Proteste für ein "OXI" in Athen. Bild: Flickr / desbyrnephotos CC-BY 2.0

Vor dem Referendum gab es große Kundgebungen für und gegen die Bedingungen aus Brüssel. Größtenteils friedlich, gab es nur einen kleinen Zusammenstoß zwischen Anhängern des „NAI“ , also JA, und des „OXI“, NEIN. Die Polizei machte dem Spuk mit der üblichen Brutalität ein Ende und einige Beamte bekamen dabei selber eins auf die Mütze – Verzeihung, den Helm, natürlich. Da entlädt sich der ganze Frust über die Qual der Wahl der Griechen, die eigentlich nur die Frage nach dem „Ende mit Schrecken (όχι) OXI oder Schrecken ohne Ende (ναί) NAI ist.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Die Mächtigen in Europa haben jedenfalls ihr Ziel erreicht. Eine Diskreditierung der linken Syriza-Regierung. Oder doch nicht? Wie auch immer das Referendum ausgeht, die Griechen werden darunter leiden. Worunter genau ist halt hier die Frage. Stimmen sie mit JA, werden ihnen weitere Rentenkürzungen, Privatisierungen, Absenkungen der Löhne – allen voran des Mindestlohns – Personalabbau im öffentlichem Dienst und Steuererhöhungen aufgezwungen. Natürlich ist auch die Mehrwertsteuererhöhung eine längst beschlossene Sache. Die Griechen haben bereits über 1/3 an Kaufkraft verloren und vor allem diejenigen, die nicht ihr Geld am Fiskus vorbeischleusen, sind die Leidtragenden. Es ist nicht zuletzt die Troika selbst, die vorschreibt die Banken und Großkonzerne zu verschonen und dafür die kleinen und mittelständischen Unternehmer mehr zur Kasse zu bitten, in dem Ausnahmen für die ohnehin kaum vorhandene Exportwirtschaft gemacht werden.

Mit NEIN zu stimmen bedeutet aber auch nichts Gutes für das griechische Volk. Mag sein, dass es langfristig ein erster Schritt in Richtung „Freiheit“ ist, doch kurzfristig ist die jetzige Situation, mit den Schlangen vor den Geldautomaten und den Problemen des griechischen Staates an Geld zu kommen, nur ein Vorgeschmack. Gehälter, Renten, laufende Spesen, dringende Anschaffungen und Investitionen sind ohne genug Geld wie ein logistisches Vervielfältigungswunder. Jesus hat bekanntlich dafür gesorgt, dass es bei der Bergpredigt genug Fisch und Brot für alle gab. Doch Varoufakis ist nicht Jesus, auch wenn er revolutionäre Ideen hat, die ihn zu eine Art Messias gemacht haben. Also wie soll sich Griechenland jetzt finanzieren? Geld drucken?

Nun könnte ein souveräner Staat eigentlich die Druckerpressen Anwerfen und einfach neues Geld drucken. Damit steigt zwar die Inflation und der Wert des Geldes in Relation zu den anderen Währungen sinkt dementsprechend, aber insgesamt kann das Land zumindest intern etwas Normalität herstellen. Solidarität mit dem griechischen Volk und einer Regierung, die dem Brüsseler Diktat den Kampf angesagt hat, findet man nur bei denen, die verstanden haben, was für ein perverses Spiel die Banker da spielen, nicht aber bei den EU-Marionetten. Und während Agitatoren aller Art in Athen ohne großen Erfolg versuchen die Spannungen in Gewalt ausarten zu lassen, bringen die Sprüche Portugals Politikpsychopathen und Spaniens Pseudofaschisten in ihren Ländern die Volksseele zum kochen. Indem sie versuchen die Märkte, aber auch das Wahlvolk, zu beruhigen, entpuppen sie sich als pathologische Lügner. Ihre Billigpropaganda ist aber oft so zynisch, dass die Menschen sich verspottet fühlen.

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Portugals Vizepremierminister Paulo Portas (CDS) sagte vorgestern: „Diese Bilder die man sieht, von arbeitenden Menschen und Leuten aus der Mittelschicht, in Griechenland, vor einem Geldautomaten ohne Geld, die sich um ihre Ersparnisse aber vor allem um ihre Leben bangen, ähmm erinnert uns an das, was in Argentinien und Brasilien geschehen ist, ähhh vor einigen Jahren. Aber wir bekommen so auch eine Idee davon, ehhh wie der Radikalismus es in Kauf nimmt, alles aufs Spiel zu setzen. Das Leben der Menschen vollkommen aufs Spiel zu setzen! Nur aus ideologischen Gründen! Portugal ist vollkommen anders. Portugal hat sein Programm mit der Troika bei der erstbesten Gelegenheit beendet, hat nicht mehr Geld erbeten. Hat nicht mehr Zeit erbeten. Hat kein Sicherungsprogramm aufgelegt (…) frei von Sanktionen und Drohungen (…) wir haben dem IWF schon Vorauszahlungen geleistet um weniger Zinsen zahlen zu müssen …“ An dieser Stelle bitte ich um das Verständnis für ähhh und ähmm, welches der geschulte Lügenpolitiker immer dann verwendet, wenn er improvisieren muss.

Ja, Senhor Portas, Portugal unterscheidet sich von Griechenland. Aber nur, weil die Regierung sich bedingungslos und mit Freude dem Diktat der Merkel, Märkte und Machtgeilen in diesem Europa der Banken, Börsen und Finanzkartelle unterwirft. Und wir? Wir lassen uns auch noch einschüchtern und wenn man uns dann noch das Ego streichelt, lassen wir uns ebenfalls nur allzu gern einreden, dass „die Griechen“, selber schuld sind und daher alleine damit fertig werden müssen.

Was aber fühlt der Grieche wirklich, wenn er mit zu wenig Essen aber zu viel Wut im Bauch für JA stimmt? Ich würde sagen, er spürt mehr Hunger als Zorn. Die meisten Griechen, die weniger Glück im Leben – insbesondere in den letzten Jahren – hatten, können es sich nicht leisten in eine ungewisse Zukunft zu blicken und haben Angst vor Banken ohne Geld, galoppierender Inflation und dem Horrorszenario eines Staatsbankrotts. Viele von ihnen betonen aber, dass sie mit den Maßnahmen nicht einverstanden sind und auch nicht gegen die Regierung stimmen.

Auf Seite des OXI – NEIN – finden wir Menschen, dessen Zorn, Wut, sogar Hass, größer ist als der Hunger und die sich schon aus Prinzip nicht weiter dem Diktat aus Brüssel (beziehungsweise Frankfurt a. M.) beugen möchten. Die sind Menschen die nicht  unbedingt mehr Rückgrat besitzen, als die Anhänger des JA. Sie haben aber auf jeden Fall mehr Selbstachtung als die EU-Politiker die von ihrem hohen Ross herunter Menschen zu Armut verurteilen, weil sie ihrer Meinung nach die falsche Partei gewählt haben. Die meisten von ihnen haben eine klare Vorstellung davon, was sie erwartet und wissen nur zu genau, dass sie eine lange Durststrecke vor sich haben. Einige mögen glauben, dass die Regierung schon irgendwie an Geld kommt. Ob Russland oder China, ob der Staat die Milliardäre zur Kasse bittet oder eine Parallelwährung einführt ist fragwürdig. Eher noch wir sich die EU einen Weg einfallen lassen, den Griechen doch noch Geld nach Athen zu überweisen um so ein ausscheren Griechenlands aus EU und NATO zu verhindern. Auf alle Fälle werden bei einem OXI die Karten neu gemischt.

Überall in Europa, auch hier in Lissabon, gehen die Menschen für die Griechen auf die Straße und trotz der Gefahren ziehen sie den Kampf gegen das aktuelle System, dem Niederknien vor der EU-Finanzmafia vor und tragen Schilder und Plakate auf denen Merkel, Schäuble und ihresgleichen in unvorteilhaften Licht dargestellt werden. Aber vor allem steht auf den Schildern, wie auch Millionenfach in den Sozialen Netzwerken, das griechische Wort für NEIN: OXI – όχι

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