Gewaltexzesse statt freudiger Meisterfeier in Lissabon

In Portugals Hauptstadt Lissabon stieg vorgestern Nacht die schon seit längerem geplante Party der Fans von Benfica Lissabon. Doch die ausgelassene Stimmung schlug urplötzlich um als ohne ersichtlichen Grund einige der sogenannten Benfiquistas die Polizei mit Flaschen und Feuerwerkskörpern bewarfen. Der Platz in Lissabons Zentrum, Praça do Marquês do Pombal, verwandelte sich innerhalb weniger Sekunden in ein Schlachtfeld. Es hatte schon beim Spiel im nordportugiesischem Guimarães Probleme gegeben. Jetzt fragen sich alle, wie es dazu kommen konnte? Wieso?

Von Rui Filipe Gutschmidt

Ja wieso nur? Wie wird aus einer Partymeile plötzlich ein Schlachtfeld? Portugals Bevölkerung ist eigentlich dafür bekannt, relativ friedlich zu sein und bei Demos, Kundgebungen und anderen Massenveranstaltungen eher selten zu Gewaltexzessen zu neigen. Sicherlich haben die großen Klubs auch ihre Hooligans und ihre gewaltbereiten Fans sorgen für viel Arbeit bei der Polizei, wenn wieder ein Derby oder ein „Classico“ zwischen zwei der fünf größten Vereinen des Landes ansteht. Doch ist es vergleichsweise noch harmlos, gegenüber der Gewalt in deutschen, italienischen, englischen oder polnischen Stadien. Aber bei der Meisterfeier? Das Entbehrt jeder Logik.

Benfica Lissabon, wie im Übrigem auch die Polizei, hatte sich schon auf diesen Tag vorbereitet, nachdem sie gegen den Erzrivalen aus dem Norden, dem FC Porto, 0:0 gespielt hatten. Die Spiele danach behielten den 3 ½ Punkteabstand bei und Benfica brauchte schließlich 2 Spieltage vor dem Ende der Saison nur noch einen Sieg, beziehungsweise das gleiche Resultat wie Porto, um die Party steigen zu lassen. In der Hoffnung darauf, fuhren Tausende nach Guimarães und waren in Feierlaune. Die Fans von Vitoria Guimarães, einem der fünf oben genannten Klubs, sind für ihren Fanatismus bekannt und so war es nicht ganz verwunderlich, dass sie mit den Lissabonnern aneinander gerieten.

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Wenn es einerseits der Wahrheit entspricht, dass die Fans vom Vitoria SC für ihren Fanatismus und den Hang zur Gewalt bekannt sind, muss hier auch erwähnt werden, dass diese nach dem Spiel friedlich nach Hause gingen. Die 500 Anhänger des frischgebackenen Meisters aber, die wie üblich noch eine Stunde im Stadion verbleiben mussten, feierten auf ihre ganz eigene Weise. Sie zerstörten einige Schalensitze, verwüsteten drei Toilettenräume und legten dort sogar Feuer. Eine Stadionbar wurde geplündert, die Kasse geraubt und die beiden Angestellten wurden Opfer physischer Aggressionen. Doch den größten finanziellen Schaden verursachte die Plünderung eines Lagerraums. Die Szene wurde gefilmt, was so manchen Hobbyvandalen ins Schwitzen gebracht haben wird. Der Präsident des nordportugiesischen Vereins fragt völlig zurecht, wie es sein konnte, dass die Leute mit Bällen, Sportbekleidung und Schuhwerk, Sporttaschen und so weiter, unbehelligt aus dem Stadion gehen konnten. Weder Polizei noch Stuarts wunderten sich über die vielen Taschen und Rucksäcke.

Ein besonderer Fall von Gewalt fand vor dem Stadion statt. Ein Familienvater aus der Nähe von Porto ging mit seinem Vater und seinen beiden Söhnen zum Spiel, wie er es ihnen versprochen hatte. Als seinem jüngerem Sohn in der Wartezeit nach dem Spiel schlecht wurde, bat er die Polizisten, die die Benfica-Fans zurückhielten, sie vorzeitig rauszulassen, was ihm ohne weiteres gewährt wurde. Eine Kamera des TV-Senders CM-TV filmte wie eine Frau ihnen gleich Wasser anbot, da der 9-jährige sichtlich dehydriert war. Was dann geschah zeigt wieder einmal, dass die Polizei endlich neue Standards bei der Personalauswahl einführen muss. Zwei Polizisten gingen zu der Familie und begannen diese zu befragen. Ohne ersichtlichen Grund schlug einer von ihnen plötzlich auf den Mann ein. Auch der Vater des Mannes wurde geschlagen, als er seinem Sohn helfen wollte. Die Kinder wurden von anderen Beamten zurückgehalten als ihr Vater, am Boden liegend, weiter Prügel einsteckte. Noch dazu wurde er wegen Beamtenbeleidigung angezeigt und musste gestern vor Gericht erscheinen. Er verklagt seinerseits jetzt den Beamten. Inzwischen wurde gegen diesen ein Disziplinarverfahren eingeleitet und scheinbar nicht zum ersten Mal.

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Noch mehr Gewalt gab es in Lissabon. Mitten in der Meisterfeier, während die Hymne des Sport Lisboa e Benfica gespielt wurde und die Spieler auf einer eigens dafür aufgebauten Tribüne geehrt wurden, brach aus heiterem Himmel die Hölle los. Flaschen, Pflastersteine und Feuerwerkskörper flogen in Richtung Polizei und auch der Appell des Veteranen und Kapitäns von Benfica half nicht das Chaos zu vermeiden. Der Platz wurde geräumt und nach einer Stunde blutiger Gewaltexzesse, war der „Marquês“ wie leer gefegt. Die Schlacht verlagerte sich noch in eine Straße in der Nähe, aber der Spuk war bald vorüber. Was bleibt sind Fragen. Viele unbequeme Fragen.

Wie kann es sein, dass die Portugiesen ihren Frust und die angesammelte Aggression nicht gegen die Regierung und die Politiker rauslassen, die für einen großen Teil der Misere der Menschen verantwortlich sind. Es scheint ein typischer Fall von angestautem Frust zu sein, der sich mit zu viel Alkohol vermengt hat und dadurch zu einer explosiven Mischung wurde.

Auch braucht Benficas charismatischer Präsident nicht so zu tun als hätte er nicht dazu beigetragen, dass sich eine gewaltbereite Fangruppe gebildet hat. Seit Jahren hat er sich die No-Name-Boys als eine Art Leibgarde, Privatarmee oder vielleicht sogar als bereitwillige Helfer für seine illegalen Geschäfte herangezogen. Die Behörden ermitteln nur halbherzig in Sachen Waffen und Drogenhandel, terroristische Aktivitäten mit rechtsextremem Hintergrund und Organisiertem Verbrechen in Richtung der Fangruppe, die so ziemlich ungestört Feuerwerkskörper und Fahnen mit Neonazi-Symbolen (NN) in Benficas Estadio da Luz bringen und die Spieler der Gastmannschaften und Schiedsrichter bedrohen.

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Wenn man also die Gewalt im Fußball bekämpfen will, muss man mit den Dirigenten der Vereine beginnen, die sich der Gewalt bedienen und in ihren Ansprachen noch schüren. Außerdem braucht es wieder mal einen Hoffnungsschimmer für die Menschen um das Anwachsen der Wut, der Frustrationen, der aggressiven Triebe zu bremsen. Zumindest sollte sich die Wut an die richtige Adresse richten. Wenn es geht, natürlich ohne Gewalt.

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