Der Billigwahn zementiert die Armut

Die Argumente, wonach billige Produkte den ärmeren Menschen zugute kommen, ziehen nicht. Der US-Soziologe Michael Carolan räumt mit dem Mythos auf und nennt ein Hauptproblem unseres Wirtschaftssystems beim Namen: Arbeit muss auch fair entlohnt werden.

Von Marco Maier

Eigentlich sollte es jedem ökonomisch denkenden Menschen klar sein: Billige Waren werden zumeist auch von billigen Arbeitskräften hergestellt. Rohstoff-, Energie- und Transportkosten machen einen großen Teil des Preises aus, weil sowohl die Produktionsmitarbeiter als auch jene der Transporteure und Verkäufer kaum mehr eine Rolle spielen. Immerhin sollen die Waren ja auch für möglichst viele Menschen "leistbar" sein. Oder? Dabei würden höhere Löhne die Rohstoffkosten relativieren und dadurch mehr Wohlstand schaffen. Dazu reicht ein Blick in die Hochlohnländer, in denen auch die ärmeren Menschen noch ein gutes Auskommen haben.

Mit der Frage, "was uns billigere Produkte bringen, wenn die Löhne proportional ebenso schnell sinken wie die Warenpreise oder noch schneller", liefert Professor Carolan von der Colorado State University in seinem Buch "Cheaponomics – Warum billig zu teuer ist" einen wichtigen Aspekt, der in der Ökonomie selbst eine essentielle Rolle spielen müsste. So sei der Kostenaufwand des Einzelnen für Lebensmittel in den USA (wie auch in Europa) seit 1970 beträchtlich zurückgegangen: von 14 auf neun Prozent des Haushaltseinkommens. Der Mindeststundenlohn sei inflationsbereinigt um fast 50 Prozent gesunken.

In diesem Buch, welches sich zwar vorrangig auf die USA bezieht, jedoch in weiten Teilen global anwendbar ist, zeigt er auch die Missstände auf. So müssten beispielsweise die Steuerzahler Kaliforniens jedes Jahr 86 Millionen Dollar an Sozialleistungen (Wohngeld, Sozialhilfe und zusätzliche Ausgaben für das Gesundheitswesen) an die dortigen 44.000 Mitarbeiter von Walmart bezahlen. Im Prinzip ist es das selbe Querfinanzierungssystem wie mit den "Aufstockern" in Deutschland, wo über die Steuern (die kaum von den Konzernen getragen werden) Billigjobs subventioniert werden. Bezahlen darf dafür also vor allem die Mittelschicht, die ohnehin schon immer stärker unter Druck gerät.

Carolan zeigt auch deutlich auf, wie sehr durch diese Wirtschaftspolitik die Armut einzementiert wird, während lediglich eine kleine reiche Oberschicht überproportional davon profitiert. Die Hoffnung von Politikern, dass "lächerliche Hungerlöhne, ein instabiler Arbeitsmarkt und geringes allgemeines Wohlbefinden durch billigere Güter und Dienstleistungen ausgeglichen werden können", wird sich jedoch nicht erfüllen. Lediglich deutlich steigende Löhne können diesem unheilvollen Trend entgegenwirken.

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Seine Lösungungsvorschläge für eine deutliche Verbesserung sind: weniger kurzlebige Ramschware, Zugang statt Besitz, realistischere Preise für Waren und Dienstleistungen, von denen man dann eben weniger hat. Kollaborativer Konsum, neue Formen des Managements gemeinsamer Güter, Mieten statt Kaufen, mehr Regionalität, sowie eine Kreislaufwirtschaft. Man könnte sagen, diese Vorschläge seien "typisch Soziologe, der keine Ahnung von Ökonomie" hat – doch wenn man sich Gedanken darüber macht, was derzeit alles falsch läuft, so erkennt man zumindest in einigen Punkten durchaus brauchbare Ansätze, die zur Lösung der Probleme beitragen können.

Denn wenn eines Fakt ist, dann dass das derzeit vorherrschende Verarmungssystem so nicht mehr weiterlaufen kann und darf. Möglichkeiten zur Änderung zum Besseren müssen diskutiert und auch auch umgesetzt werden, wenn wir diesen verhängnisvollen Trend umkehren wollen.

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2 Kommentare

  1. Dieser Trend ist – zumindest in der BRD – gewollt. Nur so kann man die Konsumenten irgendwie bei Laune halten und die scheinbar „sozial verträgliche“ Verfügbarkeit möglichst vieler Güter herstellen. Bei fairen Erzeugerpreisen vor allem in der Landwirtschaft käme es binnen Kürze zu massiven Protesten gegen die Lohn- und Sozialpolitik der Regierungen. Wenn sich eine große Zahl der Bürger trotz ihrer Leistungsbereitschaft und zähneknirschender Akzeptanz der Niedriglöhne nicht mehr wie gewohnt ernähren könnte, wäre umgehend der Teufel los und man könnte sehr zornige „Normalbürger“ erleben. Dies ist den Herrschenden bekannt und darum werden sie an dem jetzigen „Schnäppchen“-System nichts ändern. Das dies letztlich zu Lasten aller geht, interessiert deshalb keinen der Verantwortlichen. Da müssen wir schon selbst anfangen etwas zu ändern.

  2. Das derzeit herrschende Verarmungssystem ist der Staat, der den durchschnittlich verdienenden Menschen – und das ist die große Mehrheit – nur noch rund 25 % ihres Einkommens zur freien Verfügung lässt. Reale Abgabenquote 76%! Siehe dazu hier: https://www.youtube.com/watch?v=B7mIXO1Su3w

    Es ist die Politik, die es geschafft hat, dass die Löhne nicht mehr reichen. Das wird deutlich, wenn man gedanklich die rd. 80 Mio. Menschen, die in Deutschland leben, auf 8 Menschen, die auf einer Insel leben, projizieren. Dann ist es so, dass von den 8 Menschen 4 gar nicht arbeiten. Von den 4 Menschen die arbeiten, verwalten 2, dann bleiben noch 2 übrig, die dafür sorgen müssen, dass die anderen genügend zu Essen haben, Kleidung bekommen, Wohnraum haben usw. Die beiden, die Verwalten, sorgen aber für so viel Reibung, dass die beiden produktiv arbeitenden Menschen nur die Hälfte dessen produktiv erwirtschaften können, was sie ohne diese Reibung könnten. Das heißt, es ist bei uns so, dass ein Mensch mit seinem Lohn 7 andere am Leben erhalten muss. Wie kommen wir also wieder zu Lohn, der zum Leben reicht? – Ist doch ganz einfach: Es müssen wieder mehr Leute produktiv Arbeiten und das wird nur möglich sein, wenn der Staat so verkleinert wird, bis er nicht mehr existiert.

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