Die Schließung der Shanghaier Börse am 3. Januar 2016 erfolgte aufgrund einer erst seit Jahresbeginn geltenden Verfügung, den Börsentag zu beenden, sobald die Aktienkurse um mehr als 7 Prozent nachgeben. Sie folgt aber auch auf eine Periode von Eingriffen in den Aktienmarkt durch die Regierung und die Zentralbank, die weltweit nicht ohne Parallelen sind. 

Ein Gastartikel von Ernst Wolff

Nach den Aktiencrashs vom Juli und vom August 2015 griff die für Wertpapierkäufe im Auftrag des Staates zuständige „China Securities Finance Corporation“ (CSF) mit umfangreichen Ankäufen in den Aktienmarkt ein, um nach einem Kurssturz von 30 Prozent innerhalb von drei Wochen weitere Einbrüche an den Börsen von Shanghai und Shenzhen zu verhindern. Insgesamt verfügt die CSF über Mittel in Höhe von 2,5 bis 3 Billionen Yuan (etwa 400 bis 500 Mrd. US-Dollar) – in etwa zwei Drittel der Summe, über die der ESM verfügt. 

Außerdem wurde Großaktionären wie den milliardenschweren Pensionsfonds ein Verkaufsverbot erteilt, während laufende Börsengänge ausgesetzt wurden. Der staatliche Ölkonzern kaufte in großem Umfang eigene Aktien auf, um seinen Kurs zu stabilisieren. Kleinanlegern wurde gestattet, die eigene Immobilie als Wertpapierkredit zu hinterlegen. Die chinesische Zentralbank senkte ihren Leitzins, um Investoren mit billigem Geld zu locken. 

Sämtliche Maßnahmen dienten ausschließlich dazu, die Krisensituation so schnell wie möglich unter Kontrolle zu bringen – ohne jede Rücksicht auf die langfristigen Folgen. Diese aber haben das Land nun eingeholt: Der Crash zum Jahresanfang erfolgte wenige Tage vor der Aufhebung der Notmaßnahmen vom Sommer vergangenen Jahres und spiegelt die Angst vieler Investoren vor einem noch größeren Crash wider.  

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Analysten schreiben den Einbruch der Kurse einerseits den schlechten Wirtschaftsdaten – einem Rückgang der chinesischen Produktion im zehnten Monat in Folge – und andererseits den dramatischen Vorgängen um den eskalierenden Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran zu. Beide Phänomene können aber nur als Auslöser der jetzigen Krise gelten. Deren tiefere Ursachen sind in einem Phänomen zu suchen, das China seit der Krise von 2008 mit dem Rest der Welt teilt: Der kreditgetriebenen Aufblähung des Anleihen-, Aktien- und Immobilienmarktes. 

Der Motor der Kurssteigerungen: Kredit und Manipulation

Zwar nimmt China innerhalb der Weltwirtschaft eine Sonderrolle ein. Es hat als Handelspartner von etwa 120 Ländern inzwischen die USA, Handelspartner von etwa 70 Ländern, längst überrundet. Seine Produktionskapazitäten sind die größten der Welt. Seine Währung, der Yuan, hat zwar noch nicht annähernd die Bedeutung des US-Dollars, wird jedoch weltweit immer wichtiger. Der Beschluss des IWF, den Yuan in diesem Jahr in seinen Währungskorb aufzunehmen, beweist diese Entwicklung.

Wichtiger als all diese Sachverhalte ist jedoch die Tatsache, dass die chinesische Wirtschaft wie alle übrigen Wirtschaften der Welt seit der Krise von 2007 / 2008 vollständig von der sich jeder Kontrolle immer stärker entziehenden Finanzindustrie beherrscht wird und dass die Politik aus reinem Selbsterhaltungstrieb heraus versucht, sämtliche ihrer Forderungen zu erfüllen, um einen Kollaps des Systems zu verhindern. 

Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, der Übernahme von Bear Stearns durch JPMorgan Chase und der Verstaatlichung einer Reihe internationaler Finanzinstitute brauchten die großen Finanzinstitutionen 2008 dringend frisches Geld, um überleben und die Märkte weiter beherrschen zu können. Die Staaten reagierten, indem sie die Zentralbanken anwiesen, riesige Mengen an Geld zu drucken und dieses den großen Investoren zu immer niedrigeren Zinsen zur Verfügung zu stellen. Deren Bedarf war damit aber noch lange nicht gedeckt. Da die Realwirtschaft nicht wieder auf die Beine kam (da im Finanzsektor schnellere und höhere Gewinne zu erzielen waren) und die Krise sich trotz aller anders lautenden Aussagen seitens der Politik und der Mainstream-Journalisten weiter verschärfte, begannen die Zentralbanken, Staatsanleihen zur Stützung taumelnder Staaten aufzukaufen und auch in die Aktienmärkte einzugreifen.

Ein Ausstieg ist nicht mehr möglich

Durch diese Manipulation aber wurde eine Spirale in Gang gesetzt, aus der ein Ausstieg nun nicht mehr möglich ist. Da das weltweite Finanzkasino fast ausschließlich schuldengetrieben ist, müssen die Kurse, allein um die Zinszahlungen auf diese Schulden bedienen zu können, ständig nur in eine Richtung gehen – nach oben. Fallen die Kurse in größerem Ausmaß, müssen die Zentralbanken sofort wieder aktiv werden und frisches Geld ins System pumpen – ein sich selbst verstärkender Mechanismus, der schlussendlich zum Zusammenbruch des gesamten Systems führen muss, da er sich nicht umkehren, ja noch nicht einmal vorübergehend anhalten lässt. 

Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg meldet, hat die chinesische Regierung nach dem Crash vom 4. Januar durch staatlich kontrollierte Fonds in großem Still Aktien aufgekauft und das seit dem Sommer geltende Verkaufsverbot für Großinvestoren verlängert. In anderen Worten: Sie hat die Folgen der Marktmanipulation durch erneute und noch stärkere Manipulation als bisher übertüncht und damit bereits die Grundlagen für einen späteren, noch gewaltigeren Crash gelegt. 

Wie weit fortgeschritten die durch derartige Manipulation bewirkte Entgleisung des Systems mittlerweile auf internationaler Ebene fortgeschritten ist, zeigt die Tatsache, dass die Zentralbanken es nicht mehr schaffen, trotz der gewaltigen Geldinjektionen den Prozess der Inflation voranzutreiben. Diese wird dringend gebraucht, denn einzig eine Inflation kann den Schuldenberg zumindest in Ansätzen schmelzen lassen. (Während Preise, Produktionskosten und Steuereinnahmen steigen, würden die Schulden konstant bleiben, also in Relation zum übrigen Preisniveau sinken.) 

Zusätzlich angefacht wird die Gefährlichkeit dieses Teufelskreises durch Derivate (Finanzprodukte ohne Bezug zur Realwirtschaft). Mit Leerverkäufen (Wetten auf fallende Kurse) oder Kreditausfallversicherungen (Wetten auf die Zahlungsunfähigkeit von Marktteilnehmern) lassen sich im Finanzsektor auch bei fallenden Kursen und Unternehmens-Zusammenbrüchen Unsummen verdienen. Dass in diesem Bereich riesige Beträge investiert sind, macht die Aufrechterhaltung des Systems zur Überlebensfrage. Ein Zusammenbruch eines einzigen großen Marktteilnehmers würde allein im Bereich der Kreditausfallversicherungen eine Kette von Zahlungsfälligkeiten auslösen, die das System als Ganzes nicht überleben könnte.

Der Kurseinbruch in Shanghai ist also nicht nur ein Alarmzeichen für die globalen Finanzmärkte. Er zeigt auch, wohin die kreditgetriebenen Märkte (also alle Aktien-, Anleihen- und Immobilienmärkte) auf unserem Planeten treiben und welche weiteren tektonischen Erschütterungen in dem vor uns liegenden Finanz-Tsunami zu erwarten sind. 

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6 KOMMENTARE

  1. Danke für den prägnant erläuternden Artikel und seine Realitätsbezogenheit. Das westliche Finanzbetrugssystem ist im Begriff zusammenzubrechen. Wo bleiben da nur die guten Ratschläge der drei amerikanischen Ökonomen, die den Nobelpreis erhalten haben??? Dürfen die nichts mehr sagen? Hat es ihnen vor lauer einbrechender Realität die Sprache verschlagen?

    China, Indien, Russland und Iran werden sich aller Wahrscheinlichkeit nach aus diesem Schlamassel herausmanövrieren können, ohne allzu grossen Schaden davonzutragen. Der Westen hingegen wird mit Getöse untergehen.

    • Ich sehe das auch. Im Übrigen vermute ich, dass die Ausschreitungen der Bereicherer zur Silvester-Party in Köln, Hamburg, Stuttgard, München, Bottrop und wo sonst noch immer, dazu dienen, uns davon abzulenken, dass der große und BEABSICHTIGTE Crash jetzt eingeleitet wird!

       

  2. GENAU Der Artikel ist super  Finanzviertel von London zog nach Peking (Workshop) Rußland (Rohstoffe). Es gibt weltweit Oligarchen Rothschild (Donald Trump) und nationales Oligarchen Rockefeller (USA) sind umständlich Geschäfts Auslösung. Donald Trump hilft fallenden US .- Klügste 

  3. Einem großen Beben gehen immer viel kleine vorraus.

    Nahrungsmittel für 14 Tage und Bewaffnung vorhalten. Beides sicher und getrennt voneinander Aufbewaren!

    Die Welt geht nicht unter, max. das Finanzsystem so wie es im Augenblick existiert. Es wird ganz sicher weiter gehen, die Welt sich weiter drehen. Und das sogar besser als je zuvor: Freilich nich ganz ohne Kollateralschäden.

  4. Die Inflation vollzieht sich in verschiedenenen Schritten. Die drei Phasen der Inflationierung in vereinfachter Darstellung:

    Phase 1:

    Zentralbanken oder Regierungen erhöhen die Geldmenge. Die Preise steigen jedoch unmerklich. In den Medien wird dieser Schritt bagatellisiert und die Menschen vertrauen darauf, dass es sich nur um eine vorübergehende Geldmengenausweitung handelt. Sie sparen deshalb weiterhin.
    Die Politik hingegen kann damit ihre Defizite finanzieren ohne eine Preisinflation zu erzeugen.

    Phase 2:

    Die Menschen beginnen zu begreifen, dass der deflationären eine inflationäre Entwicklung folgen wird. Sie werden vorsichtig und vertrauen den vollmundigen Ankündigungen der Zentralbankvertreter und Politiker nicht mehr. Sparen lohnt sich immer weniger. Also beginnen sie damit, ihr Geld schneller auszugeben und nicht mehr zu sparen.
    Verständlich: Sie möchten die Waren kaufen, bevor diese teurer werden. Das jedoch verstärkt die Inflation, da die Nachfrage nach Geld zurückgeht und die Preise steigen.

    Phase 3:

    Da sich die Inflation verstärkt, geraten die Menschen immer mehr Panik. Es wird ihnen bewusst, dass die Preissteigerungsdynamik nicht zu stoppen ist. Das Vertrauen in die Währung zerfällt mehr und mehr und die Nachfrage nach Geld fällt rapide.
    Die Menschen flüchten sich in Sachwerte und anderen Alternativen zur Währung.

    Fazit:

    Unserer Auffassung nach befinden wir uns noch in Phase 1.  Phase 2 steht bevor.

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