Russlands Präsident Wladimir Putin. Bild: Kreml

Als Boris Nemzow ermordet wurde, schrie jede Seite erst einmal: "Ihr wart das!" Jetzt, wo sich die Gemüter etwas beruhigt haben, scheint die Vernunft zurückzukehren. Dann trat Wladimir Putin hervor und sagte etwas, dass zumindest den neutralen Beobachter nicht nur überrascht, sondern auch Anlass zur Hoffnung gibt. Der russische Präsident weiß sehr wohl, dass ein Land ohne Opposition eine Diktatur ist. So will Putin, was auch das russische Volk will: Ein starkes und dennoch demokratisches Russland. Während also Obama mit erhobenem Zeigefinger die russische Regierung  verantwortlich machte, sprach Putin versöhnliche Worte und beruhigte damit die Lage. Gestern wurden die ersten Verdächtigen verhaftet und die Justiz wird zeigen, wer hinter dem Anschlag steckt.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Die Journalisten in Portugals Medienwelt sind größtenteils neutral und besonders stolz auf ihre Deontologie. So lohnt sich der Blick auf die Situation in Russland, mit etwas Abstand und fern ab des Propagandageschreis, welches auf beiden Seiten inzwischen zu Gehörschäden geführt hat. Wie kann man eigentlich über Frieden reden, wenn im Hintergrund Generäle zum Krieg aufrufen? Putin zeigte jetzt das es geht. Den schon meinten die einen, es käme bald zu einem Bürgerkrieg, die anderen sagten, es wäre der Startschuss für die Errichtung einer Diktatur. Nur gut, dass Portugal so weit von der Ukraine, Russland und Deutschland und all den Vorurteilen, alten Ressentiments und verborgenen Existenzängsten entfernt ist und noch Geld hat, um die Auslandskorrespondenten in Moskau und auf beiden Seiten des Ukrainekonflikts zu bezahlen. Daher hat man hier, sofern man nicht dem einem oder anderem Klub angehört, das Privileg auf einen relativ ungetrübten Blick auf das Weltgeschehen, aus den verschiedensten Blickwinkeln.

Evgueni Mouravitch ist der Russland-Korrespondent des Portugiesischen Staatsfernsehens RTP, hat seine Wurzeln in Russland und ist seit vielen Jahren schon im Land des großen Bären. Im krassem Gegensatz zur weitverbreiteten und von der sogenannten Lügenpresse propagierten Meinung, hat der vorbildliche Journalist keinerlei Probleme, wenn er kritisch über den Kreml berichtet. Keine Morddrohungen oder gar Mordversuche. Keine Prügel, Verhaftungen oder Zensur. Das heißt nicht, dass es all das nicht gäbe, doch ist das auch in Europa der Fall und in den USA erst recht.

Es gibt also Probleme in der Umsetzung der Demokratie, doch das triff auf alle Demokratien zu, oder was allgemein als solches  bezeichnet wird. Außerdem fällt es niemanden ein, Sanktionen gegen Israel zu verhängen. Auch Saudi-Arabien, Südafrika und Kolumbien und alle Länder, die den Interessen der vorwiegend westlichen Wirtschaftsbosse dienen, dürfen weiterhin unbehelligt heilige Kühe schlachten. Wo ist die Kritik an den mittelalterlichen Strafen in Saudi-Arabien?  Oder wo bleibt eine deutliche Verurteilung der israelischen Siedlungspolitik im West-Jordanland?

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Wir haben hier also zweierlei Maß. Der Westen darf Regierungen erpressen, manipulieren, absetzen, einsetzen, bestechen oder infiltrieren und ausspionieren, sieht weg wenn “befreundete” Diktaturen foltern, morden ihr Volk ausrauben und solange der Yuan oder der Rubel rollt, ist auch hier alles in Ordnung. Wenn ein Land aber den Herren der Welt im Weg steht, ist es auf einmal eine Diktatur, gibt es keine Pressefreiheit und die Menschenrechtsverstöße werden lautstark angeprangert. Wer also meint, ohne Sünde zu sein, der werfe die erste Bombe!

Evgueni Moravitch berichtet andererseits von einem russischem Präsidenten, der sich jetzt besonders deutlich geäußert hat: gegen diejenigen Personen die meinen dem Land helfen zu müssen, indem sie Kritiker zum schweigen bringen. Der portugiesische Russland-Korrespondent macht die steigende Wut über die westliche Arroganz und die aggressive Propaganda der russischen Medien mitverantwortlich für den Mordanschlag.

Nemzow hatte Proteste geplant, sicher. Es ist aber jedem bewusst, dass er keine wichtige Rolle innerhalb der Opposition spielte und auch nur wenige Anhänger hatte. Wer auch immer hinter dem Mord steckt, es war auf keinen Fall die Regierung. Zu deutlich waren Wladimir Putins Worte, die das Attentat verurteilten. Auch ist der Westen nicht direkt an einer Destabilisierung interessiert, da trotz der Propaganda die Verantwortlichen in der EU und den USA wissen, dass es zu Putin keine wirkliche Alternative gibt. Jahrelang hat der Dialog funktioniert und die Bemühungen der Geheimdienste des Westens zielten darauf ab, die Stimmen der Hardliner in Putins Nähe zum Schweigen zu bringen. Doch sollten sie lieber den eigenen Falken, Kriegstreibern und Brandstiftern einen Maulkorb verpassen, statt anderen dies vorschreiben zu wollen.

Wenn man also über seinen Tellerrand hinaus schauen kann und die Propaganda ausblendet, dann sieht man am Ende nur die Fakten. Das ist der Sensationspresse aber zu wenig und es passt auch nicht denen, die ihre Macht ständig vergrößern wollen. Aber Tatsache ist, dass die Schuldigen für Nemzows Ermordung für ihr Verbrechen bezahlen werden und die russische Justiz wird, unabhängig und immun gegen jeglichen Druck von außen ihre Arbeit tun. Bleibt zu hoffen, dass die Vernunft auch Frau Merkel und Herrn Obama besucht und aus dem Fall nicht weiterhin ein Propagandawerkzeug gemacht wird. Die Hoffnung besteht in den Medien des weit entfernten Portugal und sollte ein Beispiel sein für alle die sich zu leicht von der jeweiligen Propaganda beeinflussen lassen und dann, glauben zum Wohl ihres Landes Dinge tun zu müssen, die dann ihrer Regierung, ihrer Sache und ihrem Land nur Schaden.

Am Mittwoch will das Europäische Parlament übrigens über Nemzow und die "Demokratie in Russland" debattieren. Dass damit ausgerechnet ein EU-Gremium über die Demokratie in einem anderen Land debattiert, wo doch das ganze EU-System selbst jeglichem demokratischen System spottet, ist dann schon ein starkes Stück. Vor allem jedoch darf bei dieser Debatte wieder einmal die typische Arroganz erwartet werden, mit der Brüssel Russland schon seit langer Zeit abkanzelt.

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3 KOMMENTARE

  1. Für USA und NATO ist Putin nicht unumstößlich sondern vogelfrei.

    Und so haben sich diese Verplaner unserer Zukunft sehr wohl viel überlegt, wie sie nach Putins Entfernung Russland verwalten. Als absolute Frechheit wurde dem Chef des FSB Alexandr Bortnikow bei der diesjährigen Konferenz für Innere Sicherheit, zu der Obama Fachleute aus beinahe 70 Ländern nach Washington DC geladen hatte, alle Unterstützung des Westens und Israels angeboten, falls er mit einer grandiosen Inszenierung (es war nicht klar zu unterscheiden, ob nun "compost" oder "compose" gesagt wurde) um Nemtsov so eine Staatskrise herbeiführte, dass das Thema Putin irgendwie gefinished werden könnte.

    Zum Brutus neben Caesar Putin wollten sie Bortnikow machen, aber Bortnikow läßt sich von den größten Machtversprechungen nicht bestechen.

  2. Demokratie ist nur ein Vorwand. Man gibt uns das Gefühl, dass wir in Demokratie leben würden, und frei entscheiden würden. Was können wir frei entscheiden, alles aber nur das System, welches die Großen geschaffen zu haben, nicht. Eigentlich ist es wie bei den Löwen, sie fressen ihre Beute und überlassen auch etwas den Hyänen, damit sie nur denken, dass man sie respektieren würden….. und sie sich nicht später mal gegen die Löwen stellen würden.

    "Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlicherweise glaubt frei zu sein.""

     

     

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