Europa: Ohne Niedrigzinsen und Geldschwemme droht der Schuldenkollaps

Bei aller berechtigten Kritik an der EZB-Geldschwemme und der Sorge um die Wertsicherung der Ersparnisse infolge der extrem niedrigen Zinsen darf man nicht vergessen, dass die meisten europäischen Volkswirtschaften hoffnungslos überschuldet sind. Die jetzige Finanzpolitik sorgt jedoch lediglich dafür, dass die Insolvenz des Kontinents verschleppt wird.

Von Marco Maier

Staatsschulden sind eine Sache, die Gesamtverschuldung von Volkswirtschaften eine andere. Doch schlussendlich muss jemand für die Zinskosten und die Tilgung aufkommen. Im Falle der Staatsschulden sind es die Steuerzahler und somit je nach Steuersystem unterschiedliche Bevölkerungsgruppen, bei den volkswirtschaftlichen Gesamtschulden verschiebt sich das Ganze wieder ein wenig.

Als Beispiel die Bundesrepublik Deutschland: Die Staatsschulden belaufen sich auf etwa 74 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), doch die volkswirtschaftliche Gesamtverschuldung selbst liegt bei 188 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Unternehmen und Privatpersonen tragen die restlichen 114 Prozent dazu bei. Im Falle Österreichs liegt die Staatsverschuldung bei etwa 87 Prozent des BIP, während die Gesamtverschuldung sogar schon bei 225 Prozent liegt. Das heißt: Unternehmen und Privatpersonen haben sich mit 138 Prozent des BIP verschuldet.

Schlimmer wird es, wenn man einen Blick auf die Krisenländer wirft. So weist beispielsweise Griechenland eine Gesamtverschuldung von 317 Prozent des BIP auf, womit dieses Land sogar noch besser da steht als die Niederlande (325 Prozent), Belgien (327 Prozent), Portugal (358 Prozent) oder Irland (390 Prozent). Das heißt: für diese Länder sind die niedrigen Zinsen sogar noch wichtiger als für vergleichsweise niedrig verschuldete Volkswirtschaften wie die Slowakei (151 Prozent) oder Tschechien (128 Prozent). Denn steigende Zinsen verursachen auch wachsende Kosten, die damit von der breiten Bevölkerung über direkte Zinszahlungen, Preise oder Steuern an die Finanzoligarchie abführen müssen.

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Effektiv ist es so: Je höher der Verschuldungsgrad einer Volkswirtschaft ist, umso größer wird schlussendlich der Anteil am erwirtschafteten Vermögen, der dann zu den Kapitaleignern fließt. Das ist das, was man auch als Umverteilung von unten nach oben bezeichnet. Durch die derzeit niedrigen Zinssätze ist es jedoch so, dass diese Geldströme zwar etwas langsamer fließen, damit jedoch der Schuldenkollaps hinausgezögert werden kann.

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Infolge der EZB-Geldschwemme und der Niedrigzinspolitik muss Portugal beispielsweise für seine 10-Jahres-Anleihen gerade einmal noch einen Zins von 1,8 Prozent pro Jahr zahlen. Länder wie Deutschland oder Österreich können sogar schon negative Zinsen verlangen und somit weniger Geld zurückzahlen als sie an Kredit aufnehmen. Dies entlastet zumindest die Staatshaushalte ein wenig. Auch für Unternehmen und private Kreditnehmer bringt das derzeitige Zinsumfeld günstigere Kosten in Sachen Schulden. An und für sich ist dies ein guter Zeitpunkt um Altschulden umzuschulden und sich so monatlich Geld zu ersparen.

Das Problem dabei ist jedoch, dass die Zinssätze früher oder später wieder steigen werden. Vor allem jene Staaten, Unternehmen und Menschen, die sich angesichts der derzeitigen Niedrigzinsphase scheinbar günstig verschuldet haben, werden sich dann ansehen. Steigt das durchschnittliche Zinsniveau auch nur von 2 auf 3 Prozentpunkte, wachsen die jährlichen Zinskosten beispielsweise für die Niederlande von 6,5 auf 9,75 Prozent des BIP an. Volkswirtschaftlich gesehen wird so etwas ein sehr teurer Schritt.

Vor allem muss man bedenken, dass die gesamtwirtschaftliche Verschuldung in einigen europäischen Ländern im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise enorm gestiegen ist. Von 2007 auf 2014 wuchs beispielsweise der irische Schuldenberg um ganze 172 Prozentpunkte (zum BIP) an. In Griechenland waren es 103, in Portugal 100 Prozentpunkte. Zum Vergleich: in Deutschland wuchs die Gesamtverschuldung um gerade einmal 8 Prozentpunkte an, in Österreich immerhin schon 29. Läge das Zinsniveau immer noch im Bereich von 2007, wäre der Kollaps schon längst da.

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Ohne eine Entschuldungsstrategie, welche die volkswirtschaftliche Verschuldung in Europa auf ein erträgliches Maß reduziert, wird es in wenigen Jahren ziemlich kritisch. Das sollten wir nicht vergessen. Denn davon sind nicht nur die Staatshaushalte betroffen, sondern genauso die Unternehmen und die Privatpersonen. Eine neue Wirtschafts- und Finanzkrise ist angesichts dieser Überschuldung lediglich eine Frage der Zeit.

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4 Kommentare

  1. Also ganz ehrlich, auch wenn ich kein Spezialist für Volkswirtschaft bin, greift mir der Artikel zu kurz.
    So, wie ich es verstehe, steht in unserem System jedem Vermögen grundsätzlich eine Schuld entgegen.
    Man könnte also ganz einfach argumentieren, daß in Deutschland die Gesamtvermögen, die Gesamtverschuldung
    weit übersteigen.
    Die Frage ist nur wie diese Vermögen verteilt sind.
    In unserem Geldsystem kann es also per Definition keine Zunahme von Vermögen ohne Zunahme von Schulden
    geben und umgekehrt.
    Eine Form der Entschuldung eines solchen Systems wäre die Währungsreform, diese kappt die Schulden, genauso wie die Vermögen.
    Aufgrund der Währungsunion steht dieser Weg den Griechen z.B. nicht zur Verfügung.

    Im Endeffekt ist ein Geldsystem nichts anderes als eine gesellschaftliche Übereinkunft und kein Naturgesetz.
    Vielleicht wird es irgendwann ein anderes Geldsystem geben.
    In diesem System ist eine Entschuldung jedenfalls per Definition nicht möglich.
    Wenn der Staat spart und die Privaten sparen, bricht das System einfach zusammen.
    Oder wer soll die Schulden halten, wenn alle entschuldet sind ?
    Das heißt umso effizienter und sparsamer die Deutschen werden, umso mehr Geld müssen sie in der Währungsunion an die anderen Länder zahlen.
    Stichwort: Binnennachfrage vs. Exportweltmeister

    Was Deutschland bräuchte ist ein Anstieg der Löhne der Binnennachfrage usw…

    Frankreich ist z.B. das größte Exportland Deutschlands.
    Jetzt kommt dann Merkel und die schwäbische Hausfrau auf die Idee, die Franzosen müssen sparen.
    Wozu wird das dann wohl führen ?

    Jemand der von sowas Ahnung hat verzeihe mir die einfache Darstellung, das Thema ist vielleicht auch etwas
    zu Komplex.
    Trotzdem hoffe ich, einen Gedankenanstoß gegeben zu haben.
    Das Thema ist spannend und man kann ja im Internet heutzutage so gut wie Alles dazu finden.

    Grüsse
     

    1. Jetzt kommt dann Merkel und die schwäbische Hausfrau auf die Idee, die Franzosen müssen sparen.
      Wozu wird das dann wohl führen ?
      ———————-
      Sparen ist schon korrekt wenn man vorher zuviel ausgegeben hat. Doch leider sind wir bereits an einem Punkt angelangt wo viel zu lange über die Stränge geschlagen wurde und jetzt plötzlich sparen? Viel zu spät. Wir sind bereits so tief im Sumpf (weltweit) das nur noch weiter Schulden machen wie bisher die letzte Möglichkeit ist und das bis zum bitteren Ende.

  2. Es gibt immer mehr Schuld als Vermögen. Und Schuld daran ist das ZinsenZins-System. In dem Fall empfehle ich meist die Erklärungen von "Mr. Dax" Dirk Müller sich einmal anzueignen. Klar ist die Verteilung des Vermögens ebenso desaströs wie auch das hemmungslose "Geld aus dem Fenster werfen" von Regierung, Wirtschaft und Privathaushalt. Der Kollaps steht wirklich bevor.

  3. Deshalb versucht die EZB mit Negativzinsen gegen zu steuern. Doch das funktioniert auch nur kurzfristig, denn Negativzinsen fördern die Geldhortung, was die Deflation verursacht bzw. verschlimmert. Lange wird das vermutlich nicht mehr gut gehen mit unserem Finanzsystem.

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