Analyse: Steht die Türkei vor dem Zerfall?

Erdogans Traum von einem neuen Osmanischen Reich und einer ordnungspolitischen Funktion der Türkei löst sich aufgrund seiner aggressiven Politik langsam aber sicher in Luft auf. Innen- und Außenpolitisch brechen immer mehr Konfliktlinien auf, die zu einem Zerfall des Landes führen können. Eine Analyse.

Von Marco Maier

Der zunehmende Totalitarismus in der Türkei, der beginnende Bürgerkrieg mit den Kurden und die Großmachtavancen von Präsident Erdogan sorgen dafür, dass der NATO-Staat nicht nur an Verbündeten verliert, sondern womöglich anstatt Gebietszugewinnen auf Kosten Syriens sogar noch die Kurdengebiete im Südosten verliert. Selbst ein Zerfall der Rest-Türkei in einen laizistischen Westen und einen islamistischen Osten wäre denkbar.

Die aktuelle Lage

Erdogans Mehrfrontenkrieg und seine zweifelhafte Wahl von Bündnispartnern – speziell in Syrien, mit Vertretern des "Islamischen Staates" und vor allem anderen dschihadistischen Gruppen wie der "Al-Nusra-Front" – sorgen dafür, dass nach dem Aufstieg der Türkei unter seiner Führung bald schon der Niedergang folgen könnte. Denn der Konflikt mit Russland im Zuge des Syrien-Engagements sorgt schon dafür, dass das Land einen guten Partner verloren hat und wirtschaftliche Einbußen verzeichnet. Der blutige Kampf gegen die Kurden – sowohl im eigenen Land als auch in Syrien – führt dazu, dass sich in Europa die Stimmung gegen ihn wendet.

Auch der autoritäre Führungsstil samt der Vernichtung der Presse- und Meinungsfreiheit sorgt für Probleme. Innenpolitisch bringt er die Opposition und die Kurden gegen sich auf und außenpolitisch vor allem die Europäer und die Amerikaner. In der Türkei selbst legt sich der islamisch-konservative Staatsführer nämlich nicht nur mit den laizistischen Kemalisten und den Kurden an, auch innerhalb der islamisch-konservativen Bewegung sorgt sein Machtkampf mit seinem früheren Verbündeten Fetullah Gülen für massive Spannungen.

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Offiziell mögen er und seine islamisch-konservative AK-Partei ja noch in den Umfragen gut dastehen – doch glaubwürdig sind diese im aktuellen politischen und medialen Umfeld nicht. Denn schon jetzt merken immer mehr Türken, wie sich die wirtschaftlichen Erfolge der letzten Jahre wieder in Luft auflösen. Der nach wie vor bedeutsame Tourismus ist schon arg gebeutelt, der Konflikt mit Russland sorgt ebenfalls für Probleme und langsam aber sicher muss sich die Türkei wieder auf eine Massenarbeitslosigkeit und die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten einstellen. Das Platzen der Kreditblase ist ohnehin nur noch eine Frage der Zeit.

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Wird ein freies Kurdistan Realität?

Besonders problematisch dürfte noch der Kurdenkonflikt werden. Unterstützt von den USA und weiteren westlichen Kräften beginnt nämlich schon die Abspaltung der syrischen Kurdengebiete, so dass diese zusammen mit den ohnehin immer stärker nach Unabhängigkeit strebenden Kurden im Nordirak wohl in wenigen Jahren eine "kurdische Konföderation" ausrufen könnten.

Für die türkische Führung ist das ein Horrorszenario. Denn sollte dies Realität werden, schöpfen die Kurden in der Türkei neue Hoffnung und bringen der kommunistisch-separatistischen PKK noch mehr Unterstützung entgegen, als dies im Zuge des türkischen Feldzugs in den Kurdengebieten ohnehin schon der Fall ist. Angesichts dessen, dass sich die innenpolitische Lage wohl noch deutlich verschärfen dürfte, käme diese Schwächung den kurdischen Nationalisten wohl zugute.

Im Zuge eines großen "Befreiungskampfes" der türkischen Kurden, mit Hilfe ihrer Stammesbrüder aus Syrien und dem Irak, wäre eine faktische Loslösung größerer Teile des türkischen Kurdengebietes (wohl mit Abstrichen bei den Gebietsansprüchen) und die Eingliederung in die "kurdische Konföderation" durchaus möglich. Damit bricht jedoch ein großer Teil des Südostens weg, auch wenn dies womöglich einen mehrjährigen Krieg mit mehreren Millionen Toten bedeutet.

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Machtkampf und Zerfall

Ein solcher Wegfall der Kurdengebiete wäre schon der erste große Schlag gegen die jetzige türkische Nation, der dann schlussendlich zum zweiten, tödlichen Schlag führen würde: die Spaltung der Rest-Türkei in den islamisch-konservativen (Nord-)Osten mit Ankara als Hauptstadt und den laizistisch-kemalistischen (Süd-)Westen mit der Hauptstadt Istanbul.

Denn: Die eigentliche Machtbasis Erdogans und der AKP befindet sich vor allem in den ländlichen Gebieten Anatoliens, während der Westen des Landes als westlich-laizistisch geprägt gilt. Sollte Erdogans Kurs tatsächlich dazu führen, dass die Türkei wirtschaftlich und finanziell in den Abgrund geführt wird und seine Politik zur Abspaltung der Kurdengebiete führen, wäre auch ein Großteil der Unterstützung im Westen weg. Diese bekam er nicht wegen seiner religiösen Allüren, sondern vor allem aus wirtschaftlichen Gründen.

Übrig wäre dann eine pro-westliche Westtürkei, die weiterhin als NATO-Stützpunkt dienen könnte und sogar eine Chance auf eine EU-Mitgliedschaft bekäme, sowie eine islamisch-konservative Osttürkei in Form eines Sultanats, welches wohl einen Kurs einschlüge, der mit jenem der arabischen Golfstaaten vergleichbar wäre.

Fazit

Auch wenn dies hier nur Spekulation ist und die zukünftigen Entwicklungen nur in Form von möglichen Szenarien aufgrund von Wahrscheinlichkeiten aufgezeichnet werden können, so sind sie sicherlich im Bereich des Möglichen. Geopolitisch würde dies durchaus Sinn ergeben, zumal man die bisherigen Puzzlestücke nur zusammenfügen muss, so dass sich die fehlenden Stücke fast schon von selbst ergeben.

Doch es gibt – wie immer – auch diverse Unwägbarkeiten und unbekannte Variablen, die zu alternativen Entwicklungen führen können. Allerdings ist Eines sicher: Die Landkarte des Nahen Ostens wird in 10-20 Jahren deutlich anders aussehen. Vor allem Syrien, der Irak und die Türkei dürften von diesen Veränderungen betroffen sein. In welchem Ausmaß, wird sich allerdings noch zeigen müssen.

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13 Kommentare

  1. Der Bericht passt aber nicht zu dem was "Mutti" vorschwebt. Die Türkei ist doch danach ein demokratisches, reifes Land auf das größerer Verlaß als auf viele EU-Länder sei. Wenn das nicht alles was da so gefaselt wird im Hinblick auf meine Zukunft nicht so traurig wäre, könnte ich über den Stuß noch lachen.

  2. "Steht die Türkei vor dem Zerfall?" Nur das nicht! Bevor dort der Laden "zerfallen" ist, kommen die Türken haufenweise hier an,  halten die Hände und reißen die Mäuler auf! Das sind dann auch alles "Schutzsuchende". Die fehlen hier gerade noch – wenn auch nicht allen!

    1. Bevor dort der Laden "zerfallen" ist, kommen die Türken haufenweise hier an,  halten die Hände und reißen die Mäuler auf.

      'Kommen haufenweise hier an' ist gut – sind doch schon wenigstens 7 Millionen von denen hier (laut 'Fuchs-Briefen', einem Lebensmittelinformationsdienst, über die Zahlen mit denen die türkische Lebensmittelindustrie kalkuliert, aus dem Jahre 2007). Da dieses 'hier' ja ohnehin die Jauchegrube des Planeten wird (nirgends hat man mehr Ruhe/ist 'unter sich' – in einem klitzekleinen Wochenendgebiet im relativ bevölkerungsarmen hessischen Vogelsbergkreis haben jetzt Polacken das Wochenendhaus neben meinem gekauft. Widerlich… 😥 ) sage ich nur noch: Immer rein damit … und dann: Laßt die Party beginnen! 😆 😆 Die blöden BRDler zahlen ohnehin ALLES!! 😆

       

  3. Ach jetzt lasst doch mal die Türkei in Ruhe…die haben wahrlich genug an der Backe

    Kömma uns nicht einfach wieder auf so Sachen wie Heiko Maas oder so stürzen, ist viel lustiger 😀

  4. Für die EU und Merkel insbesondere ist die Türkei immer noch Musterkanditat für die EU Mitgliedschaft. Totgesagte leben länger. Solche chaotischen Länder eignen sich doch hervorragend, um EU Gelder, sauer verdiente Steuergelder der Bürger Europas, so richtig schön in einem Sumpf zu versenken, um sie an anderer Stelle auf entsprechende Konten zu parken, die zufällig der EU Finanzkontrolle entgehen. Siehe Bosnien und Kosovo. Dort sind riesige Summen verschwunden, und erfreuen sich sicher schon lange daran, Eigentum krimineller Macher zu sein! Ein kleiner Teil wurde wahrscheinlich in die Villen und Swimmingpools der korrupten Lokalpolitiker investiert.

  5. Wobei ich nicht Merkel in irgendeiner Weise unterstellen möchte, Gelder für sich zu veruntreuen! Der Frau geht es um ganz andere Dinge! Nämlich Europa so umzubauen, daß man es danach nicht mehr erkennt! Da meine ich ganz andere Leute damit.

  6. Ich halte dieses zenario für nicht warscheinlich,er die Voraussagen das die

    Türkei als Staat untergehen wird,und Istanbul wieder Konstatinopel heist

  7. Ich muss mich schon wieder fragen, bin ich bekloppter als unsere Führungskaste mit der Murkserin an der Spitze? Wer berät diese Frau eigentlich? Ich meine jetzt nicht in Sachen Mode ;-). Vielleicht haben wir Glück und die Plattendektonik schafft Ruhe und Ordnung für die nächsten Jahre.

  8. Der zunehmende Totalitarismus in der Türkei, der beginnende Bürgerkrieg mit den Kurden und die Großmachtavancen von Präsident Erdogan sorgen dafür, dass der NATO-Staat nicht nur an Verbündeten verliert, sondern womöglich anstatt …..

     

    Was sind Großmachtavancen? Allüren?

    ————

    Hoffentlich kriegt der Erdo-sowieso kräftig eine aufs Maul.

  9. Eine Analyse, heisst es in der überschrift… da hätte ich mir mehr fakten erwartet und nicht nur spekulationen. die spaltung in laizistische und islamistische west- und ost-türkei wird so nicht kommen. die bevölkerung im westen ist längst nicht mehr laizistisch; viele sind erdogans islamismus-offensive auf den leim gegangen, viele schulen sind zu koranschulen umfunktioniert; die abschlüsse der imamschulen sind den universitären gleichgestellt und eröffnen vielen halbgebildeten den zugang in die höhere bürokratie – eine bürokratie mit islamischem anstrich entsteht und ist nicht mehr wegzudenken… aber die türkei steht fraglos vor zahllosen zerreissproben. das ist sicher und erdogan reisst das land in den abgrund!

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