Ex-UNHCR-Flüchtlingskommissar: Schleuserbanden sind Massenmörder

António Guterres war bis 31. Dezember 2015 Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR). Der Ex-Premierminister Portugals hat ein besonders schweres Mandat hinter sich, bei dem er immer wieder bei Politikern auf taube Ohren stieß und zusehen musste, wie Europa im Chaos versinkt. Nun gab er dem portugiesischen Staatsfernsehen RTP ein Interview.

Von Rui Filipe Gutschmidt

António Guterres nahm kein Blatt vor den Mund, als er in seinem Interview die EU-Politiker für ihre Inkompetenz, Untätigkeit und Uneinigkeit kritisiert. Er beschuldigt die (türkische) Polizei wegzusehen, wenn Schleuser die Flüchtlinge auf Schiffe verfrachten, die mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ankommen können. Auch fordert er die Staaten der EU auf, Deutschland zu entlasten um den sozialen Frieden wieder herzustellen. In Europa verbreitet sich eine Epidemie der „restriktiven Maßnahmen“, die der EU und damit ihren Mitgliedsstaaten nur schadet.

Nach der üblichen Begrüßung stellte RTP-Moderator Vítor Gonçalves auch gleich die erste Frage. So wollte er wissen, was António Guterres persönlich aus seiner Zeit an der Spitze der UNHCR mitnimmt. Dieser meinte, dass es für ihn nicht nur ein Privileg gewesen sei, 10 Jahren seines Lebens dieser besonders noblen Sache zu widmen, sondern auch dafür, sich aktiv für die Rechte, aber auch die Verbesserung der Lebensbedingungen und der Schaffung einer Grundlage für die Zukunft derer einzusetzen, die am schwächsten sind.  Diese wären die Opfer der Folgen der unzähligen Konflikte und der wachsenden Unsicherheit, die große Teile der Welt heimsuchen.

„War es die größte Herausforderung, die interessanteste Aufgabe, in ihrem Leben bislang?“, fuhr der Moderator fort. Guterres bestätigte dies und ergänzte dazu:“Zu allererst, ist es eine Aufgabe, die dich zwingt ins Feld zu gehen und mit der menschlichen Realität vor Ort in zu treten.“ Man sieht also schon, dass es sich um einen Mann der Taten handelt und weshalb er nicht mehr viel vom „Politikdämon“ in ihm steckt. Dabei gibt er zu, das es zu viel Bürokratie bei den Vereinten Nationen gebe und dass ihm das Auftreiben von Finanzmitteln ein Graus gewesen sei. Denn ohne Moos, nix los.

Aber das wichtigste, so Portugals Ex-Premierminister weiter, ist die Arbeit vor Ort. Wie zum Beispiel den Aufbau und die Sicherung der Flüchtlingslager. Neben den Unterkünften und der Versorgung mit Lebensmitteln, Trinkwasser, Medikamenten und – wenn die Grundlage dafür vorhanden ist – Bildung für die Kinder, bräuchten die Vertriebenen vor allem Schutz. Auch in den Lagern des Libanon, Jordaniens und der Türkei gibt es sexuelle Übergriffe, Gewalt untereinander und Kriminalität, wie man sie in jeder Stadt vorfindet. Doch am meisten Angst haben die Lagerinsaßen davor, dass ISIS, Taliban, die sudanesische oder syrische Armee oder vor wem auch immer sie geflohen sind, ihnen bis zum Lager folgen.

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Guterres sprach von Kinderarbeit und Zwangsrekrutierungen, auch von Kindersoldaten und der Schleusermafia, die für ihn die großen Profiteure des Flüchtlingsdramas ist. Sie schiffen die Menschen in nicht hochseetauglichen Nussschalen ein, was faktisch tausendfacher fahrlässiger Tötung, wenn nicht gar dem Tatbestand eines Massenmordes gleichkommt.

Wenn die Grundversorgung gesichert ist, so der allseits beliebte Portugiese weiter, gehen wir dazu über Lösungen zu suchen. Jedes Jahr helfe man 100.000 Menschen dabei, ein neues Leben zu beginnen. Auch wenn diese 100.000 von den weltweit 60 Millionen Vertriebenen nur ein Tropfen auf einen heißen Stein sind, so ist es besonders befriedigend zu sehen, dass diese Menschen etwas aus der ihnen gegebenen Chance gemacht haben, wie Guterres betont. Wenn man sehe, dass deren Kinder ein Studium antreten, sie selber erfolgreich in Job und Gesellschaft in Australien, europäischen und nordamerikanischen Ländern angekommen sind, mache ihn das glücklich. Auf die Frage warum es nicht mehr sind, ob es ihn nicht frustriert entgegnet er, dass die meisten Menschen in ihre Heimat zurückkehren wollen.

Das UNHCR half noch vor wenigen Jahren bei der Heimkehr von 1 Million Flüchtlingen. Es war eine Zeit, in der einige Konflikte beendet wurden und dies möglich wurde. Zur Zeit kehren nur noch 130.000 zurück. Nicht nur die Anzahl der Konflikte hat zugenommen, sondern auch der Umfang der Kriege und die Brutalität, mit der die Zivilbevölkerung eingeschüchtert wird und mit der man die Kämpfer zur Aufgabe bewegen will. Die Welt hat sich verändert. Sie ist Gewalttätiger geworden, so Guterres.

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7 Kommentare

    1. Das Spiel zu kennen heissr nicht, dass man mitspielt! Daher sieht er sich auch nicht als UN Generalsekretär. "DIE" wissen das er ihr Spilchen nicht mitmacht und daher hat er keine Chance. Kaum ein Land, eine Regierung, die nicht mitspielt.

       

      1. was in anbetracht der tatsache, dass selbst unmittelbare uno-mitarbeiter – uno-kommisare usw. reden können was und wieviel sie wollen nichts in der lage sind zu verändern, meine these, dass diese organisation (bestenfalls!) überflüssig ist nur bestätigt. 

      2. @Rui Filipe Gutschmidt: Wenn einer – so wie ER – im Spiel drin ist und das Spielchen nicht mehr mitspielt, so wird er "auf unerklärliche Weise gestorben" werden. Soviel Wissen ist immer tödlich…

  1. „Schleuserbanden sind Massenmörder“

    Reue ist Verstand, der zu spät kommt.
    Aber sowas von zu spät!

    Ich sehe mir jetzt erst mal an, wie das Land absäuft. Habe schon Chips + Cola gekauft. Unschuldige kann ich ja kaum erkennen, und wenn es die Mitnicker mit Ihren Doofmachern sind.

    Apropos: ob die Smartphones vlt. tatsächlich DOOf machen ??

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