Donbass: Gibt es ein Leben nach dem Krieg? (Teil 2)

Der Krieg in der Ukraine sorgt für Tod, Leid, Zerstörung und unermessliche Angst. Was die Zukunft bringen mag, weiß niemand. Diese mehrteilige Artikelreihe soll einen Einblick in die Geschehnisse gewähren, einen Überblick verschaffen und Verständnis für jene Menschen wecken, die sich gegen eine illegitime Regierung wehren welche für die Menschen im Donbass nur Verachtung übrig hat. Dies ist der zweite Teil einer Artikelreihe, die sich diesem Thema widmet. Den ersten Teil finden Sie hier.

Von Michail Bondar; Übersetzung Solveigh Calderin

Im Südosten gab es keine Atom-Katastrophe, aber es gab einen Krieg, der immense Zerstörungen, heftige Verschlimmerung der Ökologie, endloses Leid für die friedlichen Bewohner mit sich brachte. Von der Tschernobyler Sperrzone unterscheidet sich die südöstliche Ukraine äußerlich darin, dass hier Passanten zwischen den Trümmern hin- und hereilen, Kinder mit Maschinengewehrhülsen spielen und in den Schlangen immer mehr Invalide stehen. Außerdem wird nach Meinung vieler hochstehender Personen auch die Anzahl der in den Bezirken der ATO-Zone betroffenen Bewohner im Verlauf der Zeit, ähnlich wie im Tschernobyler Territorium, zunehmen. Die Wiedererrichtung vieler Siedlungspunkte wird teurer, als neue zu bauen, so werden sie am ehesten von den Menschen verlassen, wie auch die Tschernobyler Zone. Aber die starke Verminung der Territorien wird das Leben für viele Jahrzehnte auf allen Ebenen des Widerstands der Milizen und der Kämpfer der ATO erschweren.

Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden, um den Südosten der Ukraine heute zu beschreiben. Sehr stark wirkten auf mich die überall sichtbaren Spuren des normalen Lebens, das buchstäblich innerhalb von Tagen aufhörte. Da ein zerstörtes Haus, von dem nur die Räume ohne die Zwischendecken übrig blieben, aber auf der Fensterbank blieben durch irgendein Wunder die blühenden und eingefrorenen Blumen in den Töpfen unbeschädigt – schweigende Zeugen, dass hier noch gestern Menschen wohnten. Wo sie sind – unter den Trümmern oder auf der Flucht, niemand kann das mit Gewissheit sagen. Aus einem anderen zerstörten Haus ertönt Klopfen – das heißt, dass die Hausherren nicht selbst aus dem Keller herauskönnen, in dem sie sich vor dem Beschuss versteckt haben, weil die Trümmer ihres Hauses den Ausgang versperrten. Gut, wenn es jemand gibt, der es hört. Zwischen den Ruinen des dritten Hauses sind Teile zerstörter menschlicher Körper zu sehen – hier hatten die Bewohner wesentlich weniger Glück. Wenn man sich auf dem Rest dessen bewegt, was früher ein Chausseeweg war, kann man an den Seiten Fragmente verbrannter Verteidigungstechnik unterscheiden, auf den Feldern, wo gestern Weizen und Sonnenblumen wuchsen, „erwachsen“ jetzt düster schnell eingeschlagene Kreuze – Zeugen vor kurzem stattgefundener erbitterter Kämpfe. Apropos, wesentlich häufiger wurden die Gefallenen in ein großes und flaches Massengrab oder einfach ins Wasser geworfen – es war keine Zeit oder Kraft zur Beerdigung. Und zwischen all dem Wahnsinn geht das Leben weiter. Die Menschen gewöhnen sich an alles…

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Tatjana, Studentin der Charkower Universität, deren Eltern in Donezk leben, erinnert sich an ihren Besuch bei der Familie: „Ich dusche mich. Plötzlich ein furchtbarer Lärm, das Licht geht aus. Das Haus erzittert – ich musste mich an der Wand festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Aus der Küche ist das Geräusch klirrender Glasscherben zu hören. Nach einer Minute kommt Vater ins Bad. Er sagt: „Alles ist gut. Wir leben.“ In der Angst springe ich aus dem Bad und sehe Mutter, wie sie unerschütterlich das Gemüse für den Salat schneidet und den Vater, der philosophisch aus dem Fenster schaut, auf das gerade eben zerstörte Geschäft, in dem er buchstäblich vor zehn Minuten eben dieses Gemüse kaufte, das die Mutter schneidet.“

Für die Verwandlung des Südostens der Ukraine in Ruinen legten sowohl die Kämpfer der ATO wie auch zu einem gewissen Teil die Milizen Hand an. Tatsächlich beschuldigt die Bevölkerung des Südostens fast vollständig vor allem die ukrainischen bewaffneten Kräfte. Tägliche Bombardierungen von Donezk und der Vororte, die durch die Kräfte der ATO durchgeführt werden, forderten tausende Leben und radierten eine große Anzahl Häuser und sogar ganze Siedlungspunkte vom Angesicht der Erde aus. Von den in der Nähe von Pjeskow und Awdejewka gelegenen blieben zum Beispiel nur Markierungen auf den Landkarten.

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Aber die abgebrannten und in Ruinen verwandelten Bezirke der ATO-Zone – das sind oft Spuren von Kampfhandlungen die Partisanenkämpfen ähneln. Wie ein Bewohner der heute praktisch vernichteten kleinen Stadt Kirowsk erzählt, beschießen die Milizen an den Stadtgrenzen die Positionen der ATO. Bis das schwerfällige System der Befehlsüberbringung und seiner Ausführung innerhalb des ukrainischen Stabes zurückkehrt, haben es die Milizen schon geschafft, ihre Positionen zu verändern, aber der Massenbeschuss mit dem wahrscheinlichen Ziel, den Gegner „einzudecken“, wird mit viel Material auf die Häuser der friedlichen Bewohner geführt bis die regulären Kämpfer einen gegenteiligen Befehl über die Beendigung des Feuers „zurück erhalten“. Übrigens können selbst die wenigen Unterstützer der ukrainischen Seite, die in der ATO-Zone leben, keine Entschuldigungen für das Benutzen von Phosphor- und Kassettenbomben gegen die Wohngebiete der südöstlichen Ukraine durch die regulären Kämpfer finden.

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