Portugiesisches Polizeiauto. Bild: Flickr / Pedro Ribeiro Simões CC-BY 2.0

Seit langem schon besteht eine Art ”Kriegszustand” zwischen Polizei und den Jugendlichen, die in den ”Bairros Sociais”, den sozialen Brennpunkten in Portugals Städten, die Gangkultur als Vorbild haben und wo Drogenhandel, Prostitution und (oft gewalttätige) Kriminalität als einzige Lebensweise gilt, ohne sich einem ungerechtem System zu Unterwerfen. Nach der Revolution und der Entlassung der ehemaligen Kolonien in die Unabhängigkeit, sah sich Portugal mit einem Strom von Rückwanderern konfrontiert, die dem Krieg und nachfolgendem Bürgerkrieg entfliehen wollten. Nicht nur weiße Siedler, die alles verloren haben und mal zu recht mal zu unrecht als Sklaventreiber bezeichnet wurden, sondern auch viele Afrikaner kamen nach Portugal und standen vor dem Nichts. Es ging ihnen dabei nicht um ein besseres Leben, sondern ums nackte Überleben.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Die vielen Flüchtlinge aus Angola, Mosambik und Guinea-Bissau, kamen in ein Land, das Frei war, aber extrem verarmt. Die farbigen Afrikaner fühlten sich nach über 500 Jahren und entsprechender nationalistischer Erziehung als Portugiesen. Sie mussten fliehen, weil sie nicht desertiert sind, wie viele ihrer Kollegen – andere farbige Soldaten – als der Krieg ausbrach. Manche waren einfach nur mit Weißen befreundet oder gar verheiratet oder sind nur zwischen die Fronten geraten, als Marxisten und Kapitalisten nach der Unabhängigkeit gegeneinander kämpften. Es waren schmutzige und äußerst brutale Kriege, die die Menschen zur Aufgabe ihrer Heimat zwang. So viel also zu geschichtlichem Hintergrund und zu einem Teil des Puzzles der Gewalt.

Die Flüchtlinge trafen auf Menschen die nach der Flucht der Großindustriellen, Banker und Großgrundbesitzer ohne Arbeit waren und in die Städte, vor allem Lissabon und Porto, kamen um ihr Glück zu suchen. In den ständig anwachsenden Blechhütten, vor den ”Toren der Stadt”, lebten aber seit eh und je die ”Ciganos”, die Zigeuner, die oftmals ihren Lebensunterhalt auf den Märkten verdienten oder von Dorffest zu Dorffest zogen, mit ihren Buden und Karussellen. Doch war diesem Volk immer schon ein schlechter ruf zu Eigen, der von manchen gar genutzt wurde, um gefürchtet zu werden derweil andere dieses Dogma abzulegen versuchen und dabei Aspekte ihrer Kultur bei behalten wollen, die sich nicht mit den bestehenden Gesetzen Portugals ”beißen”.  Aber was hat das mit der Überschrift zu tun?

Der geschichtliche Hintergrund der Bairros Sociais, welche die Slums der 60er und 70er Jahre ersetzen sollten und auch haben, ist hier wichtig, um zu verstehen, wieso es so viel Gewalt dort gibt. Es ist nicht mit den Favelas in Brasilien zu vergleichen, aber es ist manchmal nah dran. Denn als man Zigeuner, Afrikaner und gescheiterte Existenzen zusammenpferchte, sich aber nicht darum kümmerte, den Menschen eine Arbeit, Schule und ein Mindestmaß an Würde zu geben, sorgte man für eine schöne Fassade, hinter der aber tonnenweise sozialer Sprengstoff lagert. Denn die verschiedenen Gemeinschaften leben teilweise in ihren ganz eigenen Welten. So geschieht es des öfteren, dass sich die verschiedenen Gangs gegenseitig bekämpften. Schusswechsel, zunächst zwischen Angolanern und Zigeunern und schließlich zwischen der Polizei und allen Bewohnern des Bairro.

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Einer der schlimmsten Bairros liegt in Lissabons Satellitenstadt Amadora. Der “Cova da Moura” ist berühmt-berüchtigt für seine Wildwest-Zustände. Das heißt, eigentlich wurde schon viel getan, um der Jugend in unzähligen Projekten eine Zukunft zu ermöglichen. Ob sie jetzt rappen oder Graffiti als Kunstform verwenden, Sport treiben oder in Tanzgruppen, Folklore und Kunstformen ihrer Ursprungsländer kennen lernen oder Capoeira in ihrer Freizeit machen. Unterstützung in Schule und Beruf, wird von Sozialarbeitern in meist durch private Spenden finanzierte Projekte gefördert. Genauso verhält es sich mit den “weg von den Drogen” Initiativen, welche die jungen Leute in die Staatlichen Programme weiterleitet, die (noch) ganz gut funktionieren. Ein Projekt wird von Jugendlichen mit geleitet, die selber schon aus dem Sumpf von Drogen, Gangs und Gewalt ausgebrochen sind und inzwischen studiert haben oder noch studieren. Die Konfliktbewältigung.

Immer wenn ein Streit vom Zaun bricht, sind sie da und bieten ihre Hilfe an. Wie gesagt, bürgt die Nähe so vieler verschiedener ethnischer Gruppen, sehr viel Zündstoff. Doch sie werden von allen respektiert und als Schiedsrichter akzeptiert. Das heißt, leider nicht ganz von allen. Aus Gründen, die man nachvollziehen mag oder nicht, sind die Polizisten der umliegenden Reviere für ihre brutale Vorgehensweise bekannt. Selbstschutz oder auch Rachegefühle für Kollegen, die “in Ausübung ihrer Pflicht” dort erschossen oder auch schwer verletzt wurden? Oder die üblichen Überlegenheitskomplexe und rassistische Ressentiments? Wie auch immer.

Als letzte Woche eine Streife einen Jugendlichen kontrollierte, lief das Ganze aus dem Ruder. Eingeschüchtert, kam der Junge ihnen suspekt vor und sie warfen sich auf ihn. Nicht, das er noch eine Waffe zieht, oder so… Als das Volk wie üblich darauf reagierte, steckte man den jugendlichen Afrikaner in das Auto und nahm ihn mit auf die Wache. Da musste er wohl dafür bezahlen, dass einige aufgebrachte Bewohner mit Steinen warfen und er bekam eine Kostprobe der Qualitätsarbeit der Polizeistiefel zu spüren. Der erste Fehler der Beamten, die sonst immer mit solchen “Stressabbaumethoden” davon kommen.

Denn sie hatten kein Gangmitglied oder Drogendealer, keinen Taschendieb, Junkie, Vergewaltigter, den sie mit auf die Wache genommen haben, um sich ein Späßchen mit dem “Preto” zu machen. Er ist einfach nur ein Schüler, der zur falschen Zeit am falschem Platz war. Seine Freunde aber, von dem Verein “Moinho da Juventude” beschlossen nach ihm zu sehen um sich ein Bild von der Lage zu machen. Als sie in der Wache fragten, was ihrem Freund den vorgeworfen wurde, wurden sie sofort angefeindet. Ein Missverständnis? Nein. “Wir haben keinerlei aggressives Verhalten an den Tag gelegt. Keinen Slang gesprochen, den sie missverstehen könnten und fragten ganz höflich, wie es uns zu eigen ist, was denn unserem Freund zur Last gelegt werde.” Die Antwort darauf war die gleiche, wie sie schon ihr Freund bekommen hatte. Der aufmerksame Leser merkt schon, dass es hier wieder um die Qualität des portugiesischen Schuhwerks geht. Doch hat diesmal hatte man auch den Effekt der Gummigeschosse ausgetestet, wenn diese aus nächster Nähe auf dunkle Haut abgefeuert werden.

Nach einer erholsamen Nacht in netter Gesellschaft wurden die Jugendlichen der Haftrichterin vorgeführt und mussten sich dann anhören, wie sie angeblich die Wache gestürmt hätten um ihren Freund zu befreien. Die Richterin hat natürlich der Version der Beamten glauben geschenkt, so dass sich die Jugendlichen jetzt auch noch regelmäßig in der “Folterkammer” melden müssen. Kein Anwalt, kein Anruf, keine Gerechtigkeit. Die Liste der Menschenrechtsverstöße ist endlos und alle Augen werden auf diese Polizisten, die Staatsanwaltschaft und die Richter schauen.

Eine Demonstration vor dem Parlament führte dazu, dass die Parteien die links von der PS im Parlament sitzen, eine Delegation von der Plattform SOS-Racismo und der Jugendlichen empfing. Auch die Presse hat sich der Geschichte angenommen, da es immer wieder zu Übergriffen und zu unangemessener Gewalt seitens der Polizei kommt. Doch wo es sonst “Verbrecher” trifft und so manch einer meint, “richtig so!” oder “der hat es auch nicht besser verdient”, haben sich die Uniformierten diesmal die falschen Opfer ausgesucht. Nicht nur in den USA gibt es also diese Übergriffe mit rassistischem Hintergrund. In Europas Wilden Westen haben wir die gleichen Probleme, wie die Sheriffs in Texas, Alabama und so weiter. Bleibt zu hoffen, dass nach diesen polizeilichen Fehlverhalten die Leute aufmerksamer werden und SOS-Rassismus und dergleichen die Missstände auch weiter publik machen.

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1 KOMMENTAR

  1. Was heisst den "polizeiliches Fehlverhalten"' ? Die neue Eu – Polizei wurde Europaweit im Geheimen aufgebaut, um alle Arten von Bürgeraufständen und Demonstrationen niederzuknüppeln. lest mal den Vertrag von Lissabon. Die EU Bilderberger Clique kann für kein Morden oder anderes Unfecht zur Rechenschaft gezogen werden. Sie haben das gut geregelt – ein für allemal und " der blöde Bürger " hat NICHTS DAVON GEMERKT.

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