Foto: Wikimedia Commons / Flagge des Libanon

Ein Jahr ist es her, als die Nusra-Front und der IS im Libanon fast 30 Soldaten entführten. Einige wurden ermordet, einige freigelassen. Die restlichen Geißeln werden von den Dschihadisten benutzt um Einfluss auf die Politik des Libanon zu nehmen.

Im August 2014 weitete sich der syrische Bürgerkrieg auch auf den Libanon aus. Flüchtlinge strömten schon lange über die Grenzen, die Zahl stieg stetig weiter an. Kämpfende Gruppen aus Syrien auf libanesischen Gebiet aber, waren bis dahin nicht zu sehen. Anfang August kam es dann aber soweit. Extremisten des "Islamischen Staats" und der Al-Nusra-Front drangen in das kleine Bergstädtchen Arsal ein. Arsal ist ein enger, elender, vor allem mit Flüchtlingen überfüllter Ort in einem Tal, umgeben von hohen Bergzügen. Auf diesen Bergzügen stehen Aussichtstürme der libanesischen Armee. Diese Armee allerdings hatte offenbar etwas übersehen. Als IS und Nusra-Front die Stadt stürmten, war es schon zu spät. Der gegenseitige Beschuss zwischen der libanesischen Armee und den Dschihadisten hielt tagelang an. Am Ende blieben zerstörte Flüchtlingslager und dutzende Tode zurück.

Auch heute noch gilt Arsal als gefährlicher Ort. Selbst die UN zogen sich nach den Kämpfen im August 2014 zurück. Die Flüchtlinge wurden lokalen Hilfsorganisationen überlassen. Niemand weiß ganz genau, wer dort Flüchtling und wer IS- oder Nusra-Front-Anhänger ist. Beides kann hier zusammenkommen. Es mag aus der Ferne abwegig erscheinen, allerdings ist es das in Anbetracht der verzweifelten Lebensbedingungen ganz und gar nicht.

Gefährliche Extremisten gegen gefangene Soldaten

Arsal markierte den Beginn eines Geiseldramas, das seither die libanesische Innenpolitik belastet und teils lenkt. Es gehört zu den absurden Ereignissen, die der syrische Krieg indirekt mit sich brachte. Um die damals entführten Soldaten zu befreien, ließ sich die Regierung auf Verhandlungen mit dem IS und der Nusra-Front ein. Zunächst übernahm das eine Gruppe von Geistlichen, ab September wurde ein Unterhändler aus Katar eingesetzt.

Mitte Juli schien es einen Durchbruch zu geben. Die Nusra-Front einigte sich auf einen Gefangenenaustausch. Es war nicht das erste Mal. Die 17 am Leben gebliebenen Geiseln sollten freigelassen werden, unter der Bedingung dafür Extremisten aus dem Beiruter Roumieh-Gefängnis freikämen. Der libanesische Staat hält dort Islamisten gefangen. Unter anderem auch die frühere Ehefrau des IS-Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi, Sadscha Dulaimi. Zudem einen Extremisten, der neulich mit einem Auto voller Sprengstoff bei Arsal verhaftet wurde.

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Der Preis für die Soldaten ist also hoch. Der Libanon wollte ihn jedoch bezahlen, wenn da nicht neue Bedingungen der Nusra-Front gekommen wären, wie die Zeitung "The Daily Star" berichtet. Zunächst sollten vier Soldaten gegen fünf Dschihadisten ausgetauscht werden. Danach sollten die restlichen Geiseln freikommen. Bedingung: die mit dem Assad-Regime verbündete libanesische Miliz Hisbollah zieht sich aus syrischen Dörfern im Grenzgebiet zurück.

Die Dschihadisten spielen auf Zeit

Der libanesischen Regierung sitzt bei den Verhandlungen der Druck der Bevölkerung im Nacken. Vergangenes Wochenende erinnerten die Familien in öffentlichen Zeremonien einmal mehr an die überlebenden Geiseln. Die Einfallstraßen nach Beirut sind regelmäßig dicht, weil die Familien dort Barrikaden errichten, Reifen anzünden, protestieren – sie wollen ihre Verwandten zurück, egal um welchen Preis. Dem Staat wird Versagen bei den Verhandlungen vorgeworfen.

Die 17 Soldaten befinden sich immer noch in Gefangenschaft bei den Dschihadisten. Sowohl der IS als auch die Nusra-Front töteten über die Monate hinweg je zwei Geiseln. Der IS enthauptete – in bekannter Manier – zwei von ihnen, die Nusra-Front erschoss weitere zwei. Zeit scheint für die Geiselnehmer keine Rolle zu spielen, im Gegensatz zur libanesischen Regierung.

Die Kämpfer von IS und Nusra-Front sind nicht gerade bekannt für Hemmungen, Menschen zu ermorden. Doch diese Geiselnahme ist ein taktisches Spiel, es geht nicht um Mord und Gewalt. Solange die Dschihadisten die Soldaten haben, können die libanesischen Sicherheitsbehörden nichts tun, außer zuzusehen. Sie werden zu tatenlosen Zuschauern der Extremisten. Dabei sind gerade diese Sicherheitsbehörden des Libanon für ihre harte "Anti-Terror-Linie" bekannt. Einer der Soldaten war ein junger Vater, Ali Bazzal sein Name. Er wurde im Dezember als direkte Antwort auf die Festnahme von Sadscha al-Dulaimi ermordet. Der "Daily Star" zitierte einen Sprecher der Sicherheitskräfte: "Das Problem sei eben, dass man nicht mit einem Staat verhandle, sondern mit einer Gruppe, die ihre Bedingungen selbst festlegt." Die Verhandlungen gehen weiter, Ausgang ungewiss. Die Macht der Extremisten über den Staat Libanon hingegen ist gewiss, solange noch Geiseln vorhanden sind.

 

 

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