Finanzwirtschaftliche Analphabeten

Laut einer neuen Studie eines Markt- und Meinungsforschungsinstitutes sind die meisten Menschen „finanzwirtschaftliche Analphabeten“. Nur die wenigsten zocken an der Börse, kaum einer hat Ahnung von den Segnungen der Aktienmärkte. Experten raten nun, dieses Problem bereits in den Schulen anzugehen. Doch Moment – war da nicht noch was?

Von Marcello Dallapiccola

Eine Umfrage unter 20.000 Menschen in 19 Ländern ergab, dass nur 17 Prozent der Befragten von sich selber glauben, über ein „ausreichendes Finanzwissen“ zu verfügen. In Österreich leben beinahe 80 Prozent der Befragten in Sorge, finanzielle Lebensziele wie eine eigene Wohnung oder ein Auto nicht erreichen zu können. Den Bericht können Sie hier nachhören (Der Link wird allerdings nur bis zum 11. November funktionieren). Der Finanz“experte“ Otto Lucius möchte dem entgegenwirken; sein Vorschlag geht dahin, schon in den Schulen sowas wie „Finanzbildung“ zu vermitteln. Der Mann hat auch dem Wirtschaftsblatt ein bemerkenswertes Interview zu diesem Thema gegeben.

Bemerkenswert darum, weil Lucius hier ziemlich eloquent einen beträchtlichen Fragenkatalog abarbeitet, ohne den Kern des Problems auch nur ein einziges Mal zu streifen. Nämlich dass unser Finanzsystem nichts anderes ist als ein riesiger Schwindel, ein gewaltiger Betrug, ein monströses Ponzi-Schema – und dass dieses Konstrukt noch dazu in den letzten Zügen liegt.

Abgesehen davon, dass die Aussagen des Herrn Lucius gar nicht umsetzbar sind – wer hat schon genug Kohle übrig, um damit an der Börse zu zocken? – geht seine angedachte Lösung auch komplett an der Realität vorbei. Denn wenn alle mit ihrem Geld an den Aktienmärkten herumspielen, wer erwirtschaftet dann den Zinsertrag, den sich die Zocker erhoffen?

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Die Idee hinter den Aktienmärkten war einmal – vereinfacht gesagt – großen Firmen Kapital zur Verfügung zu stellen, damit diese forschen, viele Rohstoffe kaufen und damit große Dinge bauen können. Ein Medikament entwickeln, eine Flotte von Frachtschiffen bauen, sowas in der Art. Das kriegt man nicht von der Hausbank vorfinanziert, da muss man eine AG gründen und die potentiellen Geldgeber von seiner Idee überzeugen. Die schneiden dann logischerweise mit, wenn der Idee Erfolg beschieden ist.
Doch auch ein eigentlich recht schlaues System wie dieses wird recht bald pervertiert, wenn die Grundvoraussetzungen nicht stimmen: Nämlich das Geld selbst, auf dem alle weiteren Aktionen beruhen. Denn die Zentralbanken schlagen einen Zins drauf, wenn sie Geld verleihen. Die Zentralbanken sind die einzigen, die Geld erzeugen dürfen. Und die Zentralbanken gehören nicht dem Volk oder dem Staat – nein, sie gehören einigen sehr alten und mächtigen privaten Banken.

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Und dieser Zins, den die Zentralbanken auf jeden einzelnen Netsch, der auf der Welt kursiert draufschlagen, dieser Zins ist der Grund, weshalb wir ein stetig wachsendes Wirtschaftswachstum brauchen. Denn um diesen Zins zurückzuzahlen, braucht man ja neues Geld – dieses muss man sich wieder von einer Bank leihen, die selbstverständlich auch darauf wieder Zins haben will …

Klingt jetzt ein wenig übertrieben, oder? Ein bisschen nach Verarschung sogar? Ist aber tatsächlich so. Und wie eine andere Umfrage einer britischen Komplementärwährungs-Initiative ergab, wissen das auch nur einer von zehn Abgeordneten im britischen Parlament. Ob der Herr Lucius auch diese gemeint hat, als er von finanzwirtschaftlichen Analphabeten schwadronierte? Gehört er gar selber dazu? – Oder hat es andere Gründe, dass der Finanzexperte die Leute zum fröhlichen Zocken an den Börsen verführen will, anstatt sie über diesen gewaltigsten aller Missstände aufmerksam zu machen?

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Trotzdem oder gerade deswegen – im Kern muss man ihm recht geben. Man sollte wirklich anfangen, schon die Kinder über diesen allumfassenden Betrug aufzuklären, der vielen von uns schon nichts anderes mehr ist als die Hölle, in der wir täglich leben müssen.

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