Brasilienwahl – im Westen nichts neues

Was war das nur für ein Wahlkampf. Brasilien ist ja einiges gewohnt, aber selten lagen die Nerven so blank, selten gab es so viel „schmutzige Wäsche“ und selten wurden so viele Leichen in den Kellern der Politiker gefunden, wie bei dieser Wahl. Nachdem der Herausforderer mit den besten Chancen Dilma Rousseff abzulösen, Eduardo Campos von der Partido Socialista Brasileiro, in einem Flugzeugabsturz ums Leben kam und seine Nummer zwei im ersten Wahlgang überraschend nur dritte wurde, bekamen die Brasilianer einen klassischen Kampf zwischen Rechts und Links. Oder doch nicht?

Von Rui Filipe Gutschmidt

Dilma Rousseff ging aus der ersten Wahlrunde am 5.10.2014, mit 41,59% der Stimmen als Gewinnerin hervor. Marina Silva ihrerseits musste sich dem Kandidaten der Mitte-Rechts Partei PSDB, Aécio Neves, geschlagen geben. Dann folgten zwei Wochen Wahlkampf der besonderen Art. Man kann sich in Mitteleuropa kaum vorstellen wie das ist, wenn alle Nerven bis zum Reißen gespannt sind und der Ton den die Kandidaten anschlagen noch dazu beiträgt, indem sie Öl ins Feuer gießen.

Apropos Öl:Ein wegen Bestechung einsitzender ehemaliger Mitstreiter von Dilma Rousseff hat die alte und neue Präsidentin Brasiliens drei Tage vor der Wahl beschuldigt, von den Bestechungsgeldern des „Petrolão“ gewusst und sie auch geduldet zu haben. Die Luft in Brasilien war – und teilweise ist sie noch – so dick, dass man sie fast schon schneiden könnte.

Nachdem, 95% der Stimmen ausgezählt sind führt Dilma Rousseff von der PT (Arbeiterpartei), mit 50.99 Prozent der Stimmen gegen 49,01 Prozent ihres Gegners Aécio Neves von der PSDB, den brasilianischen Sozialdemokraten, die in Wahrheit Konservative sind. 9 Millionen Stimmen aber waren ungültig. Das bedeutet, dass diese Menschen weder Dilma noch Aécio wählen wollten.

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Auch gibt es regionale Unterschiede die klar machen wer wen gewählt hat. In der Megacity, São Paulo, gewann Aécio Neves. Die boomende Finanzmetropole, in deren Umkreis bis zu 20 Millionen Menschen leben und wo die Manager der Banken und großen Konzerne, aber auch die Anwälte und Lobbyisten, mit dem Hubschrauber zur Arbeit fliegen, da man mit dem Auto nicht durch die Innenstadt kommt, hat den konservativen Aécio Neves gewählt.

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Dilma hat ihrerseits im Armenhaus der Nation, dem tropischen Nordosten, über 70% der Stimmen geholt. Die Menschen dort haben nicht vergessen, wer die Sozialhilfe eingeführt hat, auch wenn sie jetzt in Sachen Gesundheit, Bildung usw. mehr wollen. Angst vor dem, was Aécio nicht gesagt hat, aber seine politische Familie und auch seine biologische, wie sein Vater, erfahrungsgemäß vom Sozialstaat halten, hat wohl zu Dilmas Sieg geführt. Oder eher zu Aécios Niederlage.

Dilma Rousseff, kannte das Endergebnis noch nicht, das ihr (bei einer Enthaltung von rund 21 Prozent) 51,6 Prozent der Stimmen gab als sie vor die Kameras und Mikrophone trat. Sich zu enthalten, oder vielmehr nicht zur Wahl zu gehen, bedeutet eine Strafe von 3,5 Real (circa 1 Euro) zahlen zu müssen, da der Wahlgang Pflicht ist.

In einem Hotel, der brasilianischen Hauptstadt, Brasilia fand die Wahlparty statt. Unter anderem sagte sie folgende Worte: „Ich werde eine bessere, viel bessere Präsidentin sein. (…) Ich rufe, ohne Ausnahme, alle Brasilianerinnen und alle Brasilianer dazu auf, auf dass wir uns zusammentun zum Wohl der Zukunft unseres Vaterlandes. Ich glaube nicht, dass diese Wahl das Land in der Mitte gespalten hat. Ich glaube, dass sie Ideen und Emotionen mobilisiert hat (…) mit dem Ziel, ein besseres Brasilien zu schaffen.“

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Dilma Rousseff hat aktiv gegen die Militärdiktatur gekämpft, wenn auch nur politisch, was ihr zwischen 1970-1972 drei Jahre Gefängnis einbrachte. Auch wurde sie während dieser Zeit 22 Tage lang gefoltert. Auch den Lymphdrüsenkrebs hat sie schon besiegt. Die damalige Ministerin hatte ein Lymphom, Krebs des lymphatischen Systems, welches Teil des körpereigenen Abwehrsystems ist.

Daher weiß sie wie man kämpft – und nur wenn sie genauso hartnäckig ist wird sie es schaffen, die Bedürfnisse ihres Volkes gegen die Interessen der mächtigen Eliten des Landes und vor allem die der internationalen Finanzmafia durchzusetzen. Wie die Bürger schon oft gezeigt haben, lassen sie sich nicht weiter verschaukeln. Für meine brasilianischen Schwestern und Brüder, hoffe ich auf eine großartige Zukunft, für dieses großartige Land.

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