Die portugiesische Gesellschaft ist teilweise noch recht konservativ-katholisch. In den Städten aber leben eher liberal-laizistische Menschen, die unabhängig von ihrem Glauben, für den „guten Tod“ sind. Die Polemik geht aber über Glaubens- und Parteigrenzen hinweg. Dabei hat das Thema auch eine wirtschaftliche Seite. Am Ende geht es darum, ob wir selbst über unsere Todeszeitpunkt bestimmen dürfen.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Portugals Gesellschaft hat ein neues Streitthema gefunden. Als gäbe es derzeit nicht wichtigeres für die Menschen, die endlich ihre Leben wieder haben wollen, nachdem diese ihnen von Bankstern und kollaborierenden Politikern geraubt wurden. Auf der anderen Seite haben betroffene ein Recht darauf, dass ihre Anliegen ernst genommen werden. Manche wollen ihr Leben nicht wieder haben, sondern wollen es endlich beenden. Doch was ist, die Sterbehilfe, die Euthanasie? Wer oder was hat die Debatte ins Rollen gebracht? Worum geht es wirklich?

Euthanasie bedeutet so viel wie „der schöne Tod“ und bezeichnet im aktuellen Sprachgebrauch, das Herbeiführen des Todes auf eigenen Wunsch. Ein Arzt oder eine Person seines Vertrauens verabreicht meistens einen tödlichen Cocktail, welcher den Sterbenden friedlich einschlafen lässt – für immer. Doch vor dem Gesetz gilt dies als Mord. Auch Selbstmord – so dumm es klingen mag – ist ebenfalls verboten. So ist auch die passive Euthanasie, eine Art unterstützter Selbstmord, nicht gestattet.

In Portugal hat die Zivilgesellschaft dieses Thema aufgegriffen. In dem katholischen Land gibt es manche, die das Leben für heilig halten und die auf einer sehr emotionalen Ebene diskutieren. Auf der anderen Seite gibt es ebenso emotionale Reaktionen bei denen, die für die ultimative Freiheit sind, über das eigene Leben oder Sterben zu entscheiden. Denn am Ende ist das ganze Thema nur eine Frage der individuellen Freiheit versus moralischer und religiöser Überzeugung. Aber ist es wirklich so einfach?

Nein, denn nichts in unserer Welt ist einfach. Es gibt jede Menge Aspekte, die in die Argumentation miteinfließen. Ein Aspekt ist, so unglaublich es auch scheint, der finanzielle. In Portugal, wie auch in vielen anderen Ländern, gibt es eine deutliche Trennung zwischen privatem und öffentlichem Gesundheitssystem. Private Kliniken und Alters- oder Pflegeheime haben ein Interesse an einem langen Leben und somit Aufenthalt in ihrer Obhut, da dies den „Kunden“ auch länger zahlen lässt. Die privaten Versicherungen ihrerseits haben kein Interesse die oft recht kostspieligen Behandlungskosten auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Schon gar nicht, wenn es der Wunsch des Patienten ist, das Leiden endlich zu beenden. Dabei sind sie nicht die Einzigen.

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Öffentliche Krankenhäuser sind nicht unglücklich, wenn sie Kosten sparen und Kassenpatienten ihr Leben endlich aushauchen. So sagte auch die Vorsitzende des Krankenpflegerverbandes, dass es bereits Fälle von aktiver Sterbehilfe gegeben habe. Sie hätte dies selbst erlebt, dass Ärzte der Bitte nachkamen, dem Patienten eine tödliche Injektion zu verabreichen. Sie sagte: „Es scheint. Als würden die Ärzte aus Mitgefühl heraus, nicht aus finanziellen Gründen, eine Überdosis Insulin verabreichen, um schwer leidenden, mit Schmerzen dahinvegetierenden Patienten, weitere Qualen zu ersparen.“

Doch diese Aussage musste sie relativieren. Sie hätte nur davon gehört und wüsste keine konkreten Fälle. Denn Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft nahmen diese Aussage ernst und starteten eine Untersuchung. Schließlich verstößt es nicht nur gegen das Gesetz, sondern ist rein technisch gesehen sogar Mord! Die Gesetzesvertreter können da nicht wegschauen, egal wie sie über das Thema denken. Gesetz ist Gesetz und daher auch der Wunsch bei den Befürwortern der Sterbehilfe, das Gesetz zu ändern.

Portugals Gesellschaft ist gespalten und die Gegner der Euthanasie argumentieren auch mit der Religion. „Was Gott gegeben, soll nur Gott wieder nehmen.“ Es ist wie bei der Abtreibung, eine Sünde ein Leben zu nehmen, selbst wenn es das eigene ist. Barmherzigkeit hat also weniger Gewicht wie das Recht über Leben und Tod zu entscheiden, welches nur Gott allein inne hat. In meinen Augen ist dieses Argument etwas zwiespältig. Was uns aber nicht wundern muss. Es ist gar nicht lange her, da durften Selbstmörder nicht in geweihter Erde ruhen. Wenn eine Gemeinde wusste, dass sich jemand selbst das Leben genommen hat, dann wurde er abseits des Friedhofs verscharrt.

Die Frage bei diesem Thema hat also viel mit religiösen Vorstellungen zu tun. Denn ob wir selbst oder ein höheres Wesen entscheiden, wie und vor allem wann wir sterben, hängt in vielem davon ab, ob wir an ein Leben nach dem Tod glauben und wie wir uns dieses vorstellen. Haben wir wirklich eine Seele und ist diese unsterblich oder kann auch die Seele sterben? Werden wir für unsere Taten in diesem Leben bestraft oder belohnt und wenn ja, welche Kriterien gelten dafür? Es ist also eine Glaubensfrage, da die Wissenschaft hier an ihre Grenzen stößt.

Bleibt noch das Tabu-Wort zu erwähnen. Egoismus! Die Angehörigen nennen den Sterbenden oft einen Egoisten, der nicht daran denkt, wie sehr er/sie denen fehlen wird, den sie/er zurücklassen. Doch das Argument gilt auch umgekehrt. Wenn Angehörige nicht loslassen können und sich deshalb gegen eine aktive oder passive Sterbehilfe aussprechen. Nicht selten hängt das „nicht loslassen wollen“ mit dem nicht auf die Rente der sterbenden Person verzichten zu wollen, zusammen.

Es wird also klar, dass Euthanasie ein kompliziertes Thema ist, auf das es keine einfache Antwort geben kann. Am Ende wird eine Ethikkommission entscheiden, ob und wenn, dann zu welchen Bedingungen, ein mündiger Bürger selbst entscheiden darf, wie und wann er/sie aus dem Leben scheiden darf. Für mich ist es eine Frage der Entscheidungsfreiheit des Individuums. Doch auch andere Meinungen heben ihre Berechtigung. Die Debatte ist jedenfalls eröffnet.

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5 thoughts on “Sterbehilfe: Portugals Gesellschaft diskutiert gesetzliche Regelung”

  1. Der Mensch für sich vielleicht ja, in Ausnahmefällen, unheilbare Krankheit als Grund. Mit der Selbstbestimmung fängt es an, dann bestimmt der Onkel Doktor, dann die Krankenkassen und dann der Finanzminister und am Ende die Verfassung, ab 65 gibts die Spritze. Hier wird die Büchese der Pandora geöffnet! Weil diese Entscheidung nur in einer gesunden Gesellschaft funitioniert, die in sich geschlossen ist und nicht von einem inhumannen System sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik sowie in der Politik und die dahinter stehenden Kräfte durchsetzt sein darf. Am Ende ist das individuelle Interesse das Staatsinteresse, wie Hegel es gerne gesehen hatte. Der einzelne Mensch muß sich dem Allgemeinwohl und den "übergeordneten Staatsinteressen" unterordnen. Und wenn der Staat die Pensionen nicht mehr zahlen kann, weil er das Steuergeld anderwertig mißbraucht, dann sollte jeder Bürger ab 65 seine Pflicht wahrnehmen!

    1. Nur wäre das nicht mehr Euthanasie. Ich beschreibe ja im Artikel die Interessen der verschiedenen Seiten. Klar, im Dritten Reich wurden überflüssige Münder nicht weiter gefüttert. Behinderte, Kranke usw. Doch es geht ausschliesslich um die Selbstbestimmung. Alles andere ist Mord! Ach ja und wenn die Gesellschaft krank ist, muss das Volk eben dafür sorgen dass diese gesundet. Über Einzelheiten, wann man diesen Schritt gehen darf und wie die Prozedur durchgeführt wird. Psychologen, Schmerztherapeuten, Sozialarbeiter, sollten dem Betroffenem erst Alternativen anbieten. Da muss die Gesellschaft aber erst noch die Gier bekämpfen, die im Gesundheitssystem nichts zu suchen hat. Ein langer Weg…

      1. Alles andere ist Mord….ich glaube viele wissen nicht was mit Sterbehilfe gemeint ist.Hier wird noch viel Aufklärung nötig sein .

        Es gibt aber heute schon die Möglichkeit mit einer Patientenverfügung das eigene Ende zu bestimmen-oder vielleicht anders gesagt-Lebenserhaltene Maßnahmen abzulehnen.

        Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass Ärzte-sofern eine Heilung komplett ausgeschlossen ist, sich auch daran halten .

        1. Auklärung ja. Ich meinte mit Mord, den Tod gegen den Wunsch des Patienten. Eine Patientenverfügung ist gut, aber nur für bestimmte Fälle. Doch Euthanasie ist eine absichtlich, auf Wunsch des Patienten verabreichte Giftspritze. Diese kann von einem Arzt verabreicht werden oder vom Patienten selbst und von Ärzten nur vorbereitet.(unterstützter Selbstmord) Aber steht eigentlich im Artikel.

  2. Es prallen offenbar wie so oft zwei Welten aufeinander: Kirche und Staat, Meinungsfreiheit und dessen juristische Auslegung. Diese Diskussion ist müßig und mich stört leider auch etwas der Begriff Euthanasie, wurde dieser noch vor einigen Jahrzehnten im Zusammenhang mit der systematischen Ermordung geistig oder körperlich behinderter Menschen genutzt. Eine Verbindung von Sterbehilfe und Euthanasie ist meiner Meinung nach nicht zu knüpfen, so ist doch der Wunsch nach Sterbehilfe in der Regel eine persönliche Entscheidung des kranken oder sterbenden Patienten und kein Zwang faschistischer Nationalsozialisten. Natürlich kann man jeden der Begriffe unterschiedlich auslegen, doch spiegelt die Nutzung des Begriffs Euthanasie in dem Kontext nicht meine Meinung wieder.

    So nun aber zurück zum Thema, die Diskussion um die alte Frage nach der Möglichkeit Sterbehilfe zu leisten, ist natürlich pauschal nicht zu beantworten. Ich denke es kommt immer auf die Situation des Patienten an. Sofern dieser extrem leidet und Schmerzen Tag für Tag ertragen muss, ist das kein Leben das man sich für jemanden wünscht. Doch ist es nun mal das eine Leben das man hat… (ja, hier kann natürlich der Einwand der Religiosität erhoben werden).

    Letztendllich ist meistens der einfachste Ansatz der Richtige (Motto: Ockhams Rasiermesser): Man kann sich selbst das Leben nehmen, also tut der Mensch es.. Jedoch sollten Ärzte diese Entscheidung nicht auch noch mittragen (Die Entscheidung eine Ethikkommission diese Frage zu beantworten, befürworte ich demnach!).

    Ich denke jedoch auch, dass Patientenverfügungen eine gute Maßnahme sind um den rechtlichen Rahmen für die Handlungsfreiheit, bzw. deren Einschränkung für den behandelnden Arzt zu bilden. Durch eine gut geregelte Verfügung kann man Maßnahmen die den Tod herauszögern würden, ablehnen oder auswählen. Und je genauer die Verfügung, desto besser, damit man selbst weiß, wenn es soweit ist, ist man abgesichert und es werden keine Maßnahmen ergriffen, die man nicht selbst tragen möchte. Also informiert euch gut über eure Rechte und nutzt sie! Übrigens gibt es dazu sehr viele gute Beratungsstellen, die in der Regel kostenlos sind. (ich möchte hier ausdrücklich die Unabhängige Patientenberatung Deutschland, Patientenberatung.de erwähnen, dort kann man kostenlos anrufen und erhält eine ausführliche Beratung). Sonst steht man irgendwann als Angehöriger vor einer Situation in der man mit solchen schwierigen Fragen konfrontiert wird, und hat keine Ahnung was man tun soll um dem Wunsch des Patienten nachzukommen… 

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