Occupy Novo Banco – “Wir wollen unser Geld zurück!”

Immer wieder die Banco Espirito Santo. Der Skandal zieht riesige Kreise, zeigt wie sehr die Geschäftswelt vernetzt ist und wie die Banken immer stärker die Politik beherrschen und die Realwirtschaft vernachlässigen, um undurchsichtige, illegale und vor allem unmoralische Geschäfte zu finanzieren. Doch damit nicht genug. Um möglichst viel Geld zur Verfügung zu haben, lässt man seine Berater auch mal die eigenen Kunden übervorteilen. Jetzt ist die BES in eine "Bad Bank" und eine "Good Bank", die Novo Banco, unterteilt worden. Die geprellten Kunden, die dachten, sie hätten eine normale Geldanlage auf Zeit, hatten in Wahrheit Risikopapiere angedreht bekommen. Da der Zinssatz mit 3-5% nicht unverhältnismäßig groß war, schöpften die meist älteren Menschen, keinen Verdacht.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Die Angestellten der Novo Banco – die aus der Banco Espirito Santo (BES) hervorgegangen war um das Geld der Kleinanleger und die Konten von vielen tausend Kunden, die weiterhin ihre Gehälter bekommen, ihre Rechnungen bezahlen und ihre Kredite abstottern – wurden fast ausnahmslos von der BES übernommen. Sie gehen jeden Morgen zur Arbeit und fragen sich, ob sie heute an der Reihe sind. Ob heute eine Menschenmenge ihren Arbeitsplatz stürmt, mit der Presse im Schlepptau und mal mehr mal weniger aggressiv, aber immer gewaltlos, ihren Protest in die Hauptniederlassungen verschiedener Städte Portugals tragen. So manch ein Berater, der seinen Kunden erzählte, im Himmel ist Jahrmarkt, hat sich schon krank gemeldet, hat mit seinen Vorgesetzten eine Verabredung getroffen, wurde abgefunden oder wird schamlos erpresst, um nicht zu sagen, dass die Anweisung von oben kam. Die Anweisung? Die Anweisung, die Kunden über den Tisch zu ziehen, zu belügen, zu betrügen.

Stellen sie sich vor, sie haben 50.000 oder 100.000 Euro, die sie sicher aber einigermaßen gewinnbringend anlegen wollen, damit sie mit den Zinsen ihre miserable Rente aufbessern. Nun haben diese Menschen, ob bewusst oder unbewusst, die ehemalige "Bank des Regimes", der faschistisch-imperialistischen Diktatur des Estado Novo und des Dr. Salazar, ausgewählt, um ihr Geld zu verwalten. Wie so oft, gibt es auch hier – vor allem in der Mittelschicht, die einst auch die Stütze der Diktatur war – die Leute die meinen, gestern wäre alles besser gewesen. Dass genau diese immer so ordentlichen, pflichtbewussten und kompetenten Banker, sie jetzt betrogen haben, war ein schwerer Schlag. Diese Pseudofaschisten, die glaubten, "früher war alles besser", hatten schon einen Schock erlebt, als der Sumpf der Familie Espirito Santo, mit Ricardo Salgado im Mittelpunkt, aufgedeckt wurde. Doch jetzt stecken sie selber im Treibsand und die Regierung die Banken rettet und für die es nichts Wichtigeres gibt, als die Gläubiger der Staatsschulden, die Troika zu bezahlen, lässt sie dort in aller Ruhe untergehen.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Ein alter Spruch, den auch die Portugiesen kennen. Aber wenn der nette junge Mann oder die nette junge Frau doch alles so gut erklärt. Den seitenlangen, klein gedruckten Vertrag, der in Bankerisch geschrieben ist und den nicht einmal Anwälte lückenlos verstehen, liest doch kein normaler Mensch. Ältere Menschen haben sowieso Probleme. Dann bräuchten sie noch einen Übersetzer und einige können kaum mehr, als ihren Namen schreiben. Jahrzehnte lang konnte man der Bank vertrauen. Nach der Nationalisierung und der entsprechenden Reprivatisierung, war dieses Vertrauen schnell wiederhergestellt. Doch die Famielie Espirito Santo hatte ihre eigene Agenda. Verlorene Macht sollte wieder gewonnen werden. Die ersten Jahre der Demokratie waren sicher schwer für Leute, die es gewohnt waren, dass jeder den Buckel vor ihnen krümmte… "Ja Senhor Doctor, sofort Senhor Engenheiro"!

Im Laufe der Zeit haben sie die Politik infiltriert, gesponsert, beeinflusst. Das Geld brachte Macht, die Macht brachte noch mehr Geld und alles schien nach Plan zu laufen. Doch innerhalb der Familie gab es Streit. Die Herren wurden zu gierig und die Geschäfte immer obskurer. Die internationale Finanzkrise tat ein Übriges. Vor allem wurde immer mehr aufgedeckt, was bis dahin gut versteckt war und es sieht so aus, als hätte die Banco de Portugal hierbei eine dubiose Rolle gespielt. Jetzt sieht es so aus, als würde Portugals Zentralbank einen Rückzieher machen und die Novo Banco verpflichten, alle Betrugsopfer zu entschädigen. Doch die wenigsten können den Betrug auch beweisen, was als Voraussetzung für eine Entschädigung gilt.

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Also werden wir wohl noch viele Proteste sehen und auch Unternehmen, mit teilweise hohen Summen, schöpfen wieder Hoffnung. Wer weiß, ob die neue Regelung nicht für diese geschaffen wurde und die Kleinanleger nur als Vorwand gelten. Denn die Großen haben mit einem Heer von Anwälten im Rücken, beste Möglichkeiten entschädigt zu werden. Die Kleinanleger ihrerseits haben es schwer, irgend eine Form des Betrugs zu beweisen. Occupy Novo Banco wird wohl noch öfter auf der Tagesordnung stehen, sei es in Faro, Beja, Bragança oder einer anderen Stadt. Die Menschen wollen ihr Geld zurück. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

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5 Kommentare

  1. Geschieht den Zockern ganz recht, wenn sie ihr Geld einer Bank namens Espirito Santo hinterher werfen. Da zeichnete sich doch der Weg in die Bad Bank schon ab. Warum haben sie statt dessen nicht weiter Lotto gespielt?

    Die heutige Novo Banco ist wenigstens Mitglied im Einlagensicherungsfond und der NATO:

    http://www.weltsparen.de/angebote/novo-banco-1-jahr/#tab-id-4

    Ist O Último Banqueiro eigentlich als Fortsetzung Fernando Pessoas O Banqueiro Anarquista anzusehen? Falls ja, warum, falls nicht, warum nicht?

    http://www.fnac.pt/O-Ultimo-Banqueiro-Maria-Joao-Babo/a797514

     

  2. Mag böse klingen, aber sein Geld den Banken in den Rachen wirft, ist selber schuld. Blindes Vertrauen sollte man niemandem entgegen bringen, wenn es ums Geld geht. Und da, wo Zinsen winken, ist Misstrauen angesagt. Banken sind Finanzjongleure und spielen mit dem Geld Monopoly. 

    1. Nun würde ich dem ja auch zustimmen, wenn es da nicht ein paar alte Menschen gäbe, die es nun wirklich nicht besser wissen konnten. Selbst ein paar Jahre Arbeit in Luxemburg oder Frankreich haben ihnen nicht viel gebracht, weil sie kaum lesen oder schreiben können und meisst noch nicht einmal Französisch gelernt haben. Die keinerlei Bildung haben und so ein leichtes Ziel sind. Ständig hört man von Rentnerndie von "Sozialarbeitern" dazu gebracht werden, ihre "alten Euroscheine" gegen den "Neuen Escudo" zu tauschen…..!!! Wie leicht kann ein Banker, der allgemeinhin als eine "Vertrauensperson" dargestellt wird, so jemanden über den Tisch ziehen? Aber die ewig gestrigen tun mir auch nicht leid. 

  3. Gibt es da nicht ein altes Sprichwort? "Alter schützt vor Torheit" nicht. Ich weiss, dass ich da in meiner Ansicht nicht gerade "nett" bin. Nicht wissen ist auch gleich zu setzen mit "nicht wissen wollen". Dei älteren Herrchaften tun mir auf eine Art leid, andererseits – wer leichtgläubig handelt, ist eben auch selbst schuld. Wenn sie wollten, könnten sich sich informieren.

    1. Nun ja, ist halt nicht leicht, wenn in deinem Dorf niemand unter 70 lebt …. sind aber aussernahmen, kein Zweifel. Wir haben halt nicht alle die gleichen Vorraussetzungen. Vor allem Frauen wurden dazu erzogen, ihrem Mann zu gehorchen. Eine Frau musste vor der Revolution ihren Mann um erlaubnis fragen, wenn sie verreisen wollte oder den Führerschein. Es gab das Gesetz des "Familienchefs"… Eine andere Zeit, Mentalität, Realität. Schlimm ist, dass es, wie man es auch dreht, Betrugsopfer sind und nicht als solche behandelt werden. Das Fazit ist ja, dass die Banken und die Eliten insgesammt, lügen und betrügen dürfen, derweil ein Trickbetrüger umso schneller hinter Gitter ist, je reicher und einflussreicher sein Opfer. Auch hier leben die Täter weiter, fast unbehelligt und nur die grossen Unternehmen und Investmentgruppen, die völlig zurecht in der Bad Bank gelandet sind, mit viel zu grossen Gewinnmargen um behaupten zu können, nicht gewusst zu haben, dass es eine Risikoanlage ist, werden von der angekündigten Massnahme der Portugiesischen Zentralbank profitieren – ihre Anwälte haben schon die Strategie und die andere Seite hat schon das Geld für sie … Alles eine Fars, um die kleinen, die dachten nicht auf ihre letzten Tage noch betteln zu müssen, ein zweites mal übers Ohr zu hauen. Wie gesagt, man darf nicht veralgemeinern, wobei die wahren Opfer auch nicht in den Bankfilialen protestieren. Sie haben auch keine Anwälte…. Es ist halt keine SW-Welt … es gibt viele Abstufungen.

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