Sonntagspanorama #35

Liebe Leserinnen und Leser,

der Zentralrat der Juden in Deutschland fordert eine Obergrenze für den Zuzug von Flüchtlingen nach Deutschland. Zentralratspräsident Josef Schuster sagt: „Viele der Flüchtlinge fliehen vor dem Terror des Islamischen Staates und wollen in Frieden und Freiheit leben, gleichzeitig aber entstammen sie Kulturen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil ist. Denken Sie nicht nur an die Juden, denken Sie an die Gleichberechtigung von Frau und Mann oder den Umgang mit Homosexuellen." Und weiter: „Wenn ich mir die Orte und Länder in Europa anschaue, in denen es die größten Probleme gibt, könnte man zu dem Schluss kommen, hier handele es sich nicht um ein religiöses Problem, sondern um ein ethnisches.“

Mal abgesehen von dem traditionellen Rassismus aus dem Zentralrat der Juden (dem Außenposten der israelischen Regierung). – Wenn ich Seehofer wäre, würde ich jetzt alles daransetzen, den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu dazu zu bringen, Angela Merkel wegen einer Obergrenze für Flüchtlinge anzubetteln bzw. anzubellen. Israelische Politiker sind schließlich die einzigen Menschen, auf die unsere Bundeskanzlerin noch immer gehört hat.

Die Welt am Sonntag liefert ein schönes Beispiel dafür, wie falsch die Kategorisierung nach Ethnien ist, indem sie den Weg der Sizilianer als amerikanische Einwanderer nachzeichnet: „Als sie im 19. Jahrhundert in Ellis Island landeten, galten sie noch als unheilbar blöd. Sie schnitten in jedem Intelligenztest grotesk schlecht ab. Hinzu kamen objektive Probleme: Die Sizilianer stammten aus einer vormodernen, bäuerlichen Gesellschaft, sie praktizierten Ehrenmorde, sie schleppten neue kriminelle Strukturen in Amerika ein. Selbstverständlich forderten Anhänger der Eugenik (die als Wissenschaft galt), die sizilianische Zuwanderung sofort zu stoppen. Heute fallen die Kindeskinder von damals in IQ-Tests überhaupt nicht mehr auf. Sie schneiden im Durchschnitt genauso gut oder schlecht ab wie die meisten anderen Weißen.“

Eugeniker sind der Überzeugung, dass charakterliche und geistige Fähigkeiten in gleicher Weise auf Vererbung beruhen und weitergegeben würden wie körperliche Eigenschaften. Ihr Ziel ist die genetische Verbesserung einer Gesellschaft und ihrer zukünftigen Generationen.

„Die Eugenik ist als eine bedeutende internationale soziale Bewegung zu verstehen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts ihren Anfang in Großbritannien nahm und in den folgenden Jahrzehnten dort, in den USA und in Deutschland eine große Anhängerschaft in einem heterogenen politischen Spektrum fand. Auch in Finnland, Schweden, Dänemark und Norwegen, in Estland, Litauen und Island, in Lateinamerika sowie Teilen der Schweiz wurden eugenische Ideologien populär und entsprechende Maßnahmen umgesetzt; ähnliches gilt für die Sowjetunion, nach dem Zweiten Weltkrieg auch für Japan und China. Die Verbrechen des Dritten Reiches führten zwar zu einer weitgehenden Diskreditierung der Eugenik, institutionelle und personelle Kontinuitäten aber und eugenische Praktiken sind vielerorts bis in die Siebzigerjahre nachzuweisen. Eugenische Ideologien sind gar bis heute zu finden – wenn auch in Deutschland selten so explizit wie nun bei Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“).“ Quelle: zeitzeichen.net

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Roger Federer ist schön!

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Die Geigerin Anne-Sophie Mutter hat im Süddeutsche Zeitung Magazin eine Eloge auf den Tennisspieler Roger Federer geschrieben: „Der Geiger wie der Tennisspieler überwindet seine Ängste, und er braucht dafür seinen Kopf. Nicht der Sieg über einen anderen ist wichtig, sondern die Suche nach einem seltenen, kostbaren Moment. Das ist im Tennis mal ein Aufschlag, mal eine gelungene Vorhand – und das ist sehr oft eine Rückhand, die einhändige Rückhand. Wenn der Return, geschlagen mit der Rückhand, longline auf die Linie knallt oder sogar den Netzpfosten in einer Kurve umrundet, ist das wie ein Ton von erhabener Schönheit. Ein Ton, den nur eine dieser Bogentechniken hervorbringen kann, die sich nur noch wenige Musiker trauen. – John McEnroe hat einmal gesagt, die einhändige Rückhand sei der schönste Schlag der Welt, und das trifft es genau. Für mich ist Roger Federer der Tennisspieler, an dem ich mich nicht sattsehen kann. Diese Mühelosigkeit, mit der er zu spielen scheint, ist ja etwas, was man auch an Musikern bewundert. Seine wunderbare einhändige Rückhand erinnert mich an einen großartigen Streicher. Präzision. Eleganz. Risikobereitschaft.“

Die Rückhand von Stanislas Wawrinka ist besser, oder?

https://www.youtube.com/watch?v=A82-O_u66h4

The Institute for Economics and Peace (IEP) gibt den Global Terrorism Index 2015 heraus und kommt unter anderem zu folgenden Ergebnissen:

  • 2014 wurden 80% mehr Menschen durch Terroristen getötet als 2013.
  • Die Terrororganisationen Boko Haram und Islamischer Staat sind zusammen für 51 % aller Todesfälle verantwortlich.
  • Terroristen töteten 78% der Menschen in nur fünf Ländern: Afghanistan, Irak, Syrien, Nigeria und Pakistan.
  • Zehn von elf Ländern, die am meisten von Terrorangriffen betroffen sind, haben die höchste Raten an Binnenflüchtlingen.
  • 92% aller Terrorattacken finden in Ländern statt, in denen die politische Gewalt und Korruption des Staates sehr ausgeprägt ist.
  • 88% aller Terrorattacken finden in Ländern statt, die in kriegerische Konflikte verwickelt sind.
  • Das Institut schätzt, dass mittlerweile 30.000 ausländische Kämpfer aus 100 verschiedenen Ländern im Irak und in Syrien Krieg führen, davon ein Viertel aus Europa und der Türkei.
  • Von 2000–2014 töteten Terroristen nur zu 2,6% Menschen im Westen.
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Die entscheidenden Aufhänger für Terrorismus sind also Bürgerkriege, gefallene Staaten und Umstände, die Menschen zur Flucht zwingen. Die Auffassung, dass Terrororganisationen wie der Islamische Staat den primären Daseinszweck haben, mit ihren „Armeen“ gegen die französische/westliche Art zu leben zu stehen, ist auch nach den jüngsten Anschlägen in Paris eine Farce. Der französische Staatspräsident Francois Hollande hat in seiner Kindheit und Jugend wirklich alle James-Bond-Filme gesehen.

Wie viele Syrer und Iraker haben die ausländischen Kämpfer/Terroristen aus Europa in den letzten Jahren getötet?

Das schwarze Schaf der Woche

Schwarzes Schaf„Als ich in Berlin neulich in einem menschenvollen Saal sagte: ‚Angela Merkel ist schön!‘, da lachten die Leute. Ich durfte es ihnen erklären. Frau Merkel muss zu 100 Themen sagen, was sie denkt. Und sie sagt es immer so, dass man miterlebt, wie die Gedanken in ihr entstehen und dann gesagt werden. Nie sind ihre Sätze fertig, bevor sie gesagt werden. Nie sagt sie, wie viele Politiker, Phrasen auf, die sie auswendig kann. Die meisten Politiker spulen ab, was sie drauf haben. Bei Frau Merkel werden wir Zeuge, wie Geist und Natur zusammenfinden, und deshalb ist sie schön (…) Frau Merkel leiht Gerhard Schröder ihre freundliche Anwesenheit zum Erscheinen seiner Autobiographie. Das ist eine Szene, die Vollkommenheit ausstrahlt. Da könnte man eine katastrophenfreie Zukunft für möglich halten. Das war ein Lichtblick in einer mit Visionen nicht gesegneten Zeit. Frau Merkel ist ein Lichtblick. Eine von Routine geschützte Unverbrauchbarkeit. Ich wage zu hoffen, dass ihre Regierungszeit einmal epochal ihren Namen tragen wird. Und ich kann aus Erfahrung sagen: dass es Angela Merkel gibt, ist ein Glücksfall in der deutschen Geschichte.“
Der Schriftsteller Martin Walser. Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Wenn Intellektuelle vermeintlich großen Staatenlenkern Elogen darbringen, wird mir schlecht. Solche Leute wie Walser findet man nur bei Dammbrüchen, revolutionären Umwälzungen und großem Terror, aber niemals in einer normalen Demokratie. In einer durchschnittlichen Demokratie würde die wichtige Frage einer dauerhaften Grenzöffnung mit großer Selbstverständlichkeit im Parlament verhandelt. Wenn sich eine einzige Person anmaßt, mit Notfallmechanismen am Parlament vorbei über das Schicksal eines ganzen Volkes zu bestimmen, dann sind wir wieder mitten im Dritten Reich. Wer unsere parlamentarische Demokratie retten will, zwingt Angela Merkel zum Rücktritt.

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Das weise Schaf der Woche

Weißes Schaf„Hat sie gewollt, was sie mit ihrer Ermutigung der Flüchtlinge bewirkt hat? Ist ihre Politik in der Flüchtlingsfrage kopflos, oder verfolgt sie, was einige Politiker und Wissenschaftler ihr bescheinigen, den großen europäischen Plan, eine durch Chaos provozierte Zwangsvertiefung der EU? Die Naturwissenschaftlerin Merkel denkt ohne soziale Phantasie. Die innenpolitischen und innereuropäischen Verwerfungen, das Vertrauen zerstörende Missverhältnis zwischen den Millionen Einwanderern aus dysfunktionalen Gesellschaften in unsere auf Vertrauen und Kooperation begründete Gesellschaft, das kulturelle und religiöse Konfliktpotential spielen offenbar keine Rolle. Ich verstehe ihre autistische Machtpolitik nicht. Wenn sie spricht, höre ich nur noch falsche Töne. Mag sein, dass Europa der Bevölkerungsexplosion und Klimaerwärmung in der südlichen und vorwiegend islamischen Welt ohnehin irgendwann zum Opfer fällt und dass die deutsche Kanzlerin uns vorauseilend in diese neue Welt geordnet überführen will.“
Die Schriftstellerin Monika Maron. Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Mein Lektüretipp der Woche:

Terror in Europa. So reagiert die arabische Welt.

Claus Folger
Frankfurt am Main

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