Naher Osten: Machtkampf der islamischen Konfessionen?

Der Disput zwischen den Sunniten und den Schiiten beginnt sich auszuweiten. Versäumnisse der neuen irakischen Führung trugen dazu bei, dass der Islamische Staat (IS) überhaupt so schnell wachsen konnte. Die Konfession spielt eben immer noch eine zu große Rolle in der Politik.

Von Marco Maier

Islamische KonfessionenDie Erstarkung der IS-Milizen im Irak hatte vor allem konfessionelle Gründe. War das Regime Saddam Husseins in Sachen Religion noch äußerst pluralistisch, so etablierte sich nach dessen Sturz angesichts der religiösen Mehrheitsverhältnisse schnell eine schiitisch geprägte Regierung. Eine Dekade, in der sich das zerbombte Land lieber konfessionellen Disputen widmete, anstatt sich dem Wiederaufbau und der Etablierung funktionierender Strukturen zu widmen.

Das zu drei Vierteln von Sunniten bewohnte Syrien hingegen wird vom alawitischen Präsidenten al-Assad geführt, der jedoch Vertreter aller Religionen und Ethnien in seiner Regierung hat. Durch den Islamischen Staat erhoffen sich jedoch viele Sunniten die endgültige Machtübernahme im Land. Für die salafistische Organisation sind die dem schiitischen Spektrum zuzurechnenden Alawiten jedoch Ketzer. Für manche sunnitische Rechtsgelehrte gelten sie als "ungläubiger als Christen und Juden".

Mit diesem Nährboden des Misstrauens und der Gewalt etablierte sich ein Klima, in dem die Verheißungen eines sunnitischen Kalifats unter Führung der salafistischen Kräfte des sogenannten Islamischen Staats, geradezu wie ein Magnet für die sunnitisch-arabische Minderheit im Irak wirkte. Hätte der Iran nicht seine al-Quds-Brigaden nach Bagdad geschickt um der irakischen Regierung zu helfen, wäre die Hauptstadt des Landes wohl längst schon in die Hände der IS-Milizen gefallen. In Syrien hingegen sorgt vor allem die religiöse Hetze für Feindseligkeiten.

Dieses rückständige konfessionelle Denken, welches damals schon in Europa zum 30-jährigen Krieg führte und heute noch Nordirland prägt, ist die Basis für die stetige politische Unruhe im Nahen und Mittleren Osten. Das wäre so, als wenn sich die Katholiken und Protestanten in Deutschland nach wie vor politisch feindselig gegenüberstehen würden, nur weil sie in religiösen Belangen einige unterschiedliche Ansichten haben.

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Umso mehr zeigt es sich, dass es die drei Regionalmächte Iran (schiitisch), Saudi-Arabien (sunnitisch-hanbalitisch/wahabitisch) und Türkei (sunnitisch-hanafitisch) in der Hand hätten, mäßigend auf die Konfliktparteien einzugehen. Doch das ist politisch nicht gewollt. Religiöse, konfessionelle Egoismen spiegeln sich in der politischen Haltung wider. Der Iran unterstützt vor allem die schiitisch geprägte irakische Regierung und die alawitisch geprägte syrische Führung, während Saudi Arabien vor allem die sunnitische Opposition unterstützt.

Für die Türkei, die dritte Regionalmacht, ergibt sich in den Konflikten ein mehrschichtiges Dilemma. Mit den Kurden in Syrien gibt es aufgrund der Beziehungen zur verbotenen PKK massive Probleme, während man sich mit den Kurden im Nordirak halbwegs zu verstehen scheint. Hinzu kommt der Umstand, dass die islamisch-konservative Führung der Türkei gewisse Hemmungen hat, gegen den IS vorzugehen. Denn dieser bekämpft die syrischen Regierungstruppen – und auch wenn Erdogan gewiss keine Freude mit den Enthauptungsorgien der IS-Milizen und deren expansives Auftreten hat, so dürften die Feindseligkeiten gegen den "Ketzer" al-Assad deutlich größer sein.

Konfessionelle Egoismen führen dazu, dass Millionen Menschen unter den Auseinandersetzungen leiden. Das Blutbad der Religionskriege, welches schon einmal Europa heimsuchte als Katholiken und Protestanten sich gegenseitig abschlachteten, hat in der Levante offenbar eine Fortsetzung gefunden. Umso mehr zeigt es sich, dass ein Friedensprozess vor allem auf religiöser Ebene vorangetrieben werden muss, wenn man die Region dauerhaft befrieden möchte. Ohne ein Ende des konfessionellen Machtkampfes wird es immer wieder extremistische Gruppen geben, die Teile der Bevölkerung radikalisieren und aufwiegeln können.

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