie-Börsenlatein vermeintliche Checker-Weisheiten zum Besten gibt. Der Schweizer Akzent des Sprechers ist original und bewusst gewählt; die Bankster, die diese nette Gaunerei erfanden, haben an der Werbung also nicht gespart und sich ganz bewusst einen echten Gütesiegel-Schweizer geleistet, weil allein dessen Akzent bei jedem Hörer sofort die Assoziation von sagenhaftem Reichtum hervorruft.

„Handel mit binären Optionen“ wird dieses moderne Hütchenspiel genannt und es erlaubt dem Benutzer, sich auch noch in den eigenen vier Wänden von der internationalen Finanzmafia abziehen zu lassen. Funktionieren tut es ganz einfach, damit auch wirklich jeder Dorftrottel mitmachen und seine sauer verdienten Netsch auf den Kopf hauen kann: App installieren, Startgeld (meist so um die 100 T€uro) einzahlen und schon ist man dabei. Die vielbesungene Wirtschaft hat davon natürlich rein gar nix, denn man wettet (!) dabei meist nur auf steigende oder fallende Kurse. Das nutzt einzig und allein den Krawattingern an den Börsen; Firmen, auf deren Kurse gewettet wird, haben davon nichts. Darum sollte dieses dubiose Finanzprodukt eigentlich richtigerweise „Binäre Wetten“ heißen, aber die Wahrheit fällt ja gerne einmal "marketingstrategischen Überlegungen" zum Opfer.

Dass man sein Geld dabei auch verlieren kann, wird in den Spots nur im Kleingedruckten eingeblendet – und auch dort nur so kurz, dass man es niemals lesen könnte, auch wenn es denn in einem lesbaren Schriftgrad gesetzt wäre. Aber, da werden die Konsumprimaten, die sich von dieser Schlange mit Schweizer Zungenschlag verführen lassen, schon selber drauf kommen, wird man sich gedacht haben.

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Ob man von dieser Zockerei per App auch süchtig werden kann, wie vom Daddeln an den Automaten im Casino? Und ob man dann wohl auch Spielverbot bekommt, wenn man sich verschuldet und seine ganze Familie runiniert hat? – Obwohl, gewisse Unterschiede gibt es schon: Ein Casinobesuch ist immer noch ein gewisses Erlebnis, es gibt eine Kleiderordnung, man kommt unter Menschen; mit dem Zocken per App kann man sich auf Deutsch gesagt auch ausnehmen lassen, während man am stillen Örtchen thront.

Wie aberwitzig diese finanziellen Rechenspielchen mit Kursen und Werten und überhaupt allem, was sich handeln lässt sind, zeigt sich, wenn man das Modell weiter denkt. Würde auf diese Art wirklich ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Geld verdienen können, dann würden das bald auch immer mehr tun – und immer weniger würden in der realen Wirtschaft den Buckel krumm machen. Doch wer hält dann den ganzen Betrieb am Laufen, von dessen Auf und Ab diese ach so schlauen Neo-Spekulanten leben?

Die internationalen Finanz-Verbrecherorganisationen haben hier ein neues Werkzeug entwickelt, um unbedarften Schäfchen noch mehr Kohle aus der Tasche zu ziehen, damit sie ihre Blasen weiter aufblähen können. Ganz egal, als wie hip und modern es in der Werbung auch angepriesen wird: Es ist und bleibt nichts anderes als ein Spiel – und da gewinnt bekanntlich letzten Endes immer nur die Bank.

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