Finanzminister Schelling fordert Hartz IV für Österreich

Das Arbeitslosengeld in Österreich sei viel zu hoch, kritisiert Finanzminister Schelling (ÖVP). Deshalb soll die Alpenrepublik wie Deutschland Hartz IV einführen. Am besten noch mit Aufstockern, damit die Industrie staatlich subventionierte Billiglöhner bekommen kann.

Von Marco Maier

Wer wie Finanzminister Schelling 17.167 Euro brutto monatlich (240.338 Euro im Jahr) verdient, der hat leicht reden. Zu hoch sei das Arbeitslosengeld in Österreich, weshalb viele Leute Jobs (im Niedriglohnsektor) ausschlagen würden. Das deutsche Hartz IV Modell sei hier viel besser, wie er in einem Interview in der Samstagsausgabe mit dem "Standard" verkündete.

Hier kommen wieder einmal die Vorurteile der abgehobenen konservativen Politklasse zum Vorschein, die völlig an der Realität vorbeigehen. Denn trotz rapide steigender Arbeitslosigkeit in Österreich liegt dieser Umstand nicht am fehlenden Arbeitswillen der Menschen – da ja gleichzeitig auch immer noch die Zahl der Beschäftigten steigt – sondern vielmehr an der nach wie vor wachsenden Zuwanderung von Menschen, die in Österreich leben und arbeiten wollen.

Die Forderung nach einem Hartz-IV-System, welches bereits im Juni von der Industriellenvereinigung (IV) angesprochen wurde, soll (siehe Deutschland und die "Aufstocker") nur dazu führen, dass der ohnehin schon bestehende Niedriglohnsektor noch stärker ausgeweitet werden kann. Dann heißt es auch in Österreich: Die Steuerzahler subventionieren die billigen Arbeitskräfte der Industrie.

Schelling übersieht in der Debatte nämlich einen wichtigen Faktor: Das Problem liegt nicht etwa bei einem zu hohen Arbeitslosengeld, sondern vielmehr darin, dass viele Jobs angesichts der extrem hohen Lebenserhaltungskosten einfach viel zu schlecht bezahlt sind. Mit 1.000 Euro netto für einen 40-Stunden-Job (solche Angebote gibt es zur Genüge) kann man als Single vielleicht noch durchkommen, wenn man eine Mini-Wohnung hat und auf ein Auto verzichtet. Aber dann wird es schon schwierig.

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Aber so weit denkt man als Privilegierter der Gesellschaft gar nicht. Ebenso wie es solchen Menschen scheinbar egal ist, dass viele Familien trotz Arbeit am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig haben. Wer das als Finanzminister – der Einblick in so viele Daten hat – ignoriert, ist fehlbesetzt. Denn bevor man auf jene schimpft die keine Arbeit haben, sollte man sich dafür einsetzen, dass sich die Arbeit auch wieder lohnt. Dann würden auch die paar wenigen, die tatsächlich lieber arbeitslos bleiben anstatt sich für das selbe Geld abzuschuften einen Anreiz haben, arbeiten zu gehen.

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6 Kommentare

  1. Bravo, das Image des hässlichen und herzlosen Deutschen breitet sich nachhaltig immer weiter aus.
    Nur gut, dass ich vor der EURO-Ära noch einige Fernreisen – auch in Europa – unternehmen konnte, gegenwärtig fehlt mir der Mut dazu.
    Aber auch dieser Fakt wird den „Eliten“ ganz kalt am A…. vorbeigehen!

  2. „Hier kommen wieder einmal die Vorurteile der abgehobenen konservativen Politklasse zum Vorschein, die völlig an der Realität vorbeigehen.“

    „Dann heißt es auch in Österreich: Die Steuerzahler subventionieren die billigen Arbeitskräfte der Industrie.“

    „…dass viele Jobs angesichts der extrem hohen Lebenserhaltungskosten einfach viel zu schlecht bezahlt sind.“

    „Denn bevor man auf jene schimpft die keine Arbeit haben, sollte man sich dafür einsetzen, dass sich die Arbeit auch wieder lohnt.“

    JA, JA und nochmals JA!
    DANKE Contra-Magazin, DANKE Herr Maier!

  3. Ich war auch lange Zeit auf Hartz 4 und muss im Eindefekt sagen das es mir persönlich ganz gut getan hat. Ich betrachte Unternehmer und Dienstleister grundsätzlich und ohne Ausnahme als staatlich subventionierte Schwerverbrecher und habe mein Konsumverhalten entsprechend anpasst ohne Aussicht auf Bewährung. Ehrlich gesagt würde eich mein Geld lieber verbrennen als es diesen Leuten in den Rachen zu werfen. Und das meine ich Tod ernst und zwar so ernst das mittlerweile keiner mehr wagt mich deswegen zu unterschätzen…

  4. Ich empfehle Schelling einen dreijährigen Selbsttest zur Entscheidungsfindung.
    Das würde natürlich mit der Aufgabe seine Privilegien einhergehen.

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