„Die Fleischbank nimmt zwei alte Gassen ein. Noch nie habe ich so großartige Haufen von Fleisch und darüber hingeneigt so alte schwarze Häuser gesehen. Ein eigener Ausdruck gefräßiger Jovialität liegt auf ihren wunderlich verschieferten und geschnitzten Fassaden, deren Erdgeschoss wie ein großer, weit aufgerissener Rachen ungeheure Ochsen und Hammelviertel zu verschlingen scheint. Ein Bach, dessen blutrote Farbe nicht einmal durch zwei fließende Brunnen gemildert werden kann, rinnt dampfend mitten auf der Straße.“ Victor Hugo 1842 über die mittelalterlichen Verkaufsstände (Schirn) Frankfurter Metzger.

Von Claus Folger

OLYMPUS DIGITAL CAMERAVor einiger Zeit trafen wir in Frankfurt einen japanischen Professor, der zwischen den Kriegen auch an der Frankfurter Universität lehrte.
Quelle: Stadtarchiv. Eine Frankfurter Tageszeitung, Juni 1960.

Gestern: Frau Keller vom gleichnamigen Blumenstand ist schon seit 48 Jahren Marktbeschickerin in der Kleinmarkthalle. Sie hat als Kind noch in den Bombenlöchern an der Konstablerwache gespielt und dem legendären Nachkriegsoberbürgermeister Walter Kolb, der 1956 verstarb und dessen Trauerzug durch die Stadt mehr als 100.000 Frankfurter begleiteten, persönlich die Blumen angesteckt, als dieser 1954 den Neubau der kriegszerstörten Kleinmarkthalle  einweihte. Neugierig geworden erkundige ich mich nach ihrem Alter. „Normalerweise sacht mans net“, antwortet sie. „Na ja, nach allem, was Sie erzählt haben, weiß ich ja ungefähr, wie alt Sie sind“, erwidere ich, worauf sie sagt: „Isch hab jung geheirat.“ Überhaupt kann man hier Frankfurter Dialekt bald an jeder Ecke vernehmen. „Kinners, was die Leut immer an dene Auslache rumstehe müsse“, raunzt es mich an. „Der kann schreibe, ohne hiezugucke“, meint ein anderer.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEr hatte den innigsten Wunsch, an der Schirn ein viertel Pfund Fleischwurst zu essen, wie er das früher so oft gemacht hatte.

Im Untergeschoss hat Forellen-Burkard ein Bassin mit Saiblingen, Forellen und Karpfen. Fischwirt Janusz schlachtet je nach Kundenwunsch, indem er die ausgewählten Fische durch gezielte Keulenschläge auf den Nacken tötet. Ein Paar bittet Janusz, ihre bereits ausgenommene Forelle noch ein bisschen liegen lassen und erst später abholen zu dürfen, denn letztes Mal „hat die Forelle im Kartoffelsalat gezappelt“. „Frischer geht’s nicht“, meint hierzu Janusz lakonisch.
Ich verstehe allerdings überhaupt nichts: Warum legt man zu Hause einen kalten und toten Fisch in den Kartoffelsalat? Warum zappelt kalter und toter Fisch im Kartoffelsalat?

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OLYMPUS DIGITAL CAMERADer Wunsch konnte ihm nicht mehr erfüllt werden, aber die Erinnerung an die Schirn war ihm erhalten geblieben.

Im Vorbeigehen schnappe ich einen Gesprächsfetzen am Tiroler Standl auf und frage nach kurzem Zögern bei Verkäufer Wolfgang Obermüller nach: „Also, wenn ich eine bestimmte Sorte Fleisch haben will, sagen Sie ihrem Jäger Bescheid, der schießt dann das Wild und in zwei Wochen hole ich es ab?“ „Genau!“, antwortet er. Eine Kundin neben mir bricht bei meinen Fragen in Lachen aus. Just-in-time-Wild aus dem Tiroler Bergland! Ich belasse es vorerst bei Zillertaler Naturbutter aus reinster Heumilch mit doppeltem Omega-6-Anteil. „Köstliche Qualität, die auf der Zunge zergeht!“

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAn der Schirn, mitten in der Altstadt zwischen Dom und Römer, boten die Metzger seit Jahrhunderten ihre Ware feil.

Auf der umlaufenden Galerie bietet Geflügel-Dietrich „schwarze Freiland-Hähnchen aus Burgund“ an. Das aber weiß Bauer Mann aus Groß-Zimmern – ein Familienbetrieb in der vierten Generation – noch zu toppen. Seine Hühner legen grüne Eier. Dank einer geschickten Kreuzung aus südamerikanischer und deutscher Rasse darf sich der Kunde über Aurakanaeier mit „deutlich weniger Cholesterin“ freuen. 40 Cents pro Ei muten bei so vielen Wundern wie ein Witz an.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAUnd so geschah es bis zu jenem Tag, an dem die Altstadt ein Opfer der Bomben wurde.

Bei Feinkost-Michel entscheide ich mich für eine dicke Gewürzgurke aus dem Glas. „Zum Mitnehmen oder zum Gleichessen?“ „Zum Gleichessen!“, sage ich und wundere mich über die Frage der Verkäuferin. Während ich meine dicke Gewürzgurke mampfe, sehe ich, dass gleich gegenüber ein Händler an der sogenannten Metzgermeile „täglich frische Nieren“ anbietet.

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Man kaufte seine Wurst und sein Fleisch an den Ständen der Metzger, und man aß vor allem seine heiße Fleischwurst – aus der Hand natürlich, denn Messer und Gabel waren in Frankfurt beim Fleischwurstessen verpönt.

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Schon ab 10.30 Uhr bildet sich vor Schreiber-Fleischwurst eine Schlange, die für die nächsten Stunden nicht abreißen wird und ab 12.30 Uhr beachtliche Ausmaße annimmt. Berufstätige verbringen in der Schlange ihre Mittagspause, um am Ende ihrer Mittagspause gegen 13.00 Uhr ein Stück Fleischwurst entgegenzunehmen, so wie Gott sie erschuf: heiß, glibberig und ohne Haut! Herr und Frau Knopp aus Frankfurt kommen seit über 40 Jahren immer wieder hierher. „Die Chefin ist heute krank, sie hat sich verletzt“, wissen die beiden und meinen damit Frau Schreiber, die weithin bekannte Besitzerin. „Frau Schreiber ist heute nicht da“, bemerkt eine andere Frau. Sie hat sich mit ihren Freundinnen zum Fleischwurstessen verabredet und freut sich, sie schon „in der ersten Reihe“ der Schlange anzutreffen. Neben vielen älteren Herren, die bereits anstehen, findet sich schließlich eine Frankfurter Dame mit Hutschmuck ein. Sie würde man eher am Wettschalter der Niederräder Pferderennbahn vermuten, doch am Ende ist auch sie glücklich.

Da standen die Arbeiter aus der Umgebung neben den Professoren. Da aßen amerikanische Millionäre, die als Touristen nach Frankfurt kamen, ihre Wurst und unterhielten sich dabei mit biederen Frankfurter Bürgern.

Alle Bilder: Claus Folger

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2 thoughts on “Frankfurt. Eine Stadt sieht Wurst!”

  1. Frau Schreiber, im Bild links zu sehen, ist eine Legende! Und die Worscht dazu!
    So flink, so alert, so freundlich und so reell kann man nirgends in Frankfurt eine warme Wurst im Brötchen oder auf Brot ( am besten im Wasserweck) essen. Fleischwurst, Gelbwurst, Krakauer mit oder ohne Knobi sind die Klassiker. Fingerspanne zeigt die Lände, die abgeschnidde werd, dann werd die Pell (Hülle der Wurst) enunnergemachd ( abgezogen), in Perjamend eigewiggeld, erumgedrehd und auf ein Babbdellersche ( Papierteller) geleschd mid Senf un Brot.
    Wer nach Frankfurt reist, muss in die Kleinmarkthalle und zu Frau Schreiber! Der Fraa geheerd a bunnesverdiensdkreutz fer ibber ferzisch jahr Worschd-Stand Abbeid!!!

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