Portugals Ukrainer angewidert von Naziaufmarsch in der alten Heimat

In Portugal lebt eine große ukrainische Gemeinde, die sich mit den ebenfalls zahlreichen Russen, Weißrussen und Moldawiern bestens verstehen und sich gut in die offene Portugiesische Gesellschaft eingegliedert haben. Der Krieg in der Ukraine hat zwar einigen Freundschaften zwischen Russen und Ukrainern einen Dämpfer verpasst, aber fast alle sind sich einig, dass die Rechtsextremen nicht Gutes bringen und gestoppt werden müssen. Zum Wohle aller und im Namen des Friedens.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Yuri und "Marat" kamen 2004 als Erntehelfer nach Portugal, arbeiten aber inzwischen bei einem Bauunternehmen, haben Frau und Kinder nachgeholt und nicht nur die Sprache in Rekordzeit gelernt, sondern auch die Mentalität ihrer neuen Nachbarn angenommen. Yuri kommt aus einem kleinem Dorf bei Lviv (Lemberg), hatte große Hoffnungen für sein Land und wünscht sich noch immer, dass die Demokraten aus der Maidanbewegung, die Rechtsextremisten und die Wirtschaftsmafia, die seiner Meinung nach schon immer die Politik unterwandert und sich auch die Unzufriedenheit der Menschen zu nutzen gemacht haben, indem sie die anfangs friedlichen Proteste der Menschen zu ihrem Sprungbrett an die Macht verwendeten, zum Teufel schicken.

Für Marat – dessen Kollegen vom Hallenfußball ihm diesen Spitznamen, nach dem russischem Nationalspieler Marat Nailevich Izmailov, der in Portugal für Sporting Lissabon und dem FC Porto spielte aber letztlich vom Heimweh überwältigt wurde, gaben – ist es nicht einfach, über das Thema Ukraine zu reden. Dennoch kam er und traf sich mit uns im Café Renascer (Wiedergeburt), da auch er einen Beitrag zur Aussöhnung leisten möchte. Unser russischer Freund kommt aus der Region um Rostow und wollte nicht mit Namen genannt werden, da er Freunde auf beiden Seiten des Konflikts hat und keinen vor den Kopf stoßen möchte. "Ich weiß nicht, wie es so weit kommen konnte, dass meine Freunde jetzt aufeinander schießen, einander töten wollen", sagte er mit trauriger Miene. "Wir haben uns nicht einmal um die Mädels geschlagen, ja kaum gestritten und meiner Meinung nach gibt es kaum etwas, was wichtiger sein könnte als die Liebe."

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"Darauf trinke ich, mein Freund…", meinte Yuri und ich dachte in diesem Moment, was wohl die wahren Gründe dieses blutigen Bruderstreites sind. Es kann ja nur die übliche Gier nach Geld und Macht sein, die manche Menschen vergessen lässt, was wirklich zählt. Freundschaft, Liebe, Kooperation und voneinander lernen. Nur so, kann die Menschheit profitieren!

Yuri kam auf das Thema zurück, das uns bei einem Glas Bier zusammengebracht hatte. "Ich hatte ja schon viel von dem Einfluss der Rechtsextremen gehört, aber was ich da in den Nachrichten sehen musste …" Sein Schweigen sprach Bände. "Letztlich geben diese Chaoten, diese Rechtsextremisten, Nazis, Hurensöhne, diese… Sie geben Putin doch recht, wenn sie einen bekannten Kriegsverbrecher verherrlichen." Damit meinte er Stepan Bandera, der eng mit den Nationalsozialisten zusammenarbeitete.

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Marat seinerseits schüttelte den Kopf und meinte nur: "Putin? Nur weil die Nazis, in der Ukraine, Narrenfreiheit genießen, gibt es Vladimir noch lange nicht das Recht, die Nationalisten in meinem Volk mit Waffen und so 'nen Scheiß zu unterstützen und…", wieder dieser Blick, diese sorgenvolle, traurige Miene. Nach einem Seufzer und einem großem Schluck Bier, fuhr er fort: "Ich glaube, dass Vladimir Putin einen viel zu hohen Preis zahlen muss, um sich die Unterstützung von Kirche, Wirtschaft und Militär, zu sichern." Ich war erst einmal sprachlos.

"Nur um das noch mal  klar zu stellen. Willst du damit sagen, dass Vladimir Putin nicht mehr das Sagen hat?" Diese Aussage, von jemanden, der aus Russland kommt, dort Familie und Freunde hat, gebildet, interessiert und informiert ist, hat mich überrascht. Ich war schließlich immer davon überzeugt, dass Putin größtenteils alleine herrscht.

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"Niemand herrscht alleine." Antwortete er lapidar. "Ich will damit nur sagen, dass, auch wenn er nicht wie die westlichen Politiker völlig im Bann der Wirtschaftsinteressen und anderer Lobbys steht, hat er im Laufe der Zeit an Macht verloren. Er hat das Militär gestärkt, wegen Tschetschenien, dem Kaukasus und der arroganten Expansionspolitik des Westens, hat er ein Monster geschaffen, dass er jetzt nicht mehr im Griff hat."

Marat hat sich irgendwie eine Last von der Seele geredet. Das dritte Bier war daran wohl nicht ganz unschuldig. Aber für mich macht das Ganze durchaus Sinn. "Naja, der Westen gibt ja denen, die ein starkes Russland fordern, die Argumente die sie brauchen. Diejenigen, die eine Ausweitung des Machtbereiches, um ein Gegengewicht zur EU, Japan und, vor allem, zu den USA zu bilden, reiben sich die Hände und nicht Putin. Er wäre froh, wenn der Alptraum endlich vorbei wäre."

Yuri wurde sichtlich unruhig und es war eindeutig, dass ihm das Thema Unbehagen bereitete: "Dieser Naziaufmarsch war jedenfalls zum Kotzen und alles andere als nützlich für die Einheit der Ukraine. Die Interessierten in diesem Konflikt, sitzen jedenfalls in sicherer Entfernung und stacheln die einfachen Menschen an, während dieses feige Pack im Warmen sitzt." Sprach’s und trank sein Bier aus. Ex und hopp.

"Yuri, Marat, es hat mich gefreut. Ihr habt mir da ein paar neue Aspekte aufgezeigt. Das Bier geht auf mich…" Marat meinte noch, ich bekäme die Spesen ja eh ersetzt. Ich habe ihm gesagt, dass wir noch daran arbeiten. "Nächstes Mal, bezahl‘ ich. Eure Arbeit ist wichtig, weil unabhängig!" Marat, als typischer Russe, ist immer ein Freund auf dessen Wort man sich verlassen kann und, wie der Portugiese auch, kann er leicht beleidigt sein, wenn man ihn nicht bezahlen lässt. Darin und in anderen Aspekten, sind sich die slawischen Völker und die Portugiesen ähnlich. Darum fühlen sich Russen, Ukrainer und Weißrussen ja auch so wohl in Portugal. Yuri, der schon in Deutschland gearbeitet hat, freut sich schon auf den Artikel, auch wenn er, wie er selbst zugibt, nur wenig versteht. Schon die lateinische Schrift macht ihm noch immer Probleme. Er verabschiedete sich dann auch in gebrochenem Deutsch: "Tschuss, bin bald…" Naja, er ist ja schon seit über 10 Jahren nicht mehr in Deutschland gewesen.

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Auf dem Heimweg kam ich ins Grübeln. Krieg! Ich habe ja schon viel erlebt, bin aber froh, noch keinen Krieg miterlebt zu haben. Mir blieb es erspart, Familienmitglieder, Freunde oder einfach nur Bekannte auf gewaltsame Weise zu verlieren. Meine Oma, mit meiner Tante und Mutter im Alter von 3 und 5 Jahren, wurden im Zweiten Weltkrieg "ausgebombt". Ihre Berliner Wohnung wurde bei einem Luftangriff zerstört. In der Ostukraine geschieht das Selbe! Und dann dieses Erstarken der Rechtsextremen, die Hass verbreiten. Doch hier in Portugal leben Ukrainer und Russen, in Harmonie zusammen. Wann schicken sie die Hassprediger endlich zur Hölle? Wann finden sie zurück zu einem friedlichem Miteinander? Ich hoffe, dass es nicht all zu lange dauert. Wenn es hier geht, dann muss es dort ja auch möglich sein. Ich diesem Sinne: світ – мир -Paz – Frieden – Peace.

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