Poststreik – Die Rache der Privatisierung

Seit dem 08. Juni sind die Paketzusteller und Briefträger der Deutschen Post im unbefristeten Streik. Was fehlt, ist irgendwie schon das mediale Echo. Kein Geschwafel der Politiker über gesetzliche Neuregelungen zum Streikrecht, keine Empörung – nichts. Wenn der Briefkasten nicht so gähnend leer wäre seit Wochen, man könnte meinen, da passiert nichts. Aber kein Wunder, den Streik organisiert ja auch eine große und mächtige Gewerkschaft.

Von Marcel Grasnick

Gut, derzeit haben die Gemüter auch mehr mit dem medialen Echo und der Aufmerksamkeit rund um Griechenland zu kämpfen. Dieses Thema, die Angst vor einer neuen Finanzkrise, ausgehend durch eine Staatspleite Griechenlands, wird von den Medien kräftigt geschürt. Wenn man dann sich nicht selbst informieren würde oder gelegentliche Nachrichten über den Poststreik suchen, man könnte glatt meinen, da ist nichts. Ist es aber doch: nämlich der leere Briefkasten oder das Paket, auf das schon so lange gewartet wird. Also nichts.

Bei der Post AG hat Vater Staat den gleichen Fehler begangen wie bei der Bahn: nämlich die Privatisierung von einem staatlichen Betrieb. Damit haben die Angestellten, die nicht mehr verbeamteten, das Recht zu streiken. Währende Beamte von diesem Recht keinen Gebrauch machen dürfen. Doch da der Staat den Großteil der Anteile des Unternehmens hält, sind somit Gewinne und Verluste immer noch Sache das Staates. (richtig?)

Dass sich die Post AG sich in den letzten Jahren bemüht hat, kosteneffizienter zu arbeiten und den Aktionären – also Staat und Kleinanlegern – eine Dividende zu ermöglichen, bekommen die Bürger sehr wohl mit. Die Personaldecke wird gestrafft und damit lange Schlangen in Kauf genommen – damit aber auch der Unmut der Kunden. Etliche Filialen wurden geschlossen, auch hier sehr zum Unmut der Bürger. Natürlich unter stetiger Preissteigerung, die man aber getrost als Inflationsausgleich verbuchen dürfte.

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Warum wird gestreikt?

Der Grund ist denkbar einfach. Das Unternehmen plant den Aufbau von 49 regionalen Gesellschaften für die Paketzustellung. Die Paketboten werden dann nicht mehr nach dem Haustarif bezahlt, sondern nach den regionalen Tarifverträgen der Logistbranche, die erheblich niedriger ausfallen. Schon jetzt sind viele Paketzusteller Subunternehmer, die als freiberufliche Zusteller im Auftrag der Post die Pakete ausliefern, mit Knebelverträgen an das Unternehmen gebunden. Kein Wunder also, wenn es im Bereich der Paketzustellung in den letzten Jahren zu massiven qualitativen Problemen kam. Jeder kennt es: Es wird ein Paket erwartet und statt dem Klingeln des Boten findet sich dann 2 Tage später die "vergebliche" Zustell-Benachrichtigung im Briefkasten.

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Da die Post ein Ultimatum hat verstreichen lassen bei den Tarifverhandlungen mit Verdi, wird sich der Ausstand wohl noch länger hinziehen. Die Konkurrenz der Post in Form von Fahrradboten, Stadtboten oder andere Dienstleister amerikanischer Herkunft wird es freuen. Wer also auf wichtige Post wartet wie zum Beispiel auf nette Briefe vom Finanzamt, wird sich wohl noch länger gedulden müssen.

Im übrigen hat die Post AG beschlossen, das Sonntagsarbeitsverbot zu umgehen, um die langsam überquellenden Lager zu leeren – was natürlich nicht nur Unmut unter den Streikenden schürt, sondern auch die Gewerkschaft Verdi auf die Palme bringt. Ebenfalls ereifern sich auch die Mitglieder der sogenannten Arbeiterpartei SPD sowie die Bundesländer. Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) hatte die Gewerbeaufsichtsämter angewiesen, gegen das Sonntagsarbeitsverbot vorzugehen.

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4 Kommentare

  1. Die Schalter sind chronisch unterbesetzt und die Schlange geht bis auf die Straße. Die Briefe sind schon wieder teurer geworden, wird angeschnautzt, weil man nur eine Marke kaufen wollte und der Geldautomat ist wie üblich kaputt.

    Bruch&Co. AG – wieso dürfen die Investoren die Marke “Post” eigentlich in den Schmutz ziehen?

  2. Das Porto wird immer teurer, dafür wird der Service immer schlechter. Tja – die Post ist eben eine AG und in 1. Linie ihren Aktionären verantwortlich. Aber tröstet Euch – wenn erst TTIP richtiggreift, werden wir uns alle nach den heutigen Zuständen zurücksehnen

  3. die privatisierung der post,bahn,telecom u.s.w. waren alles raubprivatisierungen des eigentums der
    steuerzahler.wer solche aktien kaufte,ist selbst schuld.ich zahle doch nicht für etwas,das mir schon
    gehört.

  4. Bei mir in Ostdeutschland kommt seit Anfang Juni KEINE Post mehr an. Nicht verzögert, nicht 80 %, sondern überhaupt keine.

    Ich kann mich nicht daran erinnern, daß in der DDR jemals wochenlang die Briefzustellung ausgefallen ist. Das erinnert eher an die Zustände in Somalia. Die EU hat uns hier vom Schwellenland direkt in die dritte Welt befördert.

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