Ethnien im Kongo-Gebiet. Karte: www.artheos.org

Betrachtet man die heutigen Landkarten, findet man immer wieder noch jene Grenzen vor, die zu Kolonialzeiten von den damaligen "Herren" aus Europa quasi auf dem Reißbrett gezogen wurden. Sind diese Grenzziehungen, die auf die Siedlungsgebiete der Stämme und die religiösen Trennlinien keine Rücksicht nehmen, mit ein Grund für die heutigen Konflikte in Afrika und im Nahen Osten?

Von Marco Maier

Im mehrheitlich schiitischen Irak fühlen sich vor allem die arabischen Sunniten, aber auch die Kurden im Norden nur unzulänglich von der schiitischen Regierung in Bagdad vertreten. Im mehrheitlich sunnitischen Syrien regiert mit Baschar al-Assad ein Alawite. Auch in der Türkei gibt es separatistische Bestrebungen unter den Kurden, die vor allem im Osten des Landes leben.

Das sollte eigentlich kein großes Problem darstellen, wenn man ein weitestgehend egalitäres System hat, in dem die ethnische oder religiöse Zugehörigkeit keine Rolle spielt. Doch wenn regierende Mehrheiten die Minderheiten nicht entsprechend partizipieren lassen oder die Mehrheitsbevölkerung sich nicht von einer ethnischen oder religiösen Minderheit "regieren lassen" will, entstehen politische Konflikte, die von Scharfmachern angeheizt werden.

Die diversen Kunststaaten im Orient und in Afrika, welche ihren Ursprung vorwiegend auf den Reißbrettern der einstigen Kolonialherren – vornehmlich aus Großbritannien und Frankreich – haben, leiden noch heute darunter. Insbesondere die rohstoffreichen Länder wurden zum Spielball diverser Gruppen, die den natürlichen Reichtum den "eigenen Leuten" zugute kommen lassen wollen. Entsprechend fließt ein Großteil der Einnahmen in den Kauf von Kriegsgerät, anstatt damit beispielsweise Schulen und Krankenhäuser zu bauen und somit das Bildungs- und Gesundheitssystem zu unterstützen.

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Gruppenegoismen sorgen dafür, dass eine politische Neuordnung der betroffenen Gebiete nicht möglich sind. Wenn man schon nicht in einem Staat zusammen leben möchte, muss man eben einen friedlichen Weg zur Trennung finden. Doch jeder Staat, jede Regierung, scheint sich vor einem Gebietsverlust zu fürchten, als ob dies einer operativen Amputation gleichkommen würde. Es kann jedoch auch nicht sein, dass Stämme und Völker – die sich im Zuge der Grenzziehungen plötzlich in einem Staat wiederfanden und in dem sie eine unwillkommene Minderheit sind – von der Mehrheit unterdrückt werden.

Eine friedvolle Zukunft in diesen Ländern ist nur dann möglich, wenn sich die betroffenen Gruppen entweder auf eine gemeinsame Verwaltung einigen, in der die ethnische oder religiöse Zugehörigkeit keine Rolle mehr spielt – oder eben eine politische Neuordnung der Welt in Angriff genommen wird. Ersteres wäre natürlich idealer, da alle Bevölkerungsgruppen dadurch von der Ausbeutung der Ressourcen profitieren könnten.

Ein Beispiel dafür, wie das funktionieren kann, stellt der westafrikanische Staat Gambia dar: Trotz der überwältigenden Mehrheit an Muslimen (90 Prozent der Bevölkerung) und einer äußerst multiethnischen Bevölkerung (39,5 Prozent Mandinka, 18,8 Prozent Fulbe,14,6 Prozent Wolof, 10,6 Prozent Diola, sowie viele kleine Völker), gestaltet sich das Zusammenleben der Menschen äußerst friedlich. Das Land gilt als recht säkular, wenngleich öffentliche Veranstaltungen sowohl von einem muslimischen Imam und einem christlichen Priester mit Gebeten eröffnet werden.

Ethnien KongoIm der Demokratischen Republik Kongo (ehem. Zaire) leben beispielsweise rund 200 Völkerschaften und Stämme, bestehend aus insgesamt rund 70 Millionen Menschen. Die Karte links zeigt auf, wie multiethnisch die ganze Region ist. Auch wird dadurch ersichtlich, wie wenig die heutigen Grenzen überhaupt mit der Realität der Besiedelung gemein haben. Ebenso fragwürdig ist es, dass einzelne Stämme – teils im Verbund – dafür sorgen, dass der Großteil der restlichen Bevölkerung vom politischen Leben und der Teilhabe an der Ausbeute der Rohstoffe ausgeschlossen wird. Präsident Kabila gehört beispielsweise dem Volk der Luba (ca. 1 Million Angehörige) an, die im Südosten des Landes leben.

Dennoch gilt der Staat als gescheitert, weil die Zentralregierung längst schon die Kontrolle über weite Teile des Landes verloren hat. Diverse Rebellengruppen üben die regionale Autorität aus, wobei kaum eine davon den Staat selbst in Frage stellt oder separatistisch wäre. Dabei könnte gerade diese Region eine Vorbildwirkung haben, in der sich ein Kunststaat friedlich selbst auflöst und die Völkerschaften entweder für sich allein oder in einem Verbund neue Staaten begründen.

Denn die heute herrschenden Konflikte sind das Resultat der Entlassung der ehemaligen belgischen Kolonie als ein großer Staat in die Unabhängigkeit. Es wäre weitaus intelligenter gewesen, den lokalen Stammesautoritäten ihre Befugnisse zurückzugeben und das Recht auf Selbstbestimmung der Völker zu respektieren. Dadurch wären wohl so manche Gräueltaten der seitdem herrschenden Despoten ausgeblieben.

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2 KOMMENTARE

  1. Ich denke, daß hier etwas mißverstanden wurde. Gehst Du denn davon aus, daß rein versehentlich diese ganzen Staaten, Beispiel auch Jugoslawien, so entstanden?

    Das die Wilson´schen 14 Punkte versehentlich statt der Menschenfreiheit dann ausgerechnet die Völkerfreiheit postulieren?

    Wenn man alle Legitimation einer Staatlichkeit sowie die Verwurzelung der Menschen in ihrer Heimat vernichten möchte, muß man genau so handeln. Nur dadurch nämlich kann man dann hoffen, eines Tages so etwas wie eine NWO zu installieren. Oops… da gibts ja wirklich Leute, die so etwas planen. Das ist dann aber jetzt wirklich Zufall. Oder? 😉

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