Lichtscheu – Gothic Rock mit Herzblut

Musik ist nicht gleich Musik. Die Band "Lichtscheu" produziert Gothic Rock mit Klasse und Herzblut, die sich nicht zu verstecken braucht.

Von Marcel Grasnick

Es gibt Musik und es gibt Musik. Ja, es gibt Unterschiede. Es gibt Musik, die ist für die Masse, dafür ohne Klasse und es gibt Musik ohne Klasse und ohne Masse. Es gibt auch aber auch Musik, die ist nicht für die Masse, aber dafür mit Klasse. Genug der Massenklasse oder Klassenmasse, es geht schlicht und einfach um Musik mit Stil. Rosenstolz brachte mal Musik mit Herz und Gefühl und spätestens ab dem Moment, ab dem ein gewisser Peter Plate auf der Bühne ausrief "Gebt mir das Gefühl, ein Rockstar zu sein" – ab diesem Moment war es vorbei, es wurde zur Massenklasse.

Es gibt nicht viele Bands, die wirklich Musik mit Herz und aus vollem Herzen produzieren. Der Großteil hofft darauf, bekannt und berühmt zu werden, begibt sich in die Fänge eines Labels und tanzt – oder vielmehr spielt – dann nach deren Pfeife. Dann gibt es noch die eher – und das mit einem großen "leider" – unbekannteren Bands, denen man das Herzblut in der Musik zwar nicht ansieht, aber dafür heraushört. Genug der Lobhudelei, das ist nicht mein Stil, ich bin als Nörgeltrine bekannt, als Meckerfritze und als solcher sollte ich auch loslegen. Nur, es gelingt mir nicht auf Anhieb. Und der Sprung von Rosenstolz zu den eher dunkleren Gefilden der Musikszene ist nicht einfach hinzubekommen. Aber ich bin nun textlich gelandet in der Kategorie Gothic Rock, oft und zu Unrecht müde belächelt und damit auch, um genau zu sein, bei der Band Lichtscheu.

Zugegeben, lange haben sie gebraucht für das neue Album, das bei den Fans und gewissen Hörern sehnsüchtig erwartet wurde. Doch bei alledem sei eine Sache zu bedenken: Entgegen der marktüblichen Produktion von Alben, bei der oft zu viele Personen rumpfuschen, war es bei dem neuen Album von Lichtscheu – namentlich als "Scherbenwelt" benannt – die Band selbst, die den Großteil der Arbeit in die eigenen Hände genommen hat. Die gleichen Hände, die die Instrumente und auch das Mikrofon beherrschen, zusammen mit der Stimme von Angela "Goldkehlchen" Clausen, die auch textlich die Hände im Spiel hatte. Oder eher die Gedanken. Das Cover wurde vom Gitarristen Timo gestaltet und das Album mit den zehn Titeln, darunter auch der Band-Hymne "Lichtscheu", von den Access All Area Studios abgemischt. Dieses Studio hat sich unter anderem den Leitspruch "Wir sind auch mal bereit den offensichtlich 'schönen' Klang für eine Portion Glaubwürdigkeit zu riskieren. Lieber ein wenig gewagt Anders als immer Standard beliebig…" auf die Fahne geschrieben und DAS hört man auch.

Rezensionen der schwülstigen Art gibt es schon derer einige und jeden Titel einzeln vorzustellen ist für meine Wenigkeit in einer Vorstellung ebenso fehl am Platz, da es für mich als Hörer den Überraschungsmoment nimmt, wenn das Album zum allerersten Mal durch die Anlage schallt. Lausche den Titeln, erkenne das Band-Credo beim Hören und genieße unvoreingenommen und damit ist eine solche Vorstellung vielmehr eine persönliche Empfehlung. Von meiner Warte aus leider nicht ganz unvoreingenommen, da ich durchaus schon das Vergnügen hatte, die Band bei Auftritten und einige Mitglieder der dazugehörenden vier Köpfe persönlich kennenzulernen. Das Album für das feierabendliche Musik-Abschalt-Erlebnis und der Live-Auftritt für das Feeling.

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Ich suche noch und finde bis jetzt immer noch nichts, während dieser Text aus den Fingern fließt und nebenbei genau das erwähnte Album aus den Lautsprechern schalt, den Grund zum meckern. Den einen Grund, aber er ist nicht da. Verdammt! Handgemachter Rock, in perfekter Abstimmung zwischen Gesang und Musik. Fehlt nur noch der Hinweis, dass das Album direkt über die Homepage der Band oder bei Bandcamp zu bekommen ist und nicht über die großen Shops. Aber der weite Weg, der lohnt sich allemal.

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8 Kommentare

  1. Ist das Contra Magazin nun unter die Musikkritiker gegangen? Na von mir aus! Ich kenne diese Band nicht aber ich würde heute jede Kapelle unterstützen, die sich trauen würde mal Tacheles zu reden! Aber in diesem Land gibt es hauptsächlich duckmäusernde Hampelmänner, die sich vielleicht gerade mal noch für den "Kampf gegen Rächtz" einspannen lassen! Von diesen traurigen Gestalten haben wir dafür aber immerhin mehr als genug am Start!

    1. Die Kategorie "Kunst & Kultur" wird meines Erachtens viel zu wenig gewürdigt. Wer meckern kann, muss auch mal die schönebn Aspekte des Lebens zeigen und ich hoffe, dass ist mir in diesem Fall gelungen.

      1. Rock hat insofern was mit Kultur zu tun, als unsere Kultur vor allem eine Lärm-Kultur ist. Wenn man diesen Lärm denn unbedingt Kultur nennen will.

        Und über den Mecker-Blog sollten sie noch mal nachdenken.

  2. Im Normalfall kann ich auf deutsch Gesungenes nicht ausstehen, da der Inhalt meistens fürchterlich belanglos und oder gar kitschig ist. Das liegt aber weniger an der deutschen Sprache sondern vielmehr an dem indoktrinierten Bemühen, nirgendwo anzuecken. Ein paar Ausnahmen finden sich im Räächtz-Rock-Bereich…

    Aber viele Deutsche mögen es ja gerne belanglos. Ich sehe inhaltlich oftmals keinen großen Unterschied zwischen z.B. Helene Fischer und solchen verkappten „Rockern“. Und das meine ich nicht als Kompliment, für keine der Seiten.

    Da wird inhaltlich das Musikantenstadl über sogenannten „Rock“ ans Volk gebracht. Damit man dann später im Altersheim schon mal weiß, was einen erwartet und die Umgewöhnung verträglicher vor sich geht. Dann stellt die dauernd gestresste Pflegerin „freundlicherweise“ so einen Sender ein wie „Schlager der Heimat“ -natürlich volle Lautstärke- ein, während man ans Bett gefesselt ist und bricht „ausversehen“ den Knopf für die Senderwahl ab. Wenn das keine Folter ist, dann weiß ich es auch nicht.

    1. Deutsch ist unsere Sprache, und man kann mit ihr wunderbare Sachen und Gesänge machen – wenn man kann.

      Dazu bedarf es keiner angelsächsischen Lallerei.

      Wer's nicht glaubt, höre sich Mario Hene an – er ist ein Meister der Sprache und seine Texte waren schon "gothic", bevor überhaupt jemand wusste, was das ist.

    2. Solange man sich NICHT im Altersheim befindet, kann man doch selbst entscheiden, welche Musik man hört und welche ausblendet. Ich bezweifele stark, dass englischsprachige Interpreten im Durchschnitt tiefgängigere Inhalte vortragen als im Vergleich dazu deutschsprachige. Ich habe den Verdacht, dass es doch auf gewisse Weise am Sprachempfinden liegt. Denn merkwürdigerweise dürfen englische Songs viel schmalzigere Inhalte ungestraft in die Welt tragen, ohne dass diesen der Vorwurf  "Schlagermusik" um die Ohren fliegt. In jeder Sprache der Welt wird man Inhalte finden, die den eigenen Nerv treffen, wenn man die Sprache denn versteht ;-). Nur allerhöchstens 3% der Musik, die an meine Ohren dringt, gefällt mir persönlich aufrichtig gut. Deshalb schimpfe ich aber nicht auf die restlichen 97%. Denn mein persönlicher Geschmack ist nicht das Maß aller Dinge.

      Rockmusik muss für mich nicht zwingend systemkritische Texte zum Inhalt haben, um sich Rockmusik nennen zu dürfen. Es ist eine Frage des Geschmacks, ob man gefühlvolle Texte mag oder nicht. Darüber lohnt es auch kaum zu diskutieren. Aber alle romantischen Inhalte in Helenes Topf zu werfen? Das ist mir zu undifferenziert betrachtet. Für viele ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Gefühlswelt durchaus keine Belanglosigkeit.

      Und auch die Musik wird zunehmend zu einer Glaubensfrage. Man will ein Statement abliefern mit der Musik, die man hört, mit dem, was man isst oder nicht isst, mit dem was man anzieht, mit einfach allem. Ob das gut oder schlecht ist? Ich bin da noch nicht zu keiner abschließenden Meinung gekommen.

  3. Ich suche noch und finde bis jetzt immer noch nichts, während dieser Text aus den Fingern fließt und nebenbei genau das erwähnte Album aus den Lautsprechern schalt,

    Eigentlich der falsche Weg, eine langerwartete Musik zu hören.

    Der Mensch ist kein "Multitasker", egal was der Zeitgeist dazu gröhlt.

    Und die monatelange Arbeit geschätzter Musiker ist aller ungeteilten Aufmerksamkeit wert.

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