Das Odessa-Pogrom: Der Tag, an dem das Land stillstand

Der erste Jahrestag der Tragödie in Odessa, als mindestens 48 Menschen ermordet wurden, hat die Ukraine in Unruhe versetzt. Große Sicherheitsmaßnahmen in Odessa, eine von Medien unbemerkte Kundgebung in Kiew und die nächtliche Beschießung von Donezk. So war dieser Tag in jenem Land, über das euch erzählt wird: „Dort hat die Demokratie gesiegt“.

Von Werner Gauss

Odessa Polizisten 3Am 2. Mai jährte sich der Tag, der die Ukraine für immer verändert hat.  Der große Tag des Zorns. Der schwarze Tag der Menschlichkeit. Der Tag, an dem das Land stillstand. Dieser Tag kann viele Namen tragen und sogar mehr – auch gegensätzliche – Emotionen einflößen. Eines ist doch absolut klar: Dieser Tag hat einen Abgrund ausgebrannt, der die moderne ukrainische Geschichte in „vor“ und „nach“, ebenso wie das ukrainische Volk in „Menschen“ und „Tiere“ geteilt hat. Manche sagen, dieser Abgrund habe auch die selbe Ukraine mit ihrer Fahne, Hymne und Sprache gefressen, aber da jeder Mensch seine eigene Gestalt der Heimat in der Brust trägt, wurden im Feuer des Gewerkschaftshauses in Odessa zugleich viele Ukrainer qualvoll verbrannt, sodass auch bis zum heutigen Tag manche Bürger dieses Staates im Herzensstübchen, wo ein Gedächtnis ans Mutterland lagern muss, nur Asche und Staub tragen. Und wenn da in diesem kalten Stübchen irgendwas Heißes existiert, ist es nur Hass.

Odessa

Odessa 1Ein Jahr später nach dem von Euromaidan-Aktivisten und Fußball-Hooligans begangenen Pogrom, dessen Höhepunkt eine Menschenverbrennung im Gewerkschaftshaus war, sieht „Die Perle am Schwarzen Meer“ typisch für eine Stadt aus, die unter der Okkupation steht. Die mit Granatwerfern bewaffneten Einheiten der Nationalgarde, technische Kampfmittel und eine 6-stündige Mobilfunkabschaltung (von 13:00 bis 19:00 lokaler Zeit) gehören dazu. Am Vortag nahmen in Odessa die ukrainischen Sondertruppen die bewaffneten „Mitglieder der Terroristengruppe“ fest, diese Handlung wurde „zufällig“ gefilmt und auf Youtube hochgeladen. Eine Warnung. Die Atmosphäre der Angst soll in der Stadt herrschen. Sieh, Herr Pântea! [Anm.: damaliger Bürgermeister von Odessa während der rumänischen Besatzung] Sieh und lerne, wenn du natürlich davon, wo du jetzt bist, etwas sehen kannst! So muss man im besetzten Territorium handeln, lieber Gherman!

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Die Bilder aus dem Leben von einem demokratischen Staat sollen doch den europäischen Partnern und amerikanischen Chefs auch gezeigt werden. Deswegen ist ein Gedächtnismeeting auf dem Kulikowo Pole Platz, wo vor einem Jahr ein Lager von Antimaidan stand, erlaubt. Ohne Sankt-Georgs-Bänder natürlich. Jene, die die erschreckenden Streifen aus Stoff trotzdem angezogen haben, werden schnell überzeugt, ihre Bänder loszuwerden. Keine Provokationen bitte! Was natürlich auch heißt, keine Transparente mit Regierungskritik. Geht durch die Metalldetektoren, jammert leise, legt die Blumen nieder und begnügt euch mit dem, dass wir euch trauern lassen! Freut es euch denn nicht, dass ihr selbst noch heil und unversehrt seid?! Was für ein schwarzer Undank!

Odessa 6Die Zahl der Ankommenden nimmt noch zu. Die Wand mit der ukrainischen Flagge wird durch schwarze Tücher verhängt. An den Tüchern sind die Fotos von denen, die für das Recht, eine andere Meinung zu haben, den höchsten Preis zahlten. Dutzende von schwarzen Luftballons steigen in die Luft auf. Gleichzeitig wird auch die Kundgebung „der Patrioten“ abgehalten. Hier, auf dem anderen Platz von Odessa, schimmern die ukrainischen Fahnen bunt. Die ukrainische nationale Symbolik wird auf Schritt und Tritt ausgeteilt, als ob es ein Fest gewesen wäre, obwohl die Leute – ihren Worten nach – auch das Gedächtnis der Opfer ehren möchten. Plötzlich knien sie alle nieder. Während des letzten Jahres hat die Ukraine große Fortschritte im Bereich des Massenmordes und des zeremoniellen Pathos gemacht.

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Nach einem Ritual darf man sich allerdings entspannen! Jetzt sagen die Anwesenden, von denen viele die Neonazipartei „Swoboda“ (Freiheit) vertreten, ganz ehrlich, dass sie hier „den Tag des Sieges über die Sklaven des Kremls feiern“ und dass „es überhaupt kein Trauertag für Odessa ist“. Ist es denn nicht schön, wenn die Menschen endlich aufrichtig sind? Wahrscheinlich waren hier viele von diesen Jungs, die die europäische und amerikanische Presse ständig „friedliche Aktivisten“ und „wehrlose Kinder“ nannten, auch ein Jahr vorher hier und nahmen „am Sieg über die Sklaven des Kremls“ teil.

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Der gleichen Meinung sind nicht nur die Außenseiter der Gesellschaft, sondern auch einige Abgeordnete des ukrainischen Parlaments (obwohl natürlich sie selbst die Außenseiter der Menschheit sind).

Ihor MosZum Beispiel Ihor Mosijtschuk (Bild unten rechts), der Deputierte aus der "Radikalen Partei" Oleh Ljaschkos. Dieser Herr hat seinen Freunden und „Blutsbrüdern“ zum Fest am 2. Mai auf seiner Facebook-Seite gratuliert. „Ich denke dran! Ich bin stolz drauf!“ schrieb er. Die selbe Parole ist auf einem von ihm hochgeladenen Bild, auf dem man auch die Molotowcocktails sehen kann, mit denen das Gewerkschaftshaus in Odessa im Brand gesteckt wurde. Und Mosijtschuk ist nicht alleine, der sich an der vorjährigen Tragödie ergötzt. Oleksij Gontscharenko aus der Präsidentenpartei „Block Petro Poroschenko“ fotografierte dann neugierig die Brandleichen, Lesja Orobets jubelte im Facebook wegen „der Aufläufe der verbrannten Kartoffelkäfer“ usw.

Mosijtschuk 2Es ist natürlich nicht der Rede wert, dass ein Jahr später alle Kommissionen und Ausschüsse, die von der ukrainischen Regierung organisiert wurden, nicht bestimmen können, wer des Gemetzels von Odessa schuldig ist. Wie könnte es doch anders sein? Manchmal kann der wahnsinnige Psychopath sein Verbrechen eingestehen – die Gewissensbisse nicht mehr ausstehen könnend. Die Marionettenregierung in Kiew ist doch sicher nicht psychopathisch. Diese Herren in strengen Anzügen stecken ihre Hälse nicht in die Schlinge, nur weil sie unnötig etwas fremdes Blut vergossen haben. Die Leute, die ihre Freunde und Verwandten in Odessa verloren haben, erwarten allerdings keine offiziellen Antworten. Sie brauchen das nicht. Sie wissen ganz gut, wer Odessa damals angezündet hat, weil die Verbrecher ihre Straflosigkeit fühlen und ihre Gesichter nicht verbergen.

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Kiew

Kiew 3Ein Gedächtnistreffen fand an diesem Tag auch in Kiew statt. Und das war die größte Überraschung: Tausende Menschen gingen auf die Straßen der ukrainischen Hauptstadt und protestierten gegen den Staatsterror, der nicht nur die Ernte der menschlichen Leben in Odessa im Frühjahr 2014 eingebracht hat, sondern auch heutzutage zum Einsatz kommt und die Opponenten der Kiewer Regierung (wie z.B. den Publizist Oles Buzina oder den Politiker Oleg Kalaschnikow) vernichtet. Mindestens 7 Teilnehmer dieser Kundgebung wurden festgenommen, obgleich es keine Spur der Gewalt von der Seite der Protestierenden (im Unterschied zu den Maidan-Demonstrationen) gab. Und noch etwas Charakteristisches: Keine der nationalen ukrainischen Medien beleuchteten dieses Ereignis. So sieht es die Pressefreiheit in der modernen postmaidanischen Ukraine aus.

Donezk

Ebenso wie vor einem Jahr, ist auch jetzt in der Ukraine der 2. Mai ein Trauertag für einige und eine Siegesfeier für andere. Und was wäre dies denn für eine Feier ohne Salut? In der Nacht wurde Donezk, indem man beiläufig gesagt auch das Gedenken der Opfer von Odessa ehrte, so stark wie noch nie seit Anfang „des Waffenstillstands“ beschossen. Großkalibrige Artillerie machte sich endlich Luft und sang den Donezker Kindern ein ihnen schon bekanntes Wiegenlied.

Der große Tag des Zorns. Der schwarze Tag der Menschlichkeit. Groundhog Day, der auch übers Jahr nicht zu Ende geht. Während jenes Tages entschlossen sich viele Ukrainer ihre Häuser zu verlassen und einer Volkswehr beizutreten. Während jenes Tages entschieden sich auch viele Ukrainer ihren Urgefühlen und tierischen Trieben zu folgen und die Beziehungen mit der Welt der psychisch gesunden Menschen abzubrechen, eine Freude am Tanze auf den Knochen findend. Das Feuer vom Gewerkschaftshaus in Odessa breitete sich auf den Brücken hinter manchen Leuten aus. Ein Jahr später liegen einige Brücken niedergebrannt, die anderen glimmen noch. Zurückkehren kann noch niemand.

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