Seitdem die Krise auf Portugal übergegriffen hat, machen die Menschen hierzulande alles zu Geld, was sie nur irgendwie über die Runden bringt. Second-Hand-Läden schossen wie Pilze aus dem Boden. Die Flohmärkte füllen sich und neue Märkte entstehen, wo es vorher diese Tradition noch nicht gab. Ganz zu schweigen von den unzähligen Wertmetallankaufstellen die da eröffnet haben, wo kurz zuvor noch kleine Boutiquen oder Cafés schließen mussten. Inzwischen haben 90 Prozent dieser Läden auch wieder dicht gemacht, da Portugals Mittelschicht das Familiengold und -silber bereits verscherbelt hat. Was kommt als nächstes? Kunst und Antiquitäten.

Von Rui Filipe Gutschmidt

Es ist ein eisiger Morgen, an diesem ersten Sonntag 2015 und – wie an jedem ersten Sonntag in Monat – findet in Santa Maria da Feira die Feira das velharias, der “Markt der alten Sachen”, statt. Man hatte mir zwar gesagt, dass ich am besten früh kommen sollte, aber bei der Kälte? Tja, die ersten haben schon zwischen 6:00 und 6:30 Uhr ihren Verkaufsstand aufgebaut. Ich kam erst gegen 8:00 Uhr dazu und war dadurch einer der letzten. Dabei hatte ich noch Glück, da ausnahmsweise keine Gebühr genommen wurde. Der eigentliche Marktplatz war von einer anderen Veranstaltung beschlagnahmt worden. Leider war das Geschäft dadurch auch negativ beeinflusst. Normalerweise verlangt die Stadt Feira einen Euro pro Quadratmeter, was ja nicht gerade viel ist. Andererseits hätte ich erst nach drei Stunden meine drei Quadratmeter wieder drin gehabt.

Man muss aber schon Geduld mitbringen um hier zu verkaufen. Der Verkäufer hat einen schweren Stand in einem Land, in dem die Mehrheit der Menschen wenig Geld hat und die, die Geld haben, sich oft zu fein sind für gebrauchte Sachen. Wie gesagt, nicht leicht, wenn man Verkäufer ist. Es war mir ja auch bewusst, dass es nicht leicht sein würde, aber es war noch schwerer, als ursprünglich gedacht. Oft musste ich "Nein!" zu Leuten sagen, die nur lachhafte Preise zahlen wollten und meinten, die Not ihrer Zeitgenossen ausnutzen zu müssen. Nicht dass ich kein Verständnis für die Regeln des Marktes hätte, doch es gibt Grenzen für alles. Gerade weil manche Menschen aus blanker Not ihre Habseligkeiten verkaufen müssen, sollte man solidarisch sein und sogar etwas mehr bezahlen, anstatt zu versuchen den Leuten die Dinge so billig wie möglich abzuluchsen. Ich hab es ja gelassen genommen, als wieder einer dachte, er könnte etwas fast umsonst bekommen, doch der Verkäufer vom Nachbarstand war sichtlich genervt. Schließlich hatte sich der Schlaumeier vorher schon bei ihm eine Abfuhr geholt. "Einen Euro? Der spinnt doch! In wie vielen Raten will er denn das abstottern? Vielleicht möchte der Herr es noch in Geschenkpapier eingewickelt und nach Hause geliefert bekommen? Ist doch zum Kotzen!" Wie gesagt, es ist gar nicht leicht.

Zwischen all dem Müll, das heißt Elektroschrott, Haushaltswaren und wertlosen Staubfängern, kann man wahre Schätze finden. Antiquitäten, Kunstwerke, Sammelobjekte und wirklich wertvolle Dinge, finden sich zwischen Töpfen, Modeartikeln oder Unterhaltungselektronik. Viele saßen jahrelang auf alten Familienschätzen, ohne auch nur im geringsten zu ahnen, was das “alte Zeug” ihrer Großeltern wert ist. Langsam aber, wächst das Bewusstsein für die Kunst und für den Wert der geschichtlichen Hinterlassenschaften. Die reiche Geschichte des Landes, ihrer legendären Vorfahren, dem Mut der Entdecker und der Ritter während der Reconquista, war schon immer der ganze Stolz der Portugiesen. Aber die Verbindung mit dem materiellen Zeugnissen dieser Geschichte war seit eh und je etwas, was sich nur einer gebildeten Oberschicht erschloss. Inzwischen hat sich das geändert. Denn es ist nicht zuletzt ein Verdienst der Nelkenrevolution und der Demokratisierung, dass sich das Volk inzwischen weiterentwickelt hat.

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Nicht zuletzt ist eine bessere Bildung der jüngeren Generationen, mehr Kontakte mit dem Ausland und TV-Programme auf "Odisseia", "Discovery" oder "Historia" die dazu beitragen, dass immer mehr Leute die Schuppen und Dachböden der Häuser ihrer Großeltern durchforsten. Sie suchen nach kleinen oder großen Schätzen und werden dabei häufig fündig. Natürlich sorgen diese Schatzsucher dafür, dass es ein gewisses Überangebot an Antiquitäten gibt. Es bedeutet aber nicht, dass die Preise dadurch sonderlich inflationiert werden. Der Antiquitäten- und Kunstmarkt ist eine Welt für sich. Unabhängig von Angebot und Nachfrage ist der Preis von Sammlerstücken und Kunstobjekten eher eine Frage des Gefühls. Was ein Sammler zu zahlen bereit ist, steht dem Gespür des Verkäufers gegenüber, der erraten muss, wie weit er gehen kann. Das Limit des Käufers in einem Gespräch heraus zu kitzeln. Die Gestik und Körpersprache oder einfach nur den Blick eines Interessierten zu analysieren und an Kleidung und anderen Äußerlichkeiten, den Umfang des Kontos oder der Brieftasche zu erahnen ist da schon schwerer. Zweifellos eine Herausforderung, die Psyche des Sammlers zu ergründen und es wäre sicher ein interessantes Spiel, wenn nicht allzu oft Existenten auf diesem Spiel stünden. Das Spiel des Lebens? Nein. Das Spiel des Überlebens.

Wie dem auch sei. Wenn man ein gutes Geschäft machen möchte, auf der Suche nach einem Schnäppchen ist, oder einfach nur schöne Dinge sucht und den Portugiesen ganz persönlich helfen möchte, dann kann man in Portugal durchaus fündig werden. Seit 1810 hat das Land keinen Krieg mehr gesehen. Mit Ausnahme kleinerer Barrikadenkämpfe bei den liberalen Revolutionen und der Abschaffung der Monarchie 1910, war nach Napoleons Franzosen unter Massena kein Invasionsheer mehr in Portugal. Daher sind die Kunstschätze des Landes relativ unberührt geblieben. Es gibt Altäre und Kirchenverzierungen aus purem Gold. Das Gold Brasiliens, welches im 18. Jahrhundert tonnenweise ins Land kam. Überhaupt, haben die "Entdecker der Welt" Kunstschätze aus allen vier Himmelsrichtungen zusammengetragen. Kein Wunder also, dass die Nachfahren der Seefahrer noch so viel davon haben.

Einiges steht davon derzeit zum Verkauf und so manch einer ist froh, wenn Opas alter Schreibtisch oder Omas Heiligenfiguren, für einen weiteren Monat Strom, Wasser, Gas und Telekommunikationsrechnungen zu bezahlen helfen. Ich, persönlich, habe 9,90 Euro eingenommen, was wohl kaum den Aufwand gerechtfertigt hat. Andererseits habe ich einen recht angenehmen Tag mit interessanten Leuten verbracht, Kontakte geknüpft, viel gesehen und viel gelernt.

Ach, hätte ich doch nur etwas Geld. Ich könnte mit Sicherheit etwas bewegen. Man muß dabei noch nicht einmal andere Menschen übervorteilen und kann – ganz im Gegenteil – sogar noch Leuten helfen, die durch die Gier der Banker in Not geraten sind.

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5 KOMMENTARE

  1. Ja, da unten gibt es schöne Flohmärkte. Ich hatte mal in Coimbra sehr günstig eine Originalausfertigung vom "Tratado de Tordesilhas" (1494) erworben. Sehr gut erhalten, aber von den außeriberischen neo-imperialistischen EU-Ländern nie anerkannt und seit 1750 gar nicht mehr gültig. Das hatten sie mir auf dem Markt natürlich vorenthalten. Also gleich wieder auf http://www.ebay.pt zu Escudos gemacht und dafür was Richtiges gekauft. Man muß schon sehr Acht geben, im Ausland nicht übers Ohr gehauen zu werden!

    • Nun ja Gabi. Der Papst hat diesen Vertrag damals unterzeichnet und die Welt in eine östliche, portugiesische Hemisphäre und eine westliche, spanische Hemisphäre unterteilt. Wichtig ist ja nur, das Portugal auf eine Verschiebung nach Westen gepocht hat, obwohl damals Kolumbus gerade erst ein paar Inseln in der Karibik gestossen war. Die Spanier dachten, sie würden nur Wasser abtreten, gaben aber in Wahrheit Brasiliuen preis! 1500, also 6 Jahre später, gab Portugal offiziell die Entdeckung Brasiliens bekannt! Spanien war auf einen Coup reingefallen, da die Portugiesen schon lägst wussten, dass Brasilien dort liegt, es aber Geheim gehalten hat. Aber wenn du schreibst "Original", dann meinst du wohl eine Kopie des Original-Textes. Das (die) Original(e) ist Verschlossen, hinter 7 Siegeln min den Nationalmusen Portugals und Spaniens. Evtl. gibt es noch die 3. Abschrift im Vatikan. Das Original wäre natürlich unbezahlbar, aber eine Kopie ist auch ganz nett. Aber man muss auf einem Flohmarkt immer vorsichtig sein. Selbst Experten erzählen einem oft die Story vom Pferd. Kann einem aber auch in Deutschland so gehen. Trotzdem immer gut, wenn man jemanden dabei hat, der etwas Ahnung hat und die Sprache und Sitten des Landes kennt.

      Danke für dein Interesse, Rui F. Gutschmidt

      • Não tem de quê. Wenn die Spanier schon auf das Papier reingefallen sind, brauch ich mich wohl nicht zu schämen. Die Portugiesen sind eben sehr listig. Nur woher wußten die das damals mit Brasilien?

        Zuletzt war ich in Sintra auf dem Markt und was seh ich da: ein echter Ballon d'Or. Hat Ronalda zuhause aufgeräumt, hab ich mich erst gefragt, aber nein, der war von einer Marta Vieira de irgendwas. Traurig! Kennt natürlich kein Mensch. Also liegen gelassen und statt dessen eine Fado-CD gekauft. Musik ist zeitlos.

        http://www.youtube.com/watch?v=PSXNtMqAiqo&list=RDGKCJgDCA5Bo&index=22

        • Marta ist 3 oder 4 mal Weltfussballerin des Jahres geworden. Das letzte mal 2013 und war dieses Jahr auch nominiert. Die Deutsche Nadin Kessler hat gewonnen. Aber ob der echt war? Irgendwie wäre ich da auch skeptisch. Mit der Fado-Platte bist du jedenfalls gut gefahren. Ach ja, die Meeresströmungen, um Afrika zu umrunden und nach Indien zu kommen, machen einen weiten Bogen und führen ganz nah an die Küste Brasiliens heran. Ein Sturm, ein kleiner Fehler in der Kalkulation der Route… und schon ist man am Strand von Copacabana. rfgutschmidt@gmail.com meine e-mail, falls ich mal behilflich sein kann.

          • Muito obrigada, aber ich hab erst mal genug von portugiesischen Flohmärkten. Ich halte mich jetzt mit Käufen zurück, und warte ab, bis die Deflation im Euroraum anzieht.

            Als Brasilieninformanten hab ich übrigens Diogo Cão im Verdacht. Wie ich mich jetzt wieder erinnere, schrieb er 1485 im Bordbuch seiner zweiten Reise (auf dem Markt in Évora gekauft), er habe weit westlich von Brava des Nachts noch Lichter gesehen. Allerdings soll er auch dem Portwein zugeneigt gewesen sein.

            Wie auch immer, in der Kultur Westafrikas sind die brasilianischen Einflüsse bis heute spürbar.

            https://www.youtube.com/watch?v=whH2oDg28-k

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