Neuer Wind in Portugal: Arbeiter setzen Rechte durch

Europa hat im 19. Jahrhundert gesehen, wie die Geburt der Gewerkschaften unsere Gesellschaft ausgeglichener machte. Doch nun gehen wir gerade in die entgegengesetzte Richtung. Der Kommunismus mag nicht so funktioniert haben wie die Utopie von Karl Marx, aber der ultraliberale Kapitalismus schafft auch nur Armut und nutzt einem kleinen Teil – dem Geldadel. Aber jetzt haben die Diener den Herren Einhalt geboten.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Wer hätte gedacht, dass einige Unternehmen in Portugal – im 21. Jahrhundert und über 40 Jahre nach der Revolution – schlimmere Raubtierkapitalisten sein würden, wie damals die Eliten in der Diktatur? Doch es ist tatsächlich so. Damals wurden wenigstens Portugiesen von Portugiesen ausgebeutet. Heute sind es internationale Aktienunternehmen, die sich wie namenlose Monster in der Wirtschaft breitmachen und hinter der Anonymität einer AG verstecken. Jetzt haben die Arbeitnehmer aber eine Gewerkschaft, die sich für ihre Rechte einsetzt und dafür sorgt, dass ein Arbeitsverhältnis nicht mit Leibeigentum verwechselt wird.

Die Arbeiter der Teleperformance haben sich erfolgreich gegen die Absicht ihres Arbeitgebers gewehrt, den Fleiß-Bonus zu streichen, um damit die Anhebung des Mindestlohns von 505 auf 530 Euro auszugleichen. Nun muss man sich das Ganze mal auf der Zunge zergehen lassen. Das weltweit führende Callcenter-Unternehmen macht Milliarden, zahlt grundsätzlich den Mindestlohn und nutzt die hohe Arbeitslosigkeit und allgemeine Misere, um niemanden fest einstellen zu müssen. Jetzt, wo der gesetzliche Mindestlohn um 25 Euro angehoben wurde, wollte man den Mitarbeitern nicht einmal das gönnen. Sie planten die Lohnerhöhung mit der Streichung des Fleiß-Bonus zu kompensieren.

Doch damit nicht genug des Übels. Denn dieser Tropfen auf den heißen Stein verdampft schon mit den verschiedenen Preiserhöhungen, die das Land jeden Januar erlebt. Aber immerhin gibt es ein wenig mehr, denn die letzten Jahre über mussten die Menschen höhere Preise bei Transportmittel, Strom, Gas, Wasser, Telekommunikation u.v.m., ohne Lohnerhöhungen stemmen. Jetzt hat die neue Regierung den ersten Schritt getan, um den Opfern der Austerität das Leben ein wenig zu verbessern. Aber die Manager der Teleperformance dachten, dass ihre Mitarbeiter das nicht brauchen oder verdient haben und vor lauter Angst den „Superjob“ zu verlieren, den sie inne haben, den Schwanz einziehen würden. Falsch gedacht.

Denn anders als in Deutschland, hat Portugal noch echte Gewerkschaften. Oft sind diese sogar zu eifrig und streiken wegen Kleinigkeiten, die man auch am Verhandlungstisch oder vor Gericht lösen könnte. Manchmal verlangen sie das Unmögliche, weil sie mal wieder in den Medien sein wollen. Diesmal aber haben sie einfach nur das Recht ihrer Schützlinge eingeklagt und die Gerechtigkeit wieder hergestellt. Dies sollte allen Gierhälsen eine Lehre sein! Es macht ja auch keinen Sinn, die Angestellten auszuquetschen um sich dann zu wundern, dass die Leute demotiviert sind. Es weht ein anderer Wind in Portugal. Investition ja bitte – Ausbeutung nein danke!

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4 Kommentare

  1. Spannend und hochinteressant, was da im Süden Europas abgeht!

    @Herr Gutschmidt,
    es fällt auf dass der Süden sich eher nach links wendet, während der Norden sich rechts orientiert; glauben Sie, das kann man auf die Erfahrungen mit (rechten) Diktaturen in der jüngeren Vergangenheit zurückführen, welche in POR, ESP, GRE usw. gemacht wurden?
    Oder wäre das eine zu einfach Erklärung?

    1. Das ist genau das. Die Südeuropäer wissen noch zu gut, was eine rechte Diktatur bedeuted. Der Norden scheint keinerlei Lehren aus der Geschichte gezogen zu haben. Hier ist die Gefahr einer Linken Diktatur zwar gegeben, aber die Menschen wollen eher die Werte der Demokratie verteidigen und stärken. Die Welt ist voller Probleme, aber man muss sie behutsam angehen, sonst macht man es am Ende noch schlimmer.

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