Deutschlands Export-Kartenhaus bricht auch einmal zusammen

Der deutschen Wirtschaft geht es weitestgehend gut. Noch. Denn der jahrzehntelange Fokus auf die Exportwirtschaft und die Vernachlässigung des Binnenmarktes wird Konsequenzen nach sich ziehen.

Von Marco Maier

Zuerst: Ein Land wie Deutschland ohne nennenswerte Rohstoffvorkommen wird zur Aufrechterhaltung der industriellen Produktion stets auf Importe angewiesen sein und diese mit Exporten gegenfinanzieren müssen. Das ist ein wirtschaftlicher Umstand, der so weit völlig normal ist und auch in Ordnung geht. Auch viele kleinere Staaten ohne starken Binnenmarkt müssen verstärkt auf den Außenhandel setzen um sich so auch jene Importgüter leisten zu können, deren Produktion im eigenen Land entweder nicht möglich oder einfach zu unrentabel ist.

Deutschland jedoch besitzt an und für sich einen großen Binnenmarkt, den man durchaus so hegen und pflegen kann, dass sich daraus ein besonders starkes wirtschaftliches Rückgrat bildet und der Außenhandel die Rolle des Komplementärs und des Absatzes überschüssiger Produkte übernimmt. Eigentlich eine einfache Sache.

Doch in den letzten Jahrzehnten setzte man immer mehr auf die internationalen Märkte und die Exportindustrie. Sicher, das schuf auch Arbeitsplätze und so lange dort keine wirklich effektive Konkurrenz vorhanden war, ließ sich damit auch gutes Geld verdienen. Inzwischen jedoch hat China der Bundesrepublik den Titel des "Exportweltmeisters" streitig gemacht. Dort macht es die Masse, günstig produziert.

Für die Arbeitnehmer in Deutschland ergibt sich dadurch jedoch auch ein Problem: die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Wenn man die Wirtschaft auf den Export auslegt, ist nicht nur die Qualität ein Verkaufsargument, sondern vielmehr auch der Preis. Wenn man nicht auf günstige Preise bei den Rohstoffen oder Halbfertigprodukten setzen kann, müssen eben die Lohnkosten so gering wie möglich gehalten werden. Dementsprechend lautet hier auch das Motto: Lohnzurückhaltung.

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Verwirklicht wird diese Lohnzurückhaltung vor allem durch den Einsatz von Leiharbeitskräften und durch mäßige Tarifabschlüsse. In den letzten Jahren zeigte sich dies durch Reallohnverluste (abzüglich Teuerung und Steuererhöhungen, bzw. kalte Progression), die inzwischen lediglich durch die niedrige offizielle Inflationsrate gedämpft werden. Und auch wenn der inzwischen geltende "flächendeckende Mindestlohn" zumindest den Billigstlöhnen ein Ende bereitete, so trägt er angesichts der Lebenskosten in Deutschland trotzdem kaum dazu bei, die "working poor" zu reduzieren.

Das große Problem ergibt sich jedoch langfristig: Wenn ein Land wie Deutschland über einen längeren Zeitraum infolge von hohen Exportüberschüssen stets massive Geldzuflüsse aufweist, so sind das im Umkehrschluss zumeist nur Zahlungen in Form von Geldversprechen. Chinas Staatsindustrie zeigt dies ja auch deutlich auf: Die Volksrepublik ist nicht umsonst der größte Auslandsgläubiger der US-Regierung, weil die Amerikaner faktisch nur noch mit Schuldscheinen bezahlen können. Für die private deutschen Industrie gibt es leider keine solchen Zahlen zum vergleichen – doch man darf davon ausgehen, dass das System dasselbe ist: Bezahlt wird mit Schuldscheinen.

Über kurz oder lang muss so ein System, indem die Ungleichgewichte immer größer werden, jedoch zusammenbrechen. Das US-System (welches mehr konsumiert als produziert) überlebt auch nur wegen des großen Kapitalzuflusses aus dem Ausland. Bricht der Kapitalstrom zusammen, ist auch die US-Wirtschaft kaputt. Für Deutschland, welches mit den USA intensiven Handel betreibt, wäre der US-Ausfall schon eine mittlere Katastrophe – eben weil die Binnenwirtschaft kein entsprechendes Gegengewicht bildet. Und das wird sich noch rächen.

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11 Kommentare

  1. Tja man hat „Geld“ seines Ursprungs enthoben und aus ihm eine Ware gemacht. Hat einige ziemlich Reich gemacht. Nun kommt der Tag der Wahrheit mit großen Schritten immer näher und allen wird klar das es am ende keinen einzigen Gewinner wird geben können. Der Betrüger wird sein Vermögen behalten wollen und die armen zur Leistung mit Waffengewalt zwingen müssen. Die wiederum werden nix mehr zu verlieren haben.
    Endgame, Schachmatt der freien Gesellschaft.

  2. Nun, Heiner Flassbeck weißt auf die Problematik einer solchen Wirtschaftsstruktur schon seit 1997 hin. In einer Währungsunion ist eine solche Politik allerdings Wahnsinn. Tatsächlich bedeuten Exportüberschüsse zugleich Kapital-Exporte: Die Ersparnisse der deutschen Volkswirtschaft sind als Kredite über die Banken ins Ausland geflossen. Die haben damit unser Zeug bezahlt. Nun gehen unsere Nachbarn alle am Stock und unsere Forderungen  sind schon zu einem erheblichen Teil verloren. Wer sich die Finanzierungssalden der Sektoren für Deutschland ansieht weiß, dass sich das Ausland nicht ewig verschulden, d.h. unsere Ersparnisse aufnehmen kann. Und die sollen doch außerdem sparen? Wie geht das jetzt zusammen? Die USA können das natürlich tun: Das ist der Vorteil einer Weltleitwährung … LG

    1. …..hat mehr etwas mit dem Militärischen drohpotential zu tun.

      Flassbeck und Piketty sind in dem Zusammenhang wirklich interessant mit ihren Büchern, Die Marktwirtschaft des 21 Jahrhundert und Das Kapital im 21 Jahrhundert.

  3. Genauso ist es, kann den oberen ersten Abschnitt von diesem Artikel nur zustimmen. Die deutsche Wirtschaft und Murks Merkel mit ihren Regierungen haben sich immer nur auf den EXPORT konzentriert und NIE den Binnenmarkt gestärkt ( wie auch den Bahn und Schiffs-Verkehr links liegen gelassen ). Das, dass irgendwann in die Hose geht, war doch abzusehen. Aber Merkel meinte ja, sie müsste Großkonzerne auch noch darin stärken, indem viele deutsche Großkonzernen ihre Produktionen im Ausland verlegen  (natürlich da, wo die Produktion am billigsten ist- Stundenlöhne unter 5 Euro).

  4. Eine Folge der Exportüberschüsse sind Auslandsforderungen deutscher Unternehmen von ca. 800 Milliarden Euro, bei den deutschen Banken sind es 2000 Milliarden Euro. Ein nicht unerheblicher Teil der genannten Summen wird von den Schuldnern nicht zurückgezahlt werden (können). – –  Den deutschen Arbeitnehmern wird ständig vorgehalten, der Produktionsfaktor Arbeit(Lohn) belastet die Kosten des zu exportierenden Produktes, während wohlwissentlich nicht darüber gesprochen wird, das die Unternehmensgewinne dies ebenso tun. Im Inland investierte oder aber konsumierte Gewinne wären für unsere Volkswirtschaft von Nutzen, leider verschwindet ein zu großer Teil der Unternehmensgewinne in Steueroasen. –  Ich denke, die "vereinte" BRD , oder besser der Bund als vereinte Wirtschaftszone, wurde zu genau diesem Zweck ins Leben gerufen, die Produktionskraft deutscher Arbeitnehmer "abzuschöpfen" und das läßt sich bestens mit einem ständig hohen Exportüberschuss bewerkstelligen. In den kommenden Jahren bieten sich den Unternehmen mit den hunderttausenden ins Land geströmten "Billiglöhnern" gute Möglichkeiten, den Exportüberschuss noch auszubauen. ich glaube nicht an einen "Zusammenbruch des Export-Kartenhauses".

    1. Naja, dieses Export-Kartenhaus muss nach m.E. zwangsläufig zusammen brechen – es ist nur eine Frage der Zeit. Denn die Überschüsse des einen sind die Defizite des anderen, d.h. Schulden, bezogen auf die gesamte Volkswirtschaft. So, in Krisen-Europa wird ja "gespart", die sollen keine Schulden mehr machen; der Rest der Welt hat eigene Währungen, die sie bei Bedarf, z.B. China, abwerten können. Diese Länder können aber auch Importzölle erheben, um sich gegen die durch deutsches Lohndumping (und subventionierte Waren der EU insgesamt) zu wehren und damit ihren heimischen Markt zu schützen. Es ist vollkommen klar, dass dieses "Spiel" irgendwann ein Ende hat. Und wenn das passiert, wie z.B. gerade die Desintegration innerhalb Europas, und die Währungsunion auseinander fliegt, sind wir mit unserer exportlastigen Wirtschaft über Nacht ganz hinten im Bus!! Unsere dann wieder nationale Währung würde so stark aufwerten, dass wir unsere tollen Waren nur noch aufessen können. Denn eines darf man nicht vergessen: Die Lohnmoderation wurde ja damit begründet, dass Deutschland wettbewerbsfähiger werden müsse – allerdings wird ja heute von den MSM behauptet, unsere Produkte wären so dermaßen toll, dass der Preis keine Rolle spielt … Naja, aber wenn das zutreffend wäre, dann hätte man sich das Lohndumping ja ersparen können, nicht wahr? Man sieht also schon allein an der Argumentationslinie, dass das offensichtlich alles Unsinn ist, was uns da erzählt wird. Aber die Deutschen haben ja "zum Glück" ein kurzes Gedächtnis … LG

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