Griechenland: War Varoufakis’ Opfer ein kluger Schachzug?

Zum Teil wurde der Rücktritt des griechischen Finanzministers Janis Varoufakis schon erwartet und von manchen Eurokraten wurde sein Ausscheiden sogar erhofft. Nun hat Varoufakis klar gemacht, dass er die Verhandlungen mit der Eurogruppe nicht blockieren möchte. Vor allem aber nimmt diese Entscheidung der Troika den Wind aus den Segeln. Jetzt müssen Schäuble und Co. ein neues Feindbild aufbauen.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Die Mächtigen in Europa haben ihr Ziel erreicht. Varoufakis ist weg! Hurra, hurra, holt den Schampus raus, es gibt was zu feiern… Oder doch nicht? So sehr wie der griechische Finanzminister – pardon Ex-Finanzminister – auch angefeindet wurde, so sehr hat man ihn insgeheim irgendwie doch bewundert. Auch wenn seine Kollegen aus der Eurogruppe aus politischen und strategischen Gründen dies nicht zum Ausdruck bringen konnten, so weiß man doch, dass sein Fachwissen durchaus anerkannt wurde. Natürlich wurde viel über den Mann geschrieben, der unorthodoxe aber durchaus schlüssige Thesen veröffentlicht hat, wie das derzeitige Wirtschaftssystem zu reformieren sei, um so verheerende Krisen wie wir sie gerade durchleben zu vermeiden.

Varoufakis BuchKlar dass alles Neue erst einmal auf Ablehnung stößt. Vor allem die Profiteure des derzeit gängigen Finanzsystems werden mit allen nur erdenklichen Mitteln gegen Reformer kämpfen, die ihr uneingeschränktes Geld scheffeln gefährden. Varoufakis war so ein Mann und wird es an anderer Stelle weiterhin sein. Er hat unter Beweis gestellt, dass er ein hervorragender Ökonom ist (und zusammen mit Stuart Holland und James K. Galbraith ein Buch mit dem Titel "Bescheidener Vorschlag zur Lösung der Eurokrise" veröffentlicht). Vielleicht muss er an seiner Verhandlungstaktik noch ein wenig feilen, aber was soll man dann von Schäuble sagen? Als Lagarde von "…Erwachsenen im Raum…" sprach und damit meinte das sich manche kindisch verhalten, meinte sie nicht nur Varoufakis, sondern genauso Herrn Schäuble. Dies bestätigte eine ihr nahe stehende Quelle beim IWF. Der deutsche Finanzminister aber hat ein zu großes Ego, um dies realisieren zu können. Leider gilt das auch für einen Großteil der deutschen Presselandschaft.

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Euclides Tsakalotos ist der neue Finanzminister und er war der zu erwartende Nachfolger von Varoufakis. Er gilt als ausgesprochen umsichtig in seiner Ausdrucksweise und seine diplomatische Sprachgewandtheit brachte ihm innerhalb der Partei den Spitznahmen "der Aristokrat" ein. Wie zuvor schon die portugiesische Regierung, hat Syriza den Finanzminister durch den Leiter der Verhandlungsdelegation bei der Troika ersetzt. Nur hat Portugals Finanzministerin Maria Luís Albuquerque in ihrem neuem Posten nicht viel Gegenwind aus Brüssel und Frankfurt bekommen, da Portugal sich immer als „der gute Schüler“ und dementsprechend als geradezu unterwürfiger Vasall verhalten hat. Von Euclides Tsakalotos ist das nicht zu erwarten. Er wird die Linie seines Vorgängers so gut es geht weiter vertreten.

Alexis Tsipras kann die neuen Verhandlungen aufnehmen ohne in der Sache viel ändern zu müssen. So kann Schäuble das Gesicht wahren und trotzdem Zugeständnisse machen. Aber wird Schäuble seine Sturheit an die Seite legen und endlich damit anfangen erfüllbare und vor allem sinnvolle Forderungen zu stellen? Es sieht nicht danach aus und so langsam wird klar, dass die Blockadehaltung Deutschlands politischer Natur ist und mit den Sinn oder Unsinn der geforderten Maßnahmen schon lange nichts zu tun hat. Griechenland jetzt Bankrott gehen zu lassen um den Konservativen in Portugal und Spanien dabei zu helfen die Wahlen zu gewinnen und als generelle Warnung vor der Wahl linksliberaler Parteien ist jedenfalls Wahnsinn. Es wird Zeit für die „Eiserne Kanzlerin“ (Zitat "Bild"), dass sie ihren Wachhund Schäuble an die Leine nimmt. Er hat mit Janis Varoufakis keinen Postboten vergrault, sondern eher den Boten der Götter. Eine Art Hermes, der den Managern in den Chefetagen der Banken eine Nachricht aus dem Olymp überbringen wollte. Was geschieht wenn man Zeus verärgert?

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7 Kommentare

  1. Ha ha, super kommentiert!

    Ich persönlich denke auch, dass “die Deutschen” bald alleine mit ihrer harten Haltung gegen Griechenland dastehen werden.

    Die schwäbische Hausfrauen-Mentalität in die Volks-Wirtschaft übertragen zu wollen, ist an Einfältigkeit und Kurzsichtigkeit nicht zu überbieten.

    Aber ein falscher Stolz und ein großes Geltungbedürfniss wird die verblendeten Polit-Mimosen noch lange an den falschen Konzepten für die Zukunft (Credo der schwarzen Null auf Kosten der Zukunft, Investitions-Stau etc.) festhalten lassen, wenn nicht von irgendwoher Verständnis, Mut und Sachverstand dahergeflogen kommt.

    Wenn man sich in das eigene Zukunftsbild verliebt, aber die Realität absolut zuwider läuft, muss man irgendwann wieder das Bewusstsein erlangen.

  2. Nun, Varoufakis hat den ökonomischen Terror der Institutionen, an die EU zurückgespielt und Brüssel wird in Ermangelung anderer Geldgeber die Kosten für die “US-Expansion” (TTIP, Kredite, Haftungen genauso wie Nato) an Schäuble und Merkel weiterreichen. Eine Umverteilung der Kosten wie auch Migranten unter den EU-Mitgliedsstaaten wird keine der anderen europäischen Regierungen überstehen.

    Deutschland kann nur noch das Gesicht oder viel Geld oder beides verlieren.

    Vermutlich ist der Inhalt der Kanzlerakte in etwa das Versprechen auf “Souveränität” Deutschlands, sollte es Deutschland gelingen, Brüssel sowie sämtliche EU-Mitglieder in die Honigfalle der (US-bestimmten) Vereinigten Staaten Europas zu locken. Und dafür schaut es (auch dank der Griechen) ganz schlecht aus.

  3. Varoufakis hat alle seiner EU Kollegen an die Wand gespielt. Er war ( ist) brillant!

    Ich bin der Überzeugung, dass die Abstimmung am Sonntag auch der Schlusspunkt dieses Idiotischen Verhandlungsreigens war.

    Der Grexit, sprich die Drachme ist auf Schiene und wird wohl schon nächste Woche ausgegeben.
    Es gibt einen Schuldenerlass und eine Finanzierung dieses holprig werdenden Übergangszeitraums.

    Aus und vorbei.

    Das erste Land ist herausgebrochen, weitere werden folgen.

    Der Euro ist Geschichte. Ein schlechter Tag für die hebräischen Finanzoligarchen. Ein guter Tag für Europa.
    Ein herzlicher Dank dafür an die Griechen.

    PS. Ich könnte mir gut vorstellen, dass man Varoufakis wohl bald in Rom, Lissabon und Madrid antreffen wird können…;)

    1. Gute Frage, die Tina Kastein da aufwirft. Banker haben kein Volk, Land, Kultur, Sprache und ihre Religion ist die GIER ihr Gott ist das goldene Kalb…..

  4. Die Troika legt Griechenland ein Würgeseil um den Hals und sagt: “Wir wollen dir zu neuem Atem verhelfen!” Merke: Nur wer erwürgt wird kann frei atmen. So sieht die Logik der internationalen Finanzmafia aus, um das Hab und Gut des Toten zu “erben”.

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