Ich bin ein moderner Mensch, fürwahr. Ich lebe, wie es sich gehört, im Hier und Jetzt. Ich komme meinen Pflichten nach und genieße die Privilegien, die ich mir so hart erkämpft habe. Privilegien, ein seltsames Wort. Ich habe das Recht fern zu sehen, weil ich mir mal einen Fernseher leisten konnte. Doch nun steht der nur herum und wird kaum mehr beachtet. Armer Fernseher. Aber haben wollen ist das Gebot, dass es damals so wichtig machte diesen Fernseher zu besitzen. Ich bin modern, ich habe einen Flachbildschirm. Heureka? Was tue ich nun damit? Aber ich bin immer noch modern, denn ich habe auch ein Telefon. Ein schnurloses, mobiles. Und gelegentlich wird es sogar benutzt. Und es ist so modern, dass ich es ebenfalls noch als Wecker missbrauchen kann. Welch Luxus mir doch diese Zeit bietet.

Von Marcel Grasnick

Was ebenfalls zu meinem "Besitz" gehört, ist ein PC. Ok, den nutze ich sehr oft. Kommunikation ist alles und meine Freunde haben auch alle einen, irgendwie. Und schon kann ich mit allen aus aller Welt reden. Doch die Welt redet nicht mit mir. Was ist da bloß los? Warum teilt sich mir die Welt nicht mit? Ich habe doch E-Mail, Facebook und mehr. Und ich kann das alles sogar von meinem Handy aus nutzen, so dass ich jederzeit erreichbar bin. Und doch erreicht mich nicht die Welt. Aber wenn ich selbst einen Blick in diese werfe, so spare ich mir das Reisen und kann mir alles betrachten, was ich will. Einmal durch die ganze Welt, in Sekunden hin und wieder zurück, in meinen Sessel. Und dann habe ich doch tatsächlich noch festgestellt, dass man mit dem Handy auch telefonieren kann! Welch Wunder der modernen Technik. Ja, ich lebe im Hier und Jetzt.

Darf es ein wenig mehr sein? Na klar, das Handy in größerer Größe. Nennt sich dann "Tablet". Nein, nicht Tablett, man kann darauf keinen Kaffee abstellen. Können schon, nur tun sollte man es tunlichst nicht. Und von Tablette leitet sich das auch nicht ab. Ein zu kleiner Computer oder ein größeres Handy, so könnte man es nennen. Ein must have für den modernen Mensch von heute. Es ersetzt soviel Dinge des täglichen Bedarfs. Nur Kaffee kochen kann es nicht. Noch nicht.

Man muss eben mit der Zeit mitgehen und mitnehmen, was möglich ist. Sich das Leben bequem und einfach gestalten, damit mehr Freizeit bleibt für das Hobby. Moment einmal, das Hobby sind doch mittlerweile diese ganzen technischen Erfindungen der Neuzeit. Neuland, willkommen im hier und jetzt. Willkommen im modernen Leben, dass das Leben bestimmt. Willkommen, Sklave der Zivilisation.

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Damals war's…

Zivilisiert waren wir Menschen früher auch schon. Auch ohne Fernseher, Handy, Tablet, Computer und Internet. Ohne ständige Erreichbarkeit waren wir doch irgendwie immer erreichbar. Gewiss, die Reichweite war nicht so enorm groß. Ein Pferd konnte ein nur eine gewisse Strecke in einer gewissen Geschwindigkeit zurücklegen. Und außerdem war es noch absolut umweltfreundlich. Biologisch abbaubar, wie auch seine Abgase und Abfälle. Und die Dauer der Nachricht war ebenfalls enorm, aber war das wirklich so schlimm?

Kunst, Kultur, Sitte und Anstand waren früher genauso verbreitet wie heute. Das Gegenteil davon ebenfalls. Gelogen wurde gestern, gelogen wird heute und gelogen wir auch morgen noch. Es gab den Puff in Rom genauso wie das Bordell heute in jeder größeren Stadt und in vielen kleineren Städten auch. Die einzige  Weiterentwicklung gab und gibt es in der Technik der Deviation.

Doch warum erfreuen sich die Mittelaltermärkte immer größerer Beliebtheit in den letzten Jahren? Warum erstarken die alten Naturreligionen? Warum sitzt der Mensch immer noch gern vor dem offenen Feuer, in Gespräche vertieft? Zurück in die Vergangenheit führt der Weg vieler, philosophisch wie auch tatsächlich gelebt. Zurück zu den Ursprüngen, als der Mensch noch der Sklave seiner selbst war und nicht der Sklave der Technik, die das Leben beherrscht. Wir sind alle Opfer unseres Fortschritts, irgendwie. Denn wir brauchen immer noch 2 Stunden für die Wäsche wie die Frauen damals.

Der Gedanke drängte sich zwischendurch auf, dass die Menschen damals in kriegerischen Handlungen unzivilisierter waren und mit Todesurteilen um sich geworfen haben, Kriege geführt und dergleichen mehr an schmutzigem Geschäft. Doch sind wir heute besser? Folter hier, Hände abhacken da und gesteinigt wird immer noch. Wir schreiben uns die Menschlichkeit auf die Fahnen und dennoch ist und bleibt der Krieg ein schmutziges Geschäft, sogar schmutziger als noch vor tausend Jahren. Giftgas, Atom und biologische Kampfstoffe – das ist doch barbarischer als es die Barbaren je waren. Zivilisten leiden unter den Kriegen wie eh und je, heute gibt es dafür nur noch einen zivilisierten Ausdruck: Kollateralschaden. War denn damals, ohne die ferngesteuerte Kriegsführung, wirklich alles barbarischer? Lieber ein ehrliches Schwert in der Brust als eine ferngesteuerte Bombe, die alles zerfetzt. Oder Giftgas, das heimtückisch ermordet. Wie unzivilisiert wir Menschen doch geworden sind und nicht aus der Geschichte gelernt haben. Wir leben für die Mächtigen und wir sterben für die Mächtigen. Das war schon immer so. Und wird wahrscheinlich auch so bleiben. Leider.

Und all die technischen Hilfsmittel werden auch als Werkzeuge des Todes genutzt. Das Papier wie eh und je schon als Meinungsmacher. Mittlerweile unterstützt von Fernseher, Radio und Internet. Und doch hat unsere Zeit einen Vorteil: Wir haben nun die Möglichkeit, uns selbst zu informieren. Sapere aude!

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