Lawrow und das russische Großmachtproblem

Der Außenminister Russlands hat einen Artikel in der Zeitschrift "Russia in Global Affairs" veröffentlicht, in dem er über die Rolle der Russischen Föderation in der globalen Politik und von den Positionen des Landes in internationalen Schlüsselfragen berichtete.

Von Rostislaw Ischtschenko, Übersetzung: Thomas Roth

Allein diese Veröffentlichung ist ein Ereignis. Bisher hat er noch nie in einer Zeitschrift einen Artikel veröffentlicht. Die Diplomaten sind ja schließlich auch keine Publizisten. Selbst wenn sie über Korrespondenz kommunizieren, das Genre ist doch ein etwas anderes. Und dazu der Außenminister, besonders der Außenminister eines solchen Staates, wie Russland, umso mehr mitten in einer akuten Krise, wie wir sie jetzt erleben, der eigentlich viel zu beschäftigt ist, um sich jetzt Gedanken in der Öffentlichkeit über die große historische Vergangenheit des russischen Staates zu machen. Und ein beträchtlicher Teil des Artikels ist nun mal gerade der großen Vergangenheit gewidmet.

Aber der Außenminister der Russischen Föderation hat nicht deshalb zur Feder gegriffen, um an Hand von historischen Beispielen, die westlichen Partner davon zu überzeugen, dass Russland nicht der Hinterhof Europas ist. Um so mehr, weil er weiß, dass man heute mit historischen Beispielen niemanden davon überzeugen kann.

Einst war Portugal ein Weltreich, eine große Handels- und Seemacht, und jetzt – jedenfalls überwiegend – ist es der Hinterhof Europas. Und solche Hinterhöfe mit einer großen Vergangenheit gibt es sowohl in West- und besonders auch in Osteuropa. Als Beispiel dafür steht Litauen. Zu seiner Zeit – erstreckte sich das Großfürstentum Litauen vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer, nachdem man das Litauische Reich um die südwestlichen und östlichen Teile der Kiewer Rus bis vor die Tore Moskaus und bis ans Schwarze Meer erweitert hatte. Die Grenze mit den Moskauer Rus verlief östlich von Wjasma und die Gediminiden kämpften mit der Dynastie Kalita um das Recht, mit den Rus vereinigt zu werden.

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Was hat den Minister Lawrow plötzlich veranlasst, sich ins Studium der historischen Perspektiven der Außenpolitik Russlands zu vertiefen? Was will er uns mit dieser Gedankenkette sagen?

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Zunächst macht uns der Minister darauf aufmerksam, dass sich Russland – wie schon oft in der Geschichte – am Schnittpunkt der Interessen befindet, die die Richtung der weiteren weltweiten Entwicklung bestimmen werden. Die Schriftsteller des Außenministeriums sind natürlich nicht so urwüchsig wie Puschkin, aber ich mag sie dafür, dass sie wenn sie den ausländischen Partner irgendwelche Gedanken zur Kenntnis bringen wollen sie so gut vorkauen, dass sie sogar Jen Psaki versteht (jedenfalls fast alle).

Und in diesem Fall teilt der Minister den Lesern mit, dass die Russische Föderation ihre Präsenz am Schlüsselpunkt für die Zukunft der Zivilisation selbst eingerichtet hat. Darüber erschrecken wir uns nicht mehr, da das für Russland ein gewohnheitsmäßiger Zustand geworden ist. In der Geschichte bestimmte es das weitere Schicksal der Menschheit schon mehrmals. Wir haben uns schon daran gewöhnt, wir haben die Erfahrung und wir sind bereit, es zu tun.

Zweitens, nach einer langen Reihe von historischen Beispielen, die den Gedanken von der Fähigkeit Russlands wieder einmal bestätigen, in der Lage zu sein, der Menschheit zu helfen, den richtigen Weg zu finden, teilte Sergei Lawrow mit, dass Russland ungeachtet der Gewohnheit, sich immer an den Brennpunkten der Entwicklung zu befinden, trotzdem immer danach strebte, die internationalen Beziehungen auf dem Prinzip der beiderseitig vorteilhaften Zusammenarbeit aufzubauen. Dabei die Beziehungen zu den Partnern nicht auf Druck aufzubauen, sondern sich besser mit ihnen zu vereinbaren. Heute gehen sie in der Außenpolitik immer noch von demselben Prinzip aus.

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Diese zwei Punkte sind wichtig. Tatsächlich teilt der Minister mit, dass sich Russland seiner Mission bewusst und bereit ist, sie in hoher Qualität zu erfüllen und dabei über eine ausreichende historische Erfahrung bei der Lösung von ähnlichen Probleme verfügt. Dabei wird ganz deutlich deklariert, dass ungeachtet seiner besonderen Rolle, Moskau niemals nach der Entwicklung einer Hegemonie (nach amerikanischem Muster) streben wird.

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12 Kommentare

  1. Gut möglich das der Zusammenbruch der Finanzmärkte auch den direkten Zusammenbruch der EU bedeutet infolge dessen viele der ehemaligen EU Länder  gleichzeitig aus der NATO austreten und sich wieder verstärkt um Russland als Schutz und Hegemonialmacht bemühen werden. Der Einfluss Russland als Schutz und Ordnungspolitische Macht wird also Kontinental zunehmen. Polen und Deutschland werden wieder ihre Sonderstellung im Spiel der beiden Großmächte bekommen. Deutschland weil Alliiertes Gebiet, Polen aus historisch gereifter Furcht vor Russland. Frankreich wird sich vermutlich zur Neutralität bekennen da sie ebenfalls die NATO verlassen werden. Es wird also ein weiteres mal eine NWO geben. Diesmal eine die Russland ins Zentrum rücken wird. Darauf bereitet man sich offenbar im Kremel schon vor. Keine dummen Leute, Putins Truppe.

    1. ….das wird nicht eintreffen!  Polen ist ein kuenstlich aufgeblaehtes Dorf von Zwergpinschern auf zusammengeklautem Boden, die historisch gesehen nie irgend eine Bedeutung hatten ausser der eines wadenbeissenden Zwergpinschers gegrn seinen Nachbarn Russland und Deutschlan an der Leine Englands und dessen Nachfolgers uSa….

      1. Genau, sie haben uns bereits mehrmals böses gewünscht und dafür gesorgt, daß dies auch eintritt. Zum Ende hin haben sie davon profitiert (z. Bsp. deutscher Boden)

  2. So dürfte sich spätestens, mit den eingeleiteten Sanktionen der Sanktionen gegen Rußland, bei Sergei Lawrow die Einsicht durchgesetzt haben, daß, wenn man sich auf diese 'EU' verläßt, bestimmt verlassen ist!

  3. Russland hat kein Machtproblem, bekommt aber ein solches vom Westen mit der parasitären USrael-Oberclique und deren Ansinnen auf "absolutes Alleinherrschen über die Welt und ihre Länderteile" aufgebrummt. Das geht nach dem berühmten Sprichwort: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt (Wilheml Tell, Schiller). Wer sich gegen die Militärmacht der US-Regierung wehrt, weil er nicht deren Sklave sein will, muss stärker sein als diese. Westeuropa ist das nicht, seine Führungsschichten haben sich zu deren willfährigen Erfüllungsgehilfen gemacht und müssen jetzt schauen, wie sie aus dieser misslichen Situation herauskommen. Ohne ihre Bevölkerungen wird das nicht gehen. Diese aber sehen immer deutlicher, in welch katastrophale Situation ihre Politiker sie hineinmanövriert haben. Wenn die Migrationsflutung etwas Gutes haben soll, dann die Erkenntnis, dass die Amerikaner den Europäern nichts, aber auch gar nichts Gutes wollen. Bleibt zu hoffen, dass diese Wahrnehmung die Europäer – und damit sind auch die Russen gemeint – gemeinsam aus dieser politischen Falle herausfinden werden.

  4. mir wird schlecht wenn ich anhand der jetzigen politischen situation bei uns an die wahrnehmungsfähigkeit unserer politischen eliten denke

  5. H I R N R I S S I G – so das Gesamturteil.

    Herr Henning Schroeder hatte schon bei einer Betrachtung keine Lust, Einzelkritik zu üben.

    Es ist offensichtlich. So ist Russland das modernste K R U D I S T A N, das man sich denklen kann.

     

    Weder in sachlichen Einzelheiten noch bei Zusammenhängen und schon gar nicht bei strukturellen Einschätzungen passt da irgendetwas wirklich zur historische erkennbaren Wahrheit.

    Russische Gene! Was ist das denn? Die des Adels oder die des Volkes?

    Keine Nation angegriffen durch UdSSR, gemeint immer Russen.

    Und gegen Finnland im Bunde mit Hitler?

    Wir sind mal gespannt auf die Hundertjahrfeier der 1917ner russischen,

    jawohl, russischen Revolution.

    Die Relation zwischen Schwierigkeiten, die Revolutionen mit sich bringen und dem Output sind ja im Vergleich schon spannend, wenn man dannn noch die Zeitdimension ernst nimmt.

    Farbrevolutionen heute im Vergleich zu 89, 1789 und 1989, und 1917.

    Von 1948/49, was Russland nur marginal berühren dürfte, mal gar nicht zu reden,

    übrigens die markanteste gesamteuropäische Revolution mit erheblichen Rückschlägen in Richtung autokratischer Herrschaftssysteme nach russischem Muster im langen 19.Jh.

    Oh, Putin, historisch betrachtet gehts da mit der Großmacht Russland unbedingt bergab.

    Wer gab sich noch revolutionär im Zarenreich, war das nicht der P U S H K I N?

    Was hat und hatte Russland denn der Welt zu bieten?

    Ohne Atom wären die Russen mit ihrem Reduktinsmodell RF, ganz klein mit Hut.

    Interessant wäre mal eine parallele Geschichtsklitterung, von den Germanen beginnend für die Deutschen in europa und der Welt, der Großmacht schlechthin, zusammen zu schustern.

    Mit der Erklärung, die Widersacher seien Sicherheitsrisiken kriegt man die Alternativen nicht tot, Herr Putin und Konsorten. Auch Marx lebt noch, auch tief im Keller.

    Es lebe die Mitte E U R O P A S!

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/affront-moskau-sperrt-deutschen-russland-experten-aus-a-790177.html

     

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