Allmählich werden alle Vorteile des Waffenstillstands für die syrische Regierungsarmee offensichtlich. Die Front der Gegner ist gespalten, die Drohung mit der äußeren Aggression ist verschoben, die Armee ist in die Lage versetzt worden, die Zahl ihrer Angriffsgruppierungen zu vergrößern und breite Angriffshandlungen durchzuführen. Das alles wurde nur möglich wegen jener Erfolge, die wir in den vergangenen Wochen gesehen haben.

Von Thomas Roth

Der Waffenstillstand

In Absprachen mit dem russischen Kommando hatten bis zum Ende der letzten Woche schon 42 Gruppierungen der Opposition zugestimmt, den Krieg gegen die Regierung zu beenden. Es wurden Verhandlungen mit den geistlichen Führern, den Vertretern der Verwaltungen und der Öffentlichkeit an 12 Orten in den Provinzen Damaskus, Aleppo, Homs, Latakija und das al-Kunejtra geführt. Im Verlauf dieser Treffen wurden die Fragen des Waffenstillstands und des Übergangs der bewaffneten Gruppen zum friedlichen Leben besprochen.

Allmählich wird der politische Dialog in den Provinzen hergestellt. Am 8. März hatte auf Initiative des Gouverneurs der Provinz Hamas bei breiter Unterstützung der Bevölkerung eine Versammlung zur Volksversöhnung stattgefunden. Es war mehr als 400 Delegierte anwesend, die 82 Orte vertraten.

Wie im Osten üblich respektiert man die bewaffnete Kraft und ist bereit, sich jenem zu unterwerfen, der über die größte Kraft verfügt. Die, die noch vor einem halben Jahr bereit waren, den Krieg gegen Baschar Assad bis zum bitteren Ende zu führen, suchen heute ihre Stelle im Nachkriegssyrien und haben nichts gegen die Handlungen des Präsidenten.

Die äußere Bedrohung

Noch Ende Februar sagten die "Analytiker" voraus, dass es zu einer offenen Militäroperation der türkischen Armee in Syrien kommen wird. Sie beurteilten die Militärmacht der Republik Türkei und bewerteten, wie viele Tage/Wochen Assad im Falle des Einmarschs durchhalten wird. Sie warteten regelrecht auf die Niederlage. Es wurde nicht öffentlich gesagt, aber die Schadenfreude war oft zu sehen. Sie warteten darauf, wann Russland – involviert in Syrien – damit beginnen würde, Zeter und Mordio zu schreien, um dann sagen zu können: Ich habe es ja gesagt.

Loading...

Aber nichts ist  geschehen. Die Türkei und Saudi-Arabien, angetreten mit ihren Waffen, sind stehen geblieben. Heute wäre es schon etwas zu spät, von ihrer Seite aus noch etwas zu machen. Es gibt schließlich das internationale Programm, das alle ständigen Mitglieder der Sicherheitsrat der UNO formell unterstützt haben, es gibt den Waffenstillstand und es gibt die politischen Ohrfeigen für Ankara und Riad.

Die Türkei und Saudi-Arabien. Zwei Länder, in deren Händen dieser nahöstliche Krieg war, zwei Länder, die infolge von geopolitischen Fehlkalkulationen, den Krieg auf dem Territorium Syriens begonnen haben und denen heute selbst die Spaltung droht. Welche Ironie des Schicksals. Sie haben diese Etappe des Kampfes verloren, aber sie sehnen sich nach Revanche. Die Türkei hat den Einsatz rund um die Krim verstärkt, und das KSA wird wahrscheinlich versuchen, entweder in Jemen (obwohl sich dort der Krieg in der Stellungssackgasse befindet), oder im Raum des Persischen Golfs wieder zu gewinnen.

Lawrow hat die Türkei der Okkupation Syriens beschuldigt

Sergei Lawrow hat erklärt, dass die Russische Föderation Daten darüber hat, dass die türkischen Militärkräfte die Grenze Syriens überschritten haben und Blockposten und Verteidigungsbefestigungen auf der fremden Erde errichten. Lawrow hat die Provokationen des offiziellen Ankaras als eine "schleichende Expansion" auf syrischem Territorium bezeichnet. Die Aufrufe des Außenministeriums Russlands über die Notwendigkeit, die Eroberungsambitionen der Führung der Türkei durch den Westen hartnäckig zu beruhigen, bemerkt man nicht.

Nichtsdestoweniger, im russischen Außenministerium betont man, dass solche oder ähnliche Provokationen der türkischen Seite nicht ungestraft bleiben werden. Russland wird auf der Anerkennung durch die weltweite Gesellschaft der Souveränität Syriens bestehen. Die türkische Armee hat die Grenze Syriens überschritten und hat begonnen, ihre Militärinfrastruktur auf einem fremden Territorium ohne jede Genehmigung zu errichten.

Weiterlesen auf Seite 2

Wir brauchen ihre Unterstützung!

Liebe Leser, wenn Sie keine Premiumartikel lesen möchten, aber uns dennoch unterstützen wollen, dann können sie das auch mit einer Spende auf unser Bankkonto tun. Fragen Sie per eMail: [email protected] nach den Bankdaten oder übersenden Sie einen Unterstützungsbeitrag einfach per Paypal. Danke für Ihre Hilfe!

Loading...

7 thoughts on “Syrien: Waffenstillstand und wie weiter?”

  1. Man sollte sich nicht vormachen: Die angelsächsischen Hegemonalmächte haben die Aufteilung Syriens und des Iraks und sodann die politische Neuordnung des Nahen Osten beschlossen und von dieser Agenda werden sie keinesfalls abweichen. Es sind rein taktische Gründe, die zum einstweiligen Waffenstillstand geführt haben, allen voran der US-Wahlkampf, die außer Kontrolle geratenen Migrationsströme und die zunehmende Destabilisierung der Türkei und Saudi Arabiens. Dies will man zunächst in den Griff bekommen und in die gewünschten Bahnen lenken. Danach gehen die Auseinandersetzungen weiter. Die RF und die SAR sollten darauf vorbereitet sein und das derzeitige Intermezzo nutzen.

  2. Gut zusammengefasst! Die Meinung vom Kollegen "Buergerblick" deckt meine restlos. Es wird in der Region keine Ruhe geben. Israel´s geheime Rolle wird wie immer unter den Teppich gekehrt! Präsident Assad´s leibliches Wohl kann keine Versicherungsgesellschaft auf der Erde garantieren…

  3. Klasse Bericht! Der Krieg ist militärisch beendet aber noch nicht vorbei. Jetzt ist es ein politischer Krieg, mit vielen mächtigen Interessen. Man kann nur für den Frieden und die Menschen dort hoffen.

  4. Russland hat sich mit dieser Aktion den gehörigen Redspekt verschafft und gleichzeitig seine Rüstungsindustrie gepusht, wobei diese Geschäfte den Ausfall aus Erdöl teils wettgemacht haben. Nebstbei wurden wichtige ERFAHRUNGEN zur Verbesserung der Waffen gemacht,was nur im Kampfeinsatz möglich war.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.