Donbass: Gibt es ein Leben nach dem Krieg? (Teil 3)

Der Krieg in der Ukraine sorgt für Tod, Leid, Zerstörung und unermessliche Angst. Was die Zukunft bringen mag, weiß niemand. Diese mehrteilige Artikelreihe soll einen Einblick in die Geschehnisse gewähren, einen Überblick verschaffen und Verständnis für jene Menschen wecken, die sich gegen eine illegitime Regierung wehren welche für die Menschen im Donbass nur Verachtung übrig hat. Dies ist der zweite Teil einer Artikelreihe, die sich diesem Thema widmet. Den ersten Teil finden Sie hier, den zweiten hier.

Von Michail Bondar; Übersetzung Solveigh Calderin

Unter den gegenseitigen Beschüssen leiden nicht nur die Siedlungspunkte, irreparable Schäden trägt auch die Natur davon. So schlug im Laufe der Bombardierung eine Granate in ein Schlammbecken ein und der gesamte Abfall gelangte in den Fluss Lugan. Im Ergebnis gibt es heute an den Ufern des Flusses einen beständigen chemischen Geruch, der sich mit dem Geruch des verreckten und verwesenden Geflügels mischt, das den Lugan bevölkerte, der Abfall aber wird weiter abgetrieben, geht in das Grundwasser und verseucht alles Lebende in der Nähe des Flusslaufes. Jedoch kümmert sich niemand um diese ökologische Katastrophe, denn den örtlichen Einwohnern reichen kaum die Kräfte, ihre zerstörten Häuser zum wiederholten Mal soweit wiederherzustellen, dass sie, wenn schon nicht fürs Leben, so wenigstens für die Übernachtung brauchbar sind.

Dem Schicksal der örtlichen Einwohner wurden nicht nur Entbehrungen, die mit den Bombardierungen verbunden sind zuteil, sondern auch der Terror von Seiten der gegeneinander kämpfenden Seiten. Praktisch jeder Einwohner der Gebiete in der ATO-Zone, die sich unter irgendeiner Kontrolle der ukrainischen Seite befand, kann über Ausplünderungen, Vergewaltigungen, Prügel oder Erniedrigungen sowohl von Seiten der ukrainischen Freiwilligenbataillone, die hier den Beinahmen „Strafgruppen“ erhielten, wie auch durch die reguläre Armee erzählen. Es ist eine bezeichnende Geschichte, wie einer der „Bestrafer“ auf Kinder zielte, während er die Eltern zwang die Hand zum faschistischen Gruß zu erheben und zu schreien: „Ruhm den Helden“ („Ruhm der Ukraine“ – „Ruhm den Helden“ ist der Gruß der ukrainischen Aufstandsarmee [UPA – Anm. d. Ü], die in den Reihen der hitlerschen Wehrmacht kämpfte.) Es gibt den Verdacht, dass es den „Befreiern“ vollkommen reichte, dass die Söhne der friedlichen Einwohner an der Seite der „Separatisten“ kämpfen, um die Eltern zu erschießen. Von der eigenen Anwesenheit der Territorien „befreit“, hinterließen die Kämpfer der ATO verminte Körper der Milizen, aber auch schlecht getarnte Massengräber, in denen die Körper nicht nur der in Kriegsgefangenschaft geratenen und dann umgebrachten Milizen, sondern auch friedliche Einwohner verscharrt sind. Viele von ihnen tragen die Spuren brutaler Schläge. Einige dieser Fakten wurden durch internationale Organisationen anerkannt, viele bleiben zweifelhaft. Übrigens sind denjenigen, die in der Erde liegen, die durch „politische Opportunität“ produzierten Zweifel gleichgültig.

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Es geschieht hier auf jede Art. Der Wert des Lebens, das Verständnis für Gerechtigkeit ändert sich an den Berührungslinien der gegeneinander kämpfenden Kräfte markant. In einem Dorf in der Nähe des bereits erwähnten Kirowsk ereignete sich in diesem Winter so eine Geschichte. Örtliche Bewohner füllten am späten Abend den Unterstand der zweiten Linie der Verteidigung der Milizen – tranken mit den sich erholenden Kämpfern, sagten „auf das Leben“… Ein örtlicher Einwohner, ein Anhänger Kiews, ein ganz junger Kerl, nutzte die Unbekümmertheit, öffnete die Tür des Unterstandes ein wenig und warf eine Granate hinein. Es gab viele Leichen. Die hinzulaufenden Milizen erschossen den Jungen.

Die örtlichen Einwohner weigerten sich wegen der Tat ihn zu beerdigen und warfen den Körper in die Schlucht, wohin sie seit dem Beginn der Kampfhandlungen den Abfall warfen (die Kanalisation war zerbombt). Über den Getöteten erzählten sie auch diese Geschichte: Die Wasserleitung im Dorf war durch die ukrainischen Granaten schon lange zerstört. Als einzige Wasserquelle blieb der Bach, wobei es nur an einem Ort möglich war, es zu entnehmen. Und so hat das Jüngelchen die ukrainischen Kämpfer an den Bach „herangeführt“, und die haben den periodisch beschossen und brachten friedliche Einwohner um. Nach ein oder zwei Tagen hatten die verwilderten hungrigen Hunde den Körper bis auf die Knochen abgenagt.

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Die Handlungen der Milizen heben sich auch nicht immer durch bedingungslose Großzügigkeit ab. Den einfachen Soldaten ist es verboten die örtliche Bevölkerung durch Erschießungsdrohung zu drangsalieren. Obwohl das Gesetz streng eingehalten wird, gelingt es nicht vollkommen, Plünderungen zu vermeiden. So erzählt der Einwohner der Stadt Anthrazit Grigorij: „Sie kamen zu viert. Sagten, dass sie Lebensmittel für die Kantine benötigen. Sie nahmen praktisch alles aus dem Keller, was da war, 4.000 Griwna, und gingen. Ich ging zum Kommandeur um zu fragen, wie ich denn nun weiterleben sollte, wenn die Sachen weggenommen sind, aber der sagte vollkommen unschuldig, dass er nicht wisse, wer das war.“

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In den Gebieten des Donbass, die durch das ukrainische Militär besetzt sind („befreite Territorien“ werden sie in Kiew genannt; „unser Land, das zeitweilig durch die Banderowzen okkupiert ist“ wird im Donbass betont), marodieren die Soldaten manch liebes Mal, nehmen Autos mit, plündern. Gerade dafür sind die aus faschistischen Nationalisten bestehenden so genannten Freiwilligenbataillone bekannt, die von den örtlichen Einwohnern Bestrafer genannt werden. Aber Plünderungen gibt es auch auf dem Territorium der selbsternannten Republiken, wobei das oft die örtlichen Einwohner selbst betreiben. Die Bewohner des Donbass erinnern sich: „Als erstes gingen die besonders Flinken in die Autosalons und die Geschäfte für Haushaltsgeräte. Danach ging die Sache bis zu den kleinen privaten Geschäftchen. Geschlossene Bergwerke, Betriebe – dort gab es auch etwas, was man abzweigen konnte“… Aber hier sind die Strafen für das unbefugte Eindringen in verlassene unbeschädigte Häuser sehr streng, sowohl für die Milizen als auch für die friedlichen Einwohner. (Weiter auf Seite 2)

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