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Recep Tayyip Erdoğan, Staatspräsident der Türkei. Sein sogenannter “Anti-Terror-Kampf” kommt schon etwas plötzlich. Was sind die wahren Ziele des Staatschefs? Ein genauer Blick hilft Einblicke zu gewinnen.

Von Lucien Niebauer

Wenn wir über die Hintergründe der Vorgänge in und nahe der Türkei sprechen, sollten wir zunächst die Landkarte betrachten. Ein Blick darauf zeigt uns schnell, sofern wir es nicht schon wussten: was Politiker oftmals von sich geben, ist nicht für bare Münze zu nehmen. Erdoğan ist keinesfalls blind. In der Vergangenheit wurde er oft kritisiert für die Untätigkeit bezogen auf den IS (Islamischer Staat). Doch so untätig war er gar nicht: der türkische Staatschef beobachtete sehr genau was geschah. Er sah, dass die Kurden in Syrien allmählich territoriale Siege erringen konnten, im Kampf gegen die IS-Miliz. Er wusste natürlich auch, dass sich die Kurden im Nordirak, unter der Verwaltung von Masud Barzani, längst selbst regierten und eine Art “Staat im Staat Irak” gründeten. Auch im Iran bildeten sich in der Vergangenheit autonome Gebiete unter kurdischer Verwaltung. Durch die territorialen Gewinne in Syrien, beobachtete Erdoğan die womögliche Entstehung eines erneuten kurdischen Autonomiegebiets. Da kam der Anschlag auf Suruç gerade recht.

Innenpolitische Motivationen

Das plötzliche Einlenken Ankaras in den Syrien-Konflikt ist das Eine. Die Luftschläge gegen Stellungen der PKK allerdings etwas ganz anderes. Am vergangenen Dienstag erklärte der türkische Staatspräsident den Waffenstillstand von 2012 mit der PKK für beendet. Schon zuvor erfolgten Bombardierungen kurdischer Stellungen im Nordirak. Seither halten diese an. Zuletzt fielen auch Zivilisten den Luftangriffen zum Opfer. Die PKK startete ihrerseits das Blutvergießen und den Terror aus dem Stehgreif. Die Türkei greift also den IS an, schwächt aber zeitgleich die einzig bestehende Kraft gegen ihn? Warum? Es geht nicht allzu sehr um den Kampf gegen terroristische Organisationen, sondern vielmehr um politische Motive, vor allem im Inland.

Bei den Wahlen im Juni verlor Erdoğan mit seiner AKP einige Stimmen. Obendrein schaffte es die pro-kurdische HDP ins Parlament und vermasselte den Plan der weiteren Alleinherrschaft, die mittlerweile schon 13 Jahre anhält. Neuwahlen sind das gesetzte Ziel. Zu den innenpolitischen Scherereien kommen noch sogenannte strategische Konstanten. Eine davon sind die selbstregierten Kurdengebiete in Irak und Iran. Eine weitere, die positiven Entwicklungen der Kurden-Kämpfer gegen den Islamischen Staat in Syrien. Ein weiteres Autonomiegebiet droht, die Fortschritte auf Seiten der ungeliebten Kurden, drohen das eigene Bestreben der Kurdenminderheit in Ostanatolien anzufachen.

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Urangst vor Kurdistan

Im Nordirak existiert also ein Quasi-Kurdenstaat. Das war für Erdoğan noch irgendwie erträglich, wenngleich nie gewollt. Iran, wenn es sein muss. Aber auch noch Syrien? Nein, das kann der Staatschef nicht mehr mit ansehen. Selbst dann nicht, wenn die Grundsätze der eigenen Partei (AKP) vorsehen, dass alle Muslime in der Türkei gleich behandelt werden. Auch dann nicht, wenn Atatürk damals die "Gleichheit aller Bürger ungeachtet der Religion oder des Geschlechts" erklärte. Wenngleich die kurdische Bevölkerung der genannten Gebiete nicht vollständig aus der Türkei stammt, Teile tun dies. Es ist die Urangst der Türkei vor einem Kurdistan, die den Staatspräsidenten antreibt. Berechtigte Angst? Spekulation. Jedenfalls sind weitläufige, autonome Kurdengebiete in Syrien nicht undenkbar: sollte den Kurden ein weitreichender Sieg gegen den IS gelingen – eventuell durch Hilfe der Amerikaner, welche jetzt auch von der Türkei aus Luftangriffe gegen die IS-Milizen fliegen dürfen – oder der syrische Staat unter dem Bürgerkrieg vollends einknicken, würde ein autonomes Kurdengebiet mit Zugang zum Mittelmeer greifbar werden. Ob deswegen Krieg geführt werden muss, bleibt fraglich.

Träume und Pläne

Ankara lenkte nach Suruç ein. Eine Sicherheitszone in Syrien ist das begehren Erdoğans. Rein zur Vorsorge. Unter dem Deckmantel des "Anti-Terrors" soll diese Sicherheitszone die bestehenden Gebiete Syriens – unter kurdischer Kontrolle – keilartig voneinander abtrennen. Auf Nimmerwiedersehen Rojawa (Westkurdistan, so nennen die Kurden in Syrien ihr Gebiet aus drei nicht verbundenen Kantonen). Wenn alles nach Plan läuft, werden in dieser Zone arabisch-stämmige Syrer angesiedelt, unter türkischer Verwaltung. Ein Kurdische Dominanz würde somit verhindert werden. Für Sicherheit – und Kontrolle der angesiedelten Syrer –  könnten Turkmenen-Milizen sorgen. Das zentralasiatische Volk ist auch in der Türkei angesiedelt, ebenso im Irak und in Syrien. Ein ganzes Volk als Handlanger der kriegerischen Anti-Kurden-Politik Erdoğans. Träume würden wahr.

Andererseits muss diese Sicherheitszone auch erst errichtet werden. Allein mit Kampfjets wird dies allerdings schwierig: Bodentruppen jedenfalls wollen weder die USA noch die Türkei entsenden. Der Aufmarsch an der syrischen Grenze ist lediglich Demonstration ohne Nachhaltigkeit. Der gleiche Aufmarsch stand dort schon vor vier Wochen, als kurdische Kämpfer mit Hilfe amerikanischer Luftschläge die Stadt Tal Abjad zurückeroberten und die dortigen IS-Kämpfer vertrieben. Die Türkei war damals noch der tatenlose Zuschauer. Heute, vier Wochen später, suggeriert Ankara, dass es anders aussehe. Ist es das Ergebnis, welche die Kritiker aus Europa von Erdoğan die ganze Zeit wollten? Spekulation. Auf jeden Fall aber das Ergebnis, welches ihnen nun präsentiert wird. Das Ergebnis, zu dem die NATO bei der Sondersitzung am vergangenen Dienstag schwieg. Das Ergebnis, das die USA verteidigt. Das Ergebnis namens Krieg.

Die Türkei als Sündenbock?

Die Diskussionen darum, ob nun die Türkei oder die PKK die jüngsten Konflikte auslösten, werden heftig geführt. Letztendlich ist der Frieden gescheitert, ganz gleich welche Seite diesen Umstand hervorrief. Letztendlich leiden Menschen auf beiden Seiten, sowohl in der Türkei, als auch in deren Grenzgebieten. Letztendlich schafft Gewalt keinen Frieden, sondern endet nur in Gegengewalt. Die Spirale aus Gewalt und Terror wird sich weiterdrehen in und außerhalb der Türkei. Sowohl die PKK als auch Erdoğan haben das Ende des Leides in der Hand. Beide Seiten müssten ihren Teil dazu beitragen, dass Türken und Kurden friedlich miteinander leben können. Vielleicht nehmen sich beide Seiten irgendwann ein Vorbild an den Demonstranten vielerorts in der Türkei: Türken und Kurden demonstrieren gemeinsam für Frieden.

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7 KOMMENTARE

  1. …auch dazu gibt es ein buch aus dem jahre 1854 das wenn man das ausgrabungsszenario ausser acht läßt.
    sehr genaue einblicke von damals gibt in diese gebiete ,
    und deren verschiedenartiger bewohner , wobei das ausrottungs drehbuch der islamischen besatzer in diesen gebieten derart grausam von henry layard dargestellt wird ,das einem das lesen fast vergeht..

    aber man versteht dadurch das heutige szenario besser..

    hier der titel , solange es ihn noch gibt..austen henry layard – auf der suche nach ninive…

    aus 1854…..erdokahns phantasien werden dadurch verständlicher..aber nicht besser..im gegenteil..

    es wird noch sehr sehr grausamer werden da als schon jetzt..

    spätere ausgaben sind leider geschönt..

  2. Die Gründung eines Groß-Kurdistan durch Einbeziehung der größten Wasserressourcen, sowie erheblicher Erdöl- und Erdgasgebiete ist das gesetzte Ziel des Project for a Greater Middle East. Erdoğan weiss das, denn er musste sich dem Projekt von Anfang an unterwerfen, um regieren zu dürfen. Er hat lange Zeit öffentlich verkündet, daß er eine Aufgabe bekommen habe und Covorsitzender des Projekts sei. Er wurde sogar diesbezüglich wegen Landesverrats angeklagt.

    Seit kurzem erklären er und sein Premier, das Projekt sei gestorben.

    Das stimmt natürlich nicht, die Initiatoren und Eigentümer verfolgen es weiterhin. Die Territorialgewinne der YPG bestärken es sogar. Zur Vervollständigung muss nach Syrien, vor allem die Türkei fallen.

    Das Projekt hat noch eine troposphärische Dimension, in die die Türkei genauso verwickelt ist, wie die Europäischen Länder.

    War on water & energy is fought with #SRM in the #Tropsphere by pricing of oil & gas.
    http://geoarchitektur.blogspot.de/2015/07/war-on-water-krieg-um-wasser.html

    https://yadi.sk/i/dZWU-m7UiE7Th
    https://yadi.sk/i/-9KyFetpiE7Vs

    • ..dein nick solte gilgamesch UND enkidu sein , und nicht enkidu gilgamesh

      ..enkidu wurde gilgamesch beigestellt ( von den göttern) ( nefilims) um ihn zur räson zu bringen… zum leidwesen der „götter“ verbündeten sich aber die zwei..

      für weiter auskünfte steh ich gerne zur verfügung..

  3. ..zum nochbesseren verständniss des erdkhans wahn, hier nochein buchtitel…

    ein buch das man gelesen haben sollte , um eben die heutigen verhältnisse besser zu vertsehn , und wo die reise hingeht..

    noel barber -die sultane, die geschichte des ottomanischen reiches -dargestellt in lebensbildern…

    ..wo auch der völkermord an den armeniern genauestens domumentiert wird..wobei die „allierten“
    so wie heute , eine unrühmliche rolle spielen..speziell in smyrna…

  4. Die PKK ist ein GLADIO Projekt (die Nato und der türkische Gladio stecken
    hinter der PKK).
    Wer sagt das ? Abdullah Öcalan selber sagt das !

    Öcalan sagt zum Demirtas (Parteivorsitzen der HDP): Mein Drehbuch
    (Öcalan/PKK Projekt) wurde von dem Türken (türkische Gladio) und auf
    türkischem Boden geschrieben, dein Drehbuch (Demirtas/HDP Projekt) hingegen wurde im
    Ausland auf ausländischem Boden geschrieben – meine Sponsoren kamen aus der Türkei, deine aus dem
    Ausland!
    (fällt euch auf, das über Öcalan gar nicht mehr gesprochen wird… die
    wollen Öcalan übergehen!).

    Der türkische Geheimdienst soll zur Öcalns Zeiten, dem Öcalan (PKK) Geld
    gegeben haben, damit die PKK einen Anschlag gegen den türkischen
    Geheimdienst führt (der t. Gehidienst selber gibt der PKK Geld, damit man gegen die MIT eine Terroranschlag führen kann?!). Diese Nato ist eine widerliche Stück Scheiße!
    (der türkische Gladio wurde durch Fetullah Gülen ersetzt und Gülen ist „Staatsfeind Nr. 1!“ )

    Tut mir leid, aber dieser Satz ist so was von Hohl… „Sowohl die PKK als
    auch Erdoğan haben das Ende des Leides in der Hand“. Der Türke muss mit Deutschland, Iran, Griechenland, Holland, Frankreich und mit noch ein paar anderen Sprechen, die die PKK unterstützen – vor allem muss die Türkei mit dem Deutschen Sprechen, weil der vor allem hinter der PKK steckt! ! !

    Jedes mal wenn Öcalan aus dem Gefängnis aus zum Frieden und Rückzug der PKK aus der Türkei aufgerufen hat, wurde der PKK-Hochburg Kandil im Nord-Irak bombardiert. Da haben wir es doch, der Türke will keinen Frieden und bombardiert Kandil… „Natürlich nicht“, der Iraner bombardiert Kandil und niemanden interessierter es oder schreibt darüber.

  5. Neugeborene PKK-Kinder (keine Kurden… zwischen Kurden und PKK sind
    Galaxien!) sollten Biji Obama, Biji Benjamin Hitlerjahu oder Biji Claudia
    heißen – ist kein Witz, die wollten ihre Kinder „Obama“ nennen ! ! !

    Sie würden angeblich Jeziden retten und gegen die Isis kämpfen… „wer
    steckt denn hinter der ISIS und PKK?!“.
    Der eine Terrorist „ISIS“ vertreibt die Syrier „FSA-Truppen“ aus ihrem
    Grund und Boden… und gibt es dem anderen Terroristen „PKK“ ! ! !

    Irgend jemand hat der PKK zu viel Spinat zum fressen gegeben und sie wussten nicht wohin mit der ganzen Kraft (sie retten Jeziden?, retten Kobane?, retten Rojova? – retten retten retten, retteretötööö und es hat sich Ausgerettet ! ! ! )…

  6. Das und alles mögliche ist die PKK, aber nicht kurdisch ! ! !

    Kampf gegen den IS: YPG erhält Unterstützung von 70 armenischen Freiwilligen:
    https://kurmenistan.wordpress.com/2015/07/05/kampf-gegen-den-is-ypg-erhalt-unterstutzung-von-70-armenischen-freiwilligen/

    Viele die sich kurdische Aleviten nennen, sind in Wirklichkeit Armenier. Nach 1915 haben viele Armenier sich als kurdische Aleviten ausgegeben, um ihre Wahre Identität zu verschleiern. Unter dem Terror durch die PKK in Anatolien, leiden fast ausschließlich Kurden… weil es Kurden waren, die Armenier 1915 aus Anatolien vertrieben haben. Die PKK ist erst nachdem verschwinden der armenischen Terrororganisation ASALA aufgetaucht ! ! !

    Und… und es sind angeblich „alevitische“ Vereine in Deutschland, die die PKK aus Deutschland heraus unterstützen – vor allem die AABF (die AABF nennen sich auch „Aleviten ohne Ali?“), denn die sind in jeder deutschen Partei vertreten (CDU, SPD Grüne, Linke) und sitzen auch im Bundestag mit! ! !

    Sevim Dagdelen (Die Linke) scheißt die Deutsche Polizei an… „Finger weg von PKK-Demonstranten ! ! !“

    Die PKK ist durch die HDP nicht nur im türkischen Parlament vertreten, die sitzen auch im deutschen Bundestag ! ! !

    Zweifelhafter politischer Kampfverband: Die AABF im Zwielicht:

    http://i-blogger.de/zweifelhafter-politischer-kampfverband-die-aabf-im-zwielicht/

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