Das Risiko mit den Provokationen im Kessel

Die jüngsten Attacken des "Islamischen Staates" auf Städte im syrischen Kurdengebiet zeigen deutlich auf, dass hier mit der Türkei zusammengearbeitet wird. Die aktuelle Waffenruhe erweist sich zudem als "Kessel mit Provokationen".

Von Thomas Roth

Darüber, dass sich vom ersten Tag an der syrische Waffenstillstand in einen Kessel mit Provokationen verwandeln wird, redeten viele schon vorher. Und in diesem Fall ist es nicht nur der nüchterne Blick auf den Charakter eines jeden beliebigen Bürgerkrieges, der immer kolossalen Hass und den Wunsch nach Rache beinhaltet. Es ist vor allem die Tatsache, dass der Westen den Waffenstillstand gerade in jenem Moment veranstaltet hat, als die Regierungsarmee ihren Angriff in der operativen Weite mit dem Visier auf Rakka – der Hauptstadt des Islamischen Staates – begann.

In dem Moment erinnere ich an die Auszeit von 2012. Da gab es schon einmal einen Waffenstillstand, den die Assad-Regierung drei Monate durchgehalten hat, wonach die Terroristen, die diese Zeit maximal genutzt hatten, in den erfolgreichen Angriff an allen Fronten übergegangen sind und damit den ersten großen Flüchtlingsstrom  provozierten, dessen Umfang bis zum Jahresende bereits eine halbe Million Menschen erreicht hatte.

Und dabei waren da die Kräfte der Kämpfer noch viel schwächer, geschweige denn, dass damals ISIL nur in Form von vergleichsweise kleinen Gruppierungen existierte, die fast noch keine Territorien in Syrien erobert hatten. Heute ist die Situation viel ernster, obwohl sie durch die russische Unterstützung in bedeutendem Maße kompensiert wird. Aber die laufende Disposition trägt gerade heute das enorme Risiko in Bezug auf jene Ergebnisse, nach denen die Syrische Arabische Armee unter unglaublichen Verlusten strebte.

Wie dem auch sei, der neue Waffenstillstand ist am Sonnabend, dem 27. Februar in Kraft getreten und schon von den ersten Stunden an wurde klar, dass sich gezeigt hat, dass die Pessimisten recht behalten sollten. Die Provokationen haben sofort angefangen, und zwar auf solchem Niveau das klar ist, sie wurden von langer Hand und sehr gründlich vorbereitet. Die Hauptrolle hat das standfeste Tandem Türkei-IS wieder einmal gespielt. Und obwohl die Gruppierung, wie auch die al-Nusra-Front vom Waffenstillstand nicht erfasst werden, darf man nicht die Wirkung von Kettenreaktionen unterschätzen, sowie auch die Tatsache, dass im Norden Syriens die Islamisten ausschließlich den Interessen des Regimes von Erdogan dienen.

Loading...

Die Ereignisse, die am selben Tag in der Stadt Tall Abyad stattfanden, entsprechen der vorliegenden Strategie ideal. Die Siedlung ist im Norden des Landes gelegen und so exponiert, dass man ohne sie zu beherrschen, nicht von Kontrolle über die syrisch-türkische Grenze sprechen kann. In der Perspektive wird es eine Schlüsselaufgabe für die Regierungsarmee. Heute ist es eine Frage, von der das Überleben der syrischen Kurden abhängt. In diesem Fall sind es keine leeren Worte, da der Ort Tall Abyad gerade durch ein Massaker an der friedlichen Bevölkerung – das die Islamisten im Juli 2013 veranstaltet haben – traurige Berühmtheit erlangt hat. Damals wurden in seinen Vororten 450 Kurden, einschließlich 120 Kinder, getötet.

Offensichtlich wurde auch dieses Mal etwas ähnliches geplant. Die Kämpfer des IS griffen sofort von zwei Seiten aus die Stadt unerwartet an. In dem Moment, als sie begannen, die Mitteilungen zu versenden, dass sich Tall Abyad vollständig in ihren Händen befindet, sind die Kurden zum Gegenangriff übergegangen und gegen Abend hatten sie große Teile der Stadt wieder von den Terroristen gesäubert. Die Frage, die schon zur Zeit des Angriffes entstand, ist, auf welche Weise wurde der unerkannte Angriff möglich, in Anbetracht der Anordnung der Blockstellen der kurdischen Landwehr?

Die Islamisten hatten über mit ihnen verbundene Schwesteraccounts begonnen, die Informationen darüber zu verbreiten, dass ihre Abteilungen bereits mit fremden Uniformen und unter fremden Fahnen in die Stadt eingedrungen sind. Im Prinzip wäre das nichts neues, ähnliche Methoden wurden von ihnen schon mehrmals vor allem im Irak angewendet, als sie in NATO-Uniformen mit Rangabzeichen der Regierungsarmee in die Orte kamen, die Hauptstraßen sperrten und die sich auf ihr befindenden Beamten und Offiziere töteten.

In diesem Fall ist das allerdings kaum möglich. Im Unterschied zu dem riesigen korrumpierten Irak, ist in Roschawa (Syrisches Kurdistan) die Kontrolle in ganz anderer Weise aufgebaut. Außerdem schließt hier die YPG (die Landwehr) die ziemlich antiterroristische Struktur YAT mit ein, die mit den Vollmachten eines Sonderdienstes, auch die Aufgaben übernimmt, die sonst von den Sondertruppen erfüllt werden.

Die IS-Kämpfer wären – wenn sie aus dem von ihnen besetzten Gebiet gekommen wären – von Süden gekommen. Der Grund für das Überraschungsmoment des plötzlichen Angriffes hat sich aber darin gezeigt, dass die Kämpfer von Norden, von Seiten der Türkei, in den Ort eindrangen. Dabei waren sie äußerst organisiert und mit guter Bewaffnung ausgestattet. Zuerst haben darüber die Kurden informiert, dann sind die Beweise auch bei der russischen Seite erschienen. So hat später Generalleutnant Sergej Kuralenko, der das russische Zentrum für die Versöhnung der befeindenden Seiten in Syrien leitet, nicht nur die Zahl der von der türkischen Seite kommenden Terroristen (mehrere hundert) bestätigt, sondern hat auch die Informationen der Kurden darüber verifiziert, dass der Versuch der Eroberung der Stadt mit Artillerieschlägen seitens der Türkei begleitet wurde.

Ein bisschen später lief die zweite Provokation ab – der Beschuss von sechs (nach einigen anderen Quellen, sieben) Ortschaften im Bezirk Aleppo und Hama, umgesetzt von irgendeiner Flugzeuggruppe. Es haben sofort alle weltweiten Massenmedien davon berichtet und gerade darauf mit Nachdruck hingewiesen, dass die Flugzeuge angeblich die Gegner Assads bombardierten. Allerdings befand sich die Quelle dieser Nachricht nicht auf syrischem Staatsgebiet. Die Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die von den Bombardierungen berichtete, hat ihren Sitz in London, was Saudi-Arabien aber nicht gestört hat, sofort Russland und Syrien zu beschuldigen, den Waffenstillstand verletzt zu haben.

Gleich danach begannen dann Provokationen im ganzen Land: die neuen Artillerieschläge auf die kurdischen Siedlungen, der Beschuss von Latakija, und das nicht nur aus den Bezirken, die von der al-Nusra-Front kontrolliert werden, sondern auch direkt vom türkischen Territorium. Und endlich der Angriff auf die Regierungstruppen in Hama, in dessen Verlauf einige dutzend Terroristen getötet wurden. Und das alles in weniger als 48 Stunden.

Leider wird es noch viel schlechter werden. Dass der Westen sofort anfing, die Nachricht aufzugreifen, die von der Londoner Organisation gestartet wurde, und das obwohl allen bekannt war, dass die russischen und syrischen Flugzeuge an jenem Tag überhaupt nicht abgehoben hatten, zeugt ganz deutlich davon, dass der Ausgang des Waffenstillstands Washington schon lange im Voraus bekannt ist.

Wir brauchen ihre Unterstützung!

Liebe Leser, wenn Sie keine Premiumartikel lesen möchten, aber uns dennoch unterstützen wollen, dann können sie das auch mit einer Spende auf unser Bankkonto tun. Fragen Sie per eMail: [email protected] nach den Bankdaten oder übersenden Sie einen Unterstützungsbeitrag einfach per Paypal. Danke für Ihre Hilfe!

Loading...

4 Kommentare

  1. …nur diesmal sind die Russen – Gottseidank – mit von der Partie…sie machen nichts ohne Hintergrund. Mal sehen, welche Überraschung sie für den Islam bereit halten.

  2. Diese Waffenruhe stinkt bis zum Himmel. Gerade jetzt wird hinter den öffentlichen Kulissen dieser Krieg entschieden oder noch schlimmeres. 

  3. @NeuerWindim Land…….

    Ihrer schriftlichen Aussage kann ich (leider !!) nur zustimmen !! Persönlich glaube ich, dass dort im Moment ein sehr, sehr großer Hinterhalt, gegenüber dem Russen + deren Verbündeten gelegt wird !! Für meine Begriffe  ,, stinkt es gerade jetzt gänzlich

    zum Himmel "

    Sollte mich nach einigen, der heutigen Zeit entsprechend gelesenden Bücher/ Lektüren  nicht wundern, wenn diese Autoren Recht behalten sollen/ sollten !!  Nur dann, Grnade uns Gott !! Und eine eigene Verteidigung ist eigentlich schier unmöglich !!!

    PROST MERKEL, PROST DEUTSCHLAND MIT ALL DEN NEUEN KULTUREN !!!!

  4. Für mich ist es unfassbar, wie Russland in diese Waffenstillstandsfalle gehen konnte. Eine Division Fallschirmjäger, die keine Gefangenen macht und die Androhung taktischer Nuklearwaffen wäre die richtige Entscheidung gewesen. Russland hat nur 2 Möglichkeiten, entweder Sklave der US zionistischen Weltverbrecher oder den Atomkrieg. Eurasien wird überleben, die USA aber unbewohnbar und die Kriegshetzer der BRD mit ihrem Auswurf Israel weden als erste zu Atomstaub. Auf zum letzten Gefecht (die Internationale)

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.