Sonntagspanorama #17

Liebe Leserinnen und Leser,

Deutschlandradio Kultur bespricht das Buch „Boko Haram – Der Vormarsch des Terrorkalifats“ von Mike Smith. Christoph Plate schreibt: „Dass eine lebendige Zivilgesellschaft und eine dynamische Presse in Nigeria sich dieses Themas annehmen, kommt in Smiths Buch nur am Rande vor. Er beschreibt den Terror in Maiduguri, Kano, Sokoto und Kaduna, aber auch in der Hauptstadt Abuja, weit entfernt vom eigentlichen Stammland von Boko Haram. Smith schafft Aufmerksamkeit für den islamistischen nigerianischen Terrorismus. Und das ist nötig. Wir haben von al Shabab in Somalia und in Kenia gehört, vom Islamischen Staat in Syrien und dem Irak. Wir müssen – dringend – auch über Nigeria sprechen.“

Warum müssen wir so dringend darüber sprechen? Hat Christoph Plate noch nie etwas von der christlichen Rechten in Amerika gehört, die lauthals nach mehr Bomben gegen muslimische Länder verlangt usw.? Der Spiegel schreibt über den Präsidentschaftswahlkandidaten Jeb Bush: „Zwei Drittel der Republikaner sehen George W. Bush heute positiv. Es ist ein schmaler Grat für Jeb Bush, er ist auf die Beliebtheit seines Bruders angewiesen, auf all die Evangelikalen und Neokonservativen, die staatliche Schulen für Umerziehungslager halten und Amerikas Außenpolitik für ein Werk göttlicher Vorsehung. Er braucht ihre Stimmen, um von Republikanern zum Kandidaten gekürt zu werden.“ – Was ist das größere Bedrohungsszenario? Lokal agierende Söldnertruppen im islamistischen Gewand oder eine imperial agierende amerikanische Außenpolitik als Werk göttlicher Vorsehung?
 
In Warschau hat vergangene Woche eine Frau einen Schweinekopf in eine Moschee geworfen. Die Polizei ist auf der Suche nach der Täterin. Die Soziologin Karolina Wigura mahnt in einem Gastbeitrag für die liberale Tageszeitung Gazeta Wyborcza eine ganz andere Diskussion an. Sie schreibt: „Einer aktuellen Umfrage zufolge haben 58 Prozent der Polen Angst vor Muslimen. Das ist schockierend, wenn man bedenkt, dass diese in Polen kaum ein Promille der Bevölkerung darstellen! (…) Wahrscheinlich ist dies das Ergebnis der Berichterstattung in den Massenmedien, die einfach die negative Stimmung im Westen übernehmen. ( …) Wir sollten aber aus dessen Fehlern lernen und nicht in Fremdenfeindlichkeit oder Nationalismus verfallen. Wir müssen endlich eine richtige Debatte beginnen und dürfen das Problem nicht ignorieren."

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Im Gegensatz zur Beschäftigung mit dem Islam ist die Beschäftigung mit Griechenland nicht obsessiv, da eine das-Heil-liegt-im-Euro-Ideologie, die zu ihrer Aufrechterhaltung unglaubliche Milliardensummen in das schwarze Loch Griechenland kippen muss, anstatt dieses hoffnungslos überforderte Land aus dem Euro zu entlassen, uns (als Steuerzahler) tatsächlich betrifft.

Um den Fokus auf die Schuld der griechischen Politik/Verwaltung an der Misere zu richten: Der griechische Karikaturist Kostas Koufogiorgos, der seit 2007 in Stuttgart lebt, hat eine „lustige Begebenheit“ für Sie aus einem hoffnungslos unterentwickelten und rückständigen Land ohne Melderegister. Er schreibt in der taz: „Als vor einigen Jahren die griechischen Geburtenregister auf EDV umgestellt wurden, hat ein Standesbeamter meinen Namen falsch geschrieben. Fortan hatte ich also einen anderen Namen als mein Bruder – und hatte folglich keinen mehr. Dass ich noch einen Vater hatte, blieb nur dem Umstand geschuldet, dass ihnen bei ihm der gleiche Fehler unterlaufen war. Trotz sofortiger Reklamation habe ich es in nunmehr acht Jahren nicht geschafft, dass dieser Fehler behoben wurde. Gerettet wurde ich von den deutschen Behörden, die den falschen Eintrag bei meiner Einbürgerung  korrigiert haben. Was beim Stuttgarter Bürgerbüro in 15 Minuten möglich war, hat das griechische Meldewesen, da nicht vorhanden, bis heute nicht geschafft. (…) Ich habe jetzt nicht nur zwei Pässe, sondern auch zwei verschiedene Namen.“ – So viel zur Reformfähigkeit Griechenlands und meiner Solidaritätsunfähigkeit mit Griechenland.

Der griechische Ministerpräsident Tsipras kann es in puncto Durchtriebenheit und Verlogenheit mittlerweile locker mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu aufnehmen. (Beide Politiker sollen in ihren jeweiligen Ländern ja sehr beliebt sein.) Kostas Koufogiorgos schreibt weiter in der taz: „Das Referendum ist vorbei, die Griechen haben bekanntermaßen mehrheitlich mit Oxi abgestimmt und müssen nun dafür büßen. Aber nicht, weil die Wähler die falsche Antwort angekreuzt haben, sondern weil es nie auf ihre Entscheidung angekommen ist. Denn Tsipras hat noch in der Nacht der Wahlentscheidung die Fraktionsvorsitzenden aller Parteien einbestellt, um eine Einigung mit den Gläubigern vorzubereiten.“
Siehe dazu: „Noch in der Nacht des Referendums am 05.Juli habe Putin dann klar gemacht, dass er nicht bereit sei, die Einführung der Drachme durch einen Kredit von zehn Milliarden Dollar zu unterstützen.

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Das wird nichts mehr mit den beiden:

Die Perspektive ist klar: Die Griechen steigen entweder aus dem Euro aus, haben ihre Drachme und werden ihre Angelegenheiten in Zukunft selbst regeln oder die Eurogruppe stellt Griechenland unter Fremdverwaltung. Im Moment sieht es nach (Sinnlos)Lösungen aus, die auf (Nicht)Kooperation mit griechischen (Nichts)Politikern und griechischen (Nicht)Behörden beruhen!

Israel unter europäische Fremdverwaltung zu stellen, wäre übrigens eine prima Idee für die Lösung des sogenannten Nahost-Konflikts. Kolonialismus einmal anders, also zum Wohle der Palästinenser.  – „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ So steht es im Alten Testament geschrieben, der Lieblingslektüre (dem kompletten Bildungskanon) israelischer Politiker. Wie hoch ist eigentlich der Exportanteil aus dem von den Israelis abgeriegelten Gazastreifen? Die Antwort ist: Null Prozent. Stünde es den Israelis zu, sich über staatliche Boykottmaßnahmen zu beschweren? Nein! – „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

Schwarzes SchafDas schwarze Schaf der Woche

„Wenn wir erleben, dass der Zentralrat für Geschehnisse der israelischen Politik verantwortlich gemacht wird, dann muss man klar sagen: Hier werden deutsche Bürger verantwortlich gemacht für Dinge, die in einem anderen Staat passieren.“
„Ein Aufruf des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, aus zionistischen Erwägungen nach Israel auszuwandern, ist völlig legitim.“
Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, in einem Interview mit der Deutschen Welle.
Josef Schuster möchte gerne beides: Als deutscher Bürger geachtet sein und als Zionist die Hosen runterlassen. Er zeigt damit eine typische Einstellung jüdischer Repräsentanten in Deutschland. Ich denke, man ist entweder ein deutscher Staatsbürger jüdischer Religionszugehörigkeit oder ein Zionist, sprich: ein jüdischer Nationalist, der anderen Menschen das Land raubt.
Als Konsequenz aus der Ermordung der deutschen Juden im 2. Weltkrieg gilt unserem Land der Standard, in Juden Menschen zu sehen, die einer anderen Religion angehören, aber nicht einer anderen Nation. – Dieser bundesdeutsche Qualitätsstandard sollte schließlich auch in der Dachorganisation aller jüdischen Gemeinden in Deutschland Einzug halten.

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Weißes SchafDas weise Schaf der Woche

„Nach dem Bombenangriff ‚Gomorrah‘ auf Hamburg überlebten wir – Mutter, Oma, Bruder – den Krieg in einem Schuppen am Ortsrand von Tornesch. Oft nahm mich meine Mutter zum Einkaufen mit, man grüßte sich mit ‚Heil Hitler‘. Ich war gut fünf Jahre alt, als ich verwundert bemerkte, dass man sich – nach dem 8.Mai 1945 – mit ‚Guten Morgen‘ oder ‚Guten Tag‘ begrüßte.“
Quelle: Ein Leserbrief im Magazin Der Spiegel

Mein Lektüretipp der Woche:

Barack Obama ist der erste US-Präsident, der während seiner Amtszeit ein Gefängnis besuchte.

Claus Folger
Frankfurt am Main

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