Der Anschlag von Suruç sorgte für eine massive Kursänderung der türkischen Politik. Doch anstatt vorrangig auf Ziele vorzugehen, die dem "Islamischen Staat" zuzurechnen sind, geht das türkische Militär vorrangig gegen Stellungen der PKK vor. Ein Bericht aus der Türkei.

Von Thomas Schmied

19. Juli 2015: eine Gruppe junger Männer macht sich auf in die türkische Provinz Şanlıurfa. Ihr Ziel: Suruç, rund zehn Kilometer entfernt von der syrischen Grenze. Sie folgen dem Aufruf der sozialistischen Jugendorganisation Sosyalist Gençlik Dernekleri Federasyonu (Föderation der sozialistischen Jugendverbände der Türkei: SGDF), dessen Dachorganisation Teil der pro-kurdischen HDP ist. Es sollte Hilfe beim Wiederaufbau von Ain al-Arab (besser bekannt als Kobanê oder Kobanî) erfolgen. Die jungen Kurden sind gut gelaunt, scherzend legen sie die mittellange Strecke mit dem Auto zurück. Natürlich wissen sie um die Gefahr an der nordsyrischen Grenze.

"Was soll schon passieren? Ich habe viele Berichte gesehen, in denen von Polizei, Militär und sogar dem Geheimdienst die Rede war. Und auf der anderen Seite der Grenze kämpfen unsere Brüder und Schwestern für unsere Sicherheit." Mit Brüder und Schwestern sind die kurdischen Kämpfer der YPG gemeint, eine Schwesterpartei der PKK.

Der Älteste – und Anführer der kleinen Gruppe – hatte recht. Tatsächlich befanden sich zu diesem Zeitpunkt sowohl Polizei und Militär, als auch der türkische Geheimdienst MIT entlang des syrischen Grenzgebiets. Zudem wurde die Hilfsaktion angekündigt.

Es ist der Mittag des 20. Juli 2015, zwölf Uhr Ortszeit. Die Helfer versammelten sich im Garten eines Kulturzentrums. Rund 300 junge Menschen waren anwesend, die Laune ausgelassen. Niemand sah ihn kommen, einen unbekannten Mann, unauffällig bekleidet, Anfang Zwanzig. Hätte ihn jemand bemerkt – irgendwer hatte dies gewiss getan – wäre er nicht aufgefallen. Er war Türke aus der südöstlichen Provinz Adıyaman. Auffällig laut hingegen ertönte urplötzlich eine Explosion. Eine Bombe schien detoniert zu sein. Trümmer flogen durch die Luft, Rauch und Staub versperrten die Sicht. Angsterfüllte Stimmen, wimmerndes Flehen, Panik. Binnen eines Wimpernschlages löschte der Unbekannte, ein Selbstmordattentäter der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat", 32 junge Leben aus und verletzte über Hundert weitere. Der Wiederaufbau wurde vorerst erfolgreich verhindert.

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Was die jungen Menschen nicht mehr miterleben ist der Protest. Kurz nach dem Anschlag in Suruç werden Stimmen des Volkes laut, Die Regierung habe "versagt" und "müsse den Tod von 32 Männern und Frauen mitverantworten". Was die jungen Menschen nicht mehr miterleben müssen ist der Krieg. Die türkische Regierung änderte auf den Anschlag in Suruç hin ihr Vorgehen bezüglich des IS. Zuvor wurden Verschwörungstheorien laut, dass die verbotene Arbeiterpartei PKK in den Terroranschlag verwickelt wäre. Kurzerhand genehmigte Ankara nach monatelanger Gegenwehr den USA die Benutzung der Airbase Incirlik. Auch die türkische Luftwaffe selbst startete erstmals ein Bombardement auf Stellungen des IS in Nordsyrien. Doch nicht nur das: Ankara ordnete seinen Streitkräften auch die Bombardierung von bekannten Stellungen und Stützpunkten der PKK (nördlich von Dohuk und Erbil) im Nordirak an. Die Toten bekommen nichts von alledem mehr mit, müssen nicht mit ansehen, wie die türkische Regierung einen offenen Dreifrontenkonflikt eingeht und den mühsamen Waffenstillstand mit der als "terroristische Organisation" geführten, verbotenen Arbeiterpartei PKK bricht. Der Frieden in Form des Waffenstillstandes wurde 2012 erwirkt. Wären sie noch am Leben, auch sie stünden jetzt auf den Straßen und Plätzen unter den zahlreichen Demonstranten. Im ganzen Land brechen Proteste und Aufstände aus gegen die Kampfhandlungen mit der PKK. Die türkischen Sicherheitskräfte gehen dagegen mit Wasserwerfern und Tränengas vor.

"Der Waffenstillstand hat nach den intensiven Luftschlägen durch die türkische Okkupantenarmee keine Bedeutung mehr", war am unterdessen am vergangenen Samstag auf der Webseite der PKK zu lesen.

Die Toten müssen sich nicht mehr sorgen. Es ist nämlich davon auszugehen, dass die Türkei künftig Ziel von Anschlägen sowohl des IS als auch (wieder) der PKK wird. Die türkische Polizei und das Militär werden im Gegenzug natürlich mit voller Härte zurückschlagen, der Beginn einer Spirale aus Terror und Gewalt. Träger des Schadens: Wirtschaft, Tourismus, die Bevölkerung. Den Toten wird damit keine Ehre erwiesen.

Leicht waren diese Entscheidungen des türkischen Präsidenten, Recep Tayyip Erdogan, wohl nicht. Dass Frieden im Konflikt mit den Kurden gesucht wurde, zeigte der Waffenstillstand in der Vergangenheit. Damit jetzt nicht nur Stellungen der IS bombardiert werden, zeigt aber auch die Konfliktbereitschaft der Regierung, insbesondere mit den kurdischen Kräften. Benutzt Ankara die Angriffe gegen den IS als Vorwand um die ungewünschten Kurden gleichzeitig anzugreifen? Reine Spekulation. Fakt ist: die AKP, der auch Recep Tayyip Erdogan angehört, steht im Grunde für alle Muslime in der Türkei, ganz gleich ob nun türkischer oder kurdischer Herkunft. Zeitgleich muss aber auch gesehen werden, dass Ankara gegen sämtliche separatistische Aktivitäten vorgehen muss, schon allein aus der Verpflichtung heraus das Volk vor Schaden zu schützen. Vor allem auch deswegen, weil in jüngerer Vergangenheit zu lange gezögert wurde im Syrienkonflikt.

Es sind schwere Zeiten angebrochen. Denn ein Kampf gegen zwei terroristische Organisationen unterschiedlicher Ausrichtung kann leicht außer Kontrolle geraten. In der Türkei werden Racheaktionen sowohl des IS, als auch der PKK folgen. Es wird zu neuen Anschlägen kommen. Die Proteste und Ausschreitungen innerhalb des Landes halten jetzt schon an. Ein Flächenbrand könnte entstehen, mit noch ungeahntem Ausmaß. Dem Land würde hierbei erheblicher Schaden zufügt. Gesellschaftlich und wirtschaftlich. Eine Gratwanderung zwischen Terrorbekämpfung und Bevölkerungsschutz. Vielleicht auch deshalb ist eine NATO-Sondersitzung für kommenden Dienstag einberufen worden.

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One thought on “Türkei: Spirale aus Terror und Gewalt”

  1. So ein heilloses Schlamassel, bei dem wieder einmal völlig unschuldige Menschen ihr Leben lassen müssen. Der IS (Islamischer Staat oder auch „Daesh“ genannt) produziert seine Waffen nicht selbst, sondern erhält sie aus dem Westen, voran den USA. Sie werden trainiert von arabischen, amerikanischen und israelischen Söldner-Gruppierungen. Überdies erhalten sie Gelder von westlicher Seite. Doch vorne herum heisst es, der IS ist zu bekämpfen und gleichzeitig werden beiden, oder gar allen drei Seiten: den Türken, dem IS und den Kurden Waffen, Training und Gelder zugeschanzt, damit sie sich gegenseitig die Köpfe einhauen. Gleichzeitig wird Erdogan und seine Türkei abgeschwächt und möglicherweise dort bewusst gemäss US-Strategie ein Bürgerkrieg provoziert.

    Die Türkei ist Nato-Land und somit USA-gebunden. Sie hat nach der Pfeife der USA zu tanzen. Zum Schluss beherrschen die USA militärisch dieses Land, immer im Auge behaltend die auf Kurdenland befindlichen Ölquellen im Nordirak, das unerwünschte Turkish-StreamPipeline-Projekt mit den Russen, die Ressourcen der Türkei und die potentiellen Gas- und Ölvorkommen vor der türkischen und griechischen Küste. Und vor diesen hinterhältigen Strategien wird völlig banal und mit Selbstverständnis die Bekämpfung des von der USA und Israel geförderten IS gestellt. Was für ein entsetzliches Dreckspiel!

    Alle involvierten Gruppen werden gegeneinander ausgespielt, was ein Leichtes ist, denn sie haben alle begründete Feindseligkeiten zueinander. Und die Weltbevölkerung, die in den Mainstream-Medien die Falsch-Nachrichten darüber aufnehmen soll, wird gerade mit-betrogen. Es ist mal wieder nicht zu fassen!

    Die Türkei in Gefahr
    http://www.voltairenet.org/article188292.html

    (K)ein kurdischer Staat in Sicht
    http://www.heise.de/tp/artikel/45/45573/1.html

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