Eine lange Zeit spielte die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches im Nahen Osten eine sehr wichtige Rolle. Auch Erdogan versuchte in seiner Zeit als Premierminister des Landes den Einfluss der Türkei auf die regionale Politik auszudehnen. Doch neuerdings spielt das Land in der Region eine immer geringere Rolle.

Von Marco Maier

Mit der Türkei hatte die NATO stets einen großen Fuß in jener Region, die seit je her äußerst umkämpft war. Auch die islamistisch geprägten Regierungen in der Region schätzten den AKP-Politiker sehr. Immerhin ist die Türkei ein Beispiel dafür, wie man trotz einer islamisch-konservativen Staatsführung gute politische Beziehungen mit Europa und den USA aufrecht erhalten kann.

Doch der außenpolitische Kurs Erdogans sorgte in den letzten Jahren dafür, dass der Einfluss der Türkei im Nahen Osten immer geringer wurde. Hasstiraden gegen Israel, das Festhalten am Sturz von Assad in Syrien und die Vorwürfe der indirekten Unterstützung des "Islamischen Staats" sorgen dafür, dass die Zahl der politischen Freunde der Türkei ordentlich zusammenschrumpfte. Ehrgeizige politische Ziele, bei denen die Anziehungskraft des politischen Islam überschätzt und die Zählebigkeit der alten politischen Ordnung im Nahen Osten verkannt wurden, haben die Türkei in der Region weitestgehend zum Außenseiter gemacht. Übrig blieben eigentlich nur noch die Kurden im Nordirak.

Doch die schiitische Führung des Irak, die gute Beziehungen zum Iran unterhält, betrachtet das türkische Engagement im Norden mit Argwohn. Der Iran als enger Verbündeter Assads stößt sich an der türkischen Syrienpolitik. Ägypens neue Staatsführung kann Ankara die guten Beziehungen zur vorher regierenden Muslimbruderschaft nicht verzeihen. Selbst Saudi-Arabien und die anderen arabischen Golfstaaten hadern mit Erdogans politischer Vision der ganzen Region. „Wir kamen von einer Politik, bei der wir null Probleme mit unseren Nachbarn hatten. Und jetzt haben wir mit fast allen Probleme“, urteilt Ümit Pamir, ein Diplomat im Ruhestand, der als türkischer Botschafter bei den Vereinten Nationen, der NATO und in Griechenland gedient hatte.

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„Traditionell war die türkische Außenpolitik stets nicht-interventionistisch, zurückhaltend und am Status Quo orientiert. Dass nun die Politik eines Regimewechsels mit Blick auf einen ihrer Nachbarn verfolgt wurde – das war eine plötzliche Abweichung”, erklärt Sinan Ülgen, ein ehemaliger türkischer Diplomat bezüglich der Umsturzpläne Ankaras in Syrien. Auf der anderen Seite verprellt Ankara mit der Weigerung den Kurden in Syrien zu helfen die USA. Diese wollen die Kurden – inklusive der YPG, die der PKK nahe steht – im Kampf gegen die IS-Milizen unterstützen. Doch für Erdogan ist die PKK inklusive der Schwesterparteien eine terroristische Organisation. Die Chance, den IS-Vormarsch auf Kobane für einen Friedensprozess zu nutzen, ließ er verstreichen. Stattdessen lässt Erdogan den Konflikt neu aufflammen.

Dass der regionale Einfluss der Türkei schrumpft, zeigte sich unter anderem darin, dass es dem Land in diesem Monat nicht gelungen war, einen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu ergattern. War das Land im Jahr 2008 noch mit den Stimmen von 151 Staaten mit wehenden Fahnen in das Gremium eingezogen, wurde der zuvor so siegessichere türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu dieses Mal bitter enttäuscht. Die Türkei konnte sich gerade einmal 60 Stimmen sichern und wurde von Spanien übertrumpft – eine Niederlage, die zum Teil auf die Lobbyarbeit Ägyptens und Saudi-Arabiens zurückzuführen ist.

Ein Umdenken der türkischen Regierung, was ihren regionalpolitischen Ansatz angeht, zeichnet sich bisher allerdings nicht ab. „Welche Art von Fehlern sollten wir denn jetzt plötzlich eingestehen? Der Fehler der Türkei ist es, eine Demokratie zu sein, wenn das ein Fehler ist. Der Fehler der Türkei ist es, dass sie für Menschrechte steht, wenn das ein Fehler ist”, sagt Yasin Aktay, der für auswärtige Beziehungen zuständige, stellvertretende Vorsitzende der türkischen Regierungspartei AKP. „Niemand kann die Türkei isolieren. Aber wir sind jetzt von nicht demokratischen Prozessen in der Region umzingelt. Und das macht die Region sehr gefährlich. Und zwar nicht nur für die Türkei.“ Dass die Türkei offen die radikalislamischen Muslimbrüder in Ägypten unterstützte, vergisst er zu erwähnen.

Selbst bei den liberaleren Kräften in den umliegenden Staaten bekommt das Bild der Türkei immer mehr Kratzer. Die türkische Demokratie, lange Zeit ein Aushängeschild in der Region, verlor nach den Protesten am Gezi-Park, dem Ruf nach Internet-Zensur und dem offen praktizierten Schutz von politischen Freunden vor Korruptionsermittlungen deutlich an Glanz. „Eine Zeit lang diente die Türkei als Art Modell, aber in den Jahren nach dem Arabischen Frühling ist dieses Image der Türkei vollständig zu Bruch gegangen“, stellt Abdulchalek Abdulla fest, ein Professor für Politikwissenschaften an der Universität der Vereinigten Arabischen Emirate. „Zunächst einmal hat sich die Türkei auf eine Seite geschlagen, auf die Seite von Islamisten und der Muslimbruderschaft. Zum zweiten agiert Erdogan wie eine Art Diktator, wenn er mit Gewalt gegen Freiheiten und Demonstranten vorgeht. Die Liberalen der arabischen Welt sehen in der Türkei kein Modell mehr.”

Die einzigen Gründe, warum die Türkei überhaupt noch eine politische Rolle spielt, liegen in der Größe des Landes, der strategischen Position, der vergleichsweise modernen Wirtschaft und der großen Armee. Doch wenn man die Nachbarstaaten ständig nur vor den Kopf stößt, hilft das nicht viel. Das müssen Präsident Erdogan und seine AKP erkennen und entsprechend umsetzen, wenn sie in Zukunft wieder mehr außenpolitisches Gewicht haben wollen.

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