Seitenstraße in Sanaa, Jemen. Bild: Flickr / Ahron de Leeuw CC BY 2.0

Seit vier Monaten nunmehr hält der saudi-arabische Krieg im Jemen an – angeblich zur Stabilisierung des Landes. Bisher erreichte die Militäroperation jedoch nur das Gegenteil: Tausende Zivilisten verloren ihr Leben, die Hungersnot brach über 13 Millionen Menschen herein.

Von Thomas Schmied

Die Hoffnung der Menschen im Jemen war vergebens. Ab dem 25.07.2015 sollte in dem Bürgerkriegsland eigentlich eine fünftägige Waffenruhe gelten. Hilfsorganisationen hatten bereits Vorbereitungen getroffen um Nahrungsmittel, Medikamente und Treibstoff zu verteilen. Die Waffenruhe sollte genutzt werden.
Zwei Tage später allerdings war die Hoffnung bereits dahin für die mehr als 25 Millionen Jemeniten. Stephen O'Brien, Chef der UNO-Nothilfe, sagte vor dem Sicherheitsrat im amerikanischen New York: "Die humanitäre Waffenruhe ist von keiner Konfliktpartei eingehalten worden. Aus acht Provinzen werden Luftschläge und Kämpfe am Boden gemeldet". "Die Konfliktparteien werden ihrer Verantwortung nach dem internationalen Völkerrecht nicht gerecht", klagte der britische Diplomat weiter. "Weiterhin werden Zivilisten getötet und verletzt."

Saudi-Arabien wird Kriegsverbrechen vorgeworfen

Vier Monate hält die Operation Saudi-Arabiens – mit Unterstützung arabischer Staaten – nun schon an. Es wird gemeinsam gegen die Huthi-Rebellen im Jemen vorgegangen. Die Huthis sind Zaiditen, eine Strömung im schiitischen Islam. Etwa ein Drittel der Jemeniten werden dieser Gruppe zugeordnet. Die Aufständischen vertrieben im vergangenen Jahr die Übergangsregierung aus Sanaa und brachten große Teile des Landes unter ihre Kontrolle.

Laut Zählung der UNO sind seit Beginn der Luftangriffe auf den Jemen knapp 4.000 Menschen getötet und fast 20.000 weitere verletzt worden. "Jeder zweite Tote war ein Zivilist", heißt es. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wirft Saudi-Arabien sogar Kriegsverbrechen vor. So soll jüngst ein Wohnviertel in der Stadt Mokka bombardiert worden sein. 65 Menschen seien getötet worden, darunter zehn Kinder. HRW-Mitarbeiter besuchten die Wohnanlage bereits zwei Tage nach dem Bombardement. Laut ihren Angaben fanden sich keinerlei Hinweise darauf, dass das Gebiet für militärische Zwecke genutzt wurde. 800 Meter von den Häusern entfernt stand eine Luftabwehrstellung der jemenitischen Armee. Laut den Anwohnern Mokkas, sei diese aber schon seit Monaten verlassen.

Saudi-Arabien reagiert gewöhnlich auf die Vorwürfe: Riad leugnet die Anschuldigungen. "Wir wissen, dass es keine Flugzeuge der Koalition waren, die zivile Häuser bombardiert haben", gab Militärsprecher Ahmed Asiri zum Besten und hatte für HRW gleich noch eine Drohung parat: "Diese Organisation sollte vorsichtig sein, wenn sie solche Behauptungen aufstellt."

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Was die Saudis und deren Verbündete allerdings verschweigen: Sie sind der einzig verbleibende Kriegsteilnehmer mit Kampfflugzeugen. Demnach war keine andere Konfliktpartei in der Lage einen Luftangriff auf die Stadt durchzuführen.

Das Ziel Saudi-Arabiens war folgendes: der Jemen sollte durch die kriegerischen Interventionen stabilisiert und der nach Riad geflohene Präsident Abdal Rabbo Mansur Hadi wieder in Sanaa installiert werden. Heute, vier Monate später, ist das Königshaus davon immer noch weit entfernt. Die Lage im ärmsten Land der Arabischen Halbinsel hat sich dafür um ein Vielfaches verschlechtert.

Washington befürwortet Vorgehen der Saudis

Saudi-Arabiens Strategie darf zurecht als konfus betitelt werden. Im April hatte Riad bereits das Ende der Offensive verkündet, seither trat keinerlei Änderung ein. Nahezu täglich bombardiert die Armee Ziele im Jemen. Die Huthis konnten somit zwar aus der Hafenstadt Aden zurückgedrängt werden, entscheidend geschwächt wurden die Aufständischen aber bislang nicht. Saudi-Arabien droht schon seit einiger Zeit mit einer großen Invasion, doch offensichtlich scheut König Salman davor zurück, seine Soldaten in einen verlustreichen Guerillakrieg mit den Rebellen zu schicken.

Die USA unterstützen die Militärkampagne Saudi-Arabiens. Washington sieht nach eigenen Aussagen einen Jemen, der von den pro-iranischen Huthis regiert wird, mit "großer Sorge". Obama dürfte aber noch wichtiger sein, dass er sich die Unterstützung der Saudis im Kampf gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) sichern kann. Deshalb lässt er König Salman im Jemen weitgehend freie Hand.
Leidtragende dieses Kriegs sind die Zivilisten im Jemen. Die britische Hilfsorganisation Oxfam schätzt, dass derzeit 13 Millionen Jemeniten hungern. Das entspricht etwa der Hälfte der Bevölkerung. Täglich steige die Zahl der Hungernden um rund 25.000, seitdem die Saudis ihre Interventionen starteten.

Oxfam macht dafür vor allem die Seeblockade verantwortlich, welche von Saudi-Arabien und Ägypten etabliert wurde. Der Jemen müsse "80 Prozent der benötigten Nahrungsmittel importieren". Seit März seien jedoch nur 20 Prozent ins Land gekommen. Der Oxfam-Direktor für den Jemen, Philippe Clerc, warnt: "Im Jemen droht eine humanitäre Katastrophe riesigen Ausmaßes."

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