Bild: Flickr / Andrew CC-BY-SA 2.0

Eigentlich sollten Süßstoffe wie Aspartam, Sorbit oder Saccharin durch die Reduktion des Zuckerkonsums dafür sorgen, dass die Menschen gesünder leben und weniger Kalorien zu sich nehmen. In Zeiten des Überangebots an Kalorien und der damit steigenden Zahl an Übergewichtigen und Diabetikern ein verlockender Gedanke. Doch immer mehr Studien belegen, dass die als "Heilsbringer" verkauften Zusatzstoffe in Wirklichkeit sogar krank machen können.

Von Marco Maier

Das Wort "zuckerfrei" auf den Verpackungen von Nahrungsmitteln und Getränken lässt die Kassen der Lebensmittelindustrie klingeln. Gerade heute, wo der Schlankheitswahn von Modepüppchen in Film und Werbung exzessiv propagiert wird, gelten die Zuckeraustauschstoffe beinahe schon als Heilmittel gegen überschüssige Kilos. Doch der Einsatz dieser chemischen Produkte in den Getränken und Lebensmitteln hat auch seine Nebenwirkungen, die unter Umständen bestehende Probleme noch weiter verschärfen können.

So belegen einige Studien, dass die Süßstoffe Übergewicht und die damit verbundenen Krankheiten – zum Beispiel Diabetes vom Typ 2 – begünstigen. Neben dem Eingriff in die Körperchemie sollen auch Heißhungerattacken damit verbunden sein. Verständlich: Süßstoffe gaukeln dem Körper die Zufuhr von Zucker vor, der daraufhin Insulin ausschüttet. Doch es ist kein Zucker da. Der menschliche Körper reagiert daraufhin selbstverständlich mit der Lust auf Süßes, weil er genau dies erwartet hatte.

Eine weitere Erklärung, warum Süßstoffe im Kampf gegen überflüssige Kilos durchaus wenig hilfreich sein könnten, liefert nun eine neue Studie aus Israel: Künstliche Süßmacher wie Aspartam oder Sorbit verändern offenbar die Zusammensetzung der Darmflora, also die unermessliche Artenvielfalt jener Bakterien, die sich im menschlichen Darm tummeln. Da diese auch dafür zuständig sind, die aufgenommene Nahrung zu verwerten, beeinflussen Süßstoffe also indirekt den menschlichen Stoffwechsel. So lassen sie unter anderem den Blutzuckerspiegel ansteigen, womit ein erhöhtes Diabetesrisiko einhergeht. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Konsum von Süßstoffen mit einer gestörten Darmflora und einem abnormalen Stoffwechsel verbunden ist", schreibt das israelische Forscherteam um Jotham Suez im Wissenschaftsmagazin "Nature". Die Wissenschaftler fordern daher, mögliche Gesundheitsgefahren durch den massenhaften Einsatz der Zuckeraustauschstoffe völlig neu zu bewerten.

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Die Forscher wiesen die Veränderung der Darmflora durch die Süßstoffe an einigen menschlichen Probanden nach. Intensivere Untersuchungen bei Mäusen, indem eine Gruppe die Süßstoffe Saccharin, Sucralose oder Aspartam ins Trinkwasser erhielten, während die Kontrollgruppe entweder Rohrzucker oder Traubenzucker erhielten, zeigten bei den mit Süßungsmitteln versorgten Gruppe deutlich erhöhte Blutzuckerwerte. Besonders stark stiegen diese bei jenen Mäusen an, die mit Saccharin gefüttert wurden.

Um zu bestätigen, dass die Darmbakterien in Sachen Verarbeitung von Zucker und Süßstoffen eine wichtige Rolle spielen, verabreichten die Forscher den Mäusen ein Antibiotikum, welches ihre Darmbakterien abtöten sollte. Wenig später wiederholten sie das Experiment. Nur dieses mal mit Saccharin, und nahmen den Tieren erneut Blut ab – mit erstaunlichem Ergebnis: Der Blutzucker der Mäuse hatte sich normalisiert. Die durch den Süßstoff ausgelöste "Zuckerresistenz" war plötzlich weg.

Um auch sicherzugehen, dass wirklich die Darmbakterien der Mäuse am erhöhten Blutzucker Schuld waren, führten die Forscher einen Versuch durch: die sogenannte "Stuhltransplantation". Dabei übertrugen die Wissenschaftler Kot von Mäusen, die Saccharin zu sich genommen hatten, in den Darm keimfreier Mäuse. Anschließend warteten sie ab, bis die damit verpflanzten Darmbakterien sich im "neuen Zuhause" verbreitet hatten und maßen den Blutzuckerspiegel der Tiere. Tatsächlich war er deutlich erhöht – obwohl die Mäuse selbst nie zuvor Süßstoff zu sich genommen hatten.

Auch weitere Untersuchungen der israelischen Forscher zeigten: Durch den regelmäßigen Konsum von Süßstoffen – im Studienfall war dies hauptsächlich Saccharin – hatte sich das Artenspektrum der Darmkeime und deren Aktivität verändert. "Unsere Ergebnisse belegen, dass sich die durch Süßstoffe verursachten Stoffwechselstörungen auf Darmbakterien zurückführen lassen", schreiben die Forscher. Einfach gesagt: Süßstoffe bewirken scheinbar, dass die Darmbakterien dadurch mehr Energie aus der Nahrung gewinnen. Fans von mit Süßstoff versetzten Getränken nehmen also unter Umständen zu, obwohl sie de facto sogar weniger Kalorien aufnehmen als Menschen, die gezuckerte Getränke trinken. Offenbar steigert zumindest Saccharin die "Energieeffizienz" des menschlichen Körpers.

Um zu beweisen, dass die Ergebnisse aus der Forschung an Mäusen auch auf Menschen übertragbar ist, überprüften die Wissenschaftler die Daten von 400 Personen aus einer Ernährungsstudie. Dabei zeigten sich Zusammenhänge zwischen dem Süßstoffkonsum und diversen veränderten Werten, die mit einigen Stoffwechselkrankheiten einhergehen. Die Zusammensetzung der Darmflora von jenen Menschen die Süßstoffe zu sich nahmen unterschied sich ebenfalls von jenen der Zucker-Konsumenten. In ihrer Aussagekraft sind die Daten allerdings beschränkt, da sie aus einer Beobachtungsstudie stammen.

Um die Daten exemplarisch zu untersuchen, gaben die Forscher daher in einem weiteren Experiment sieben Testpersonen, die normalerweise keine Süßstoffe zu sich nahmen, eine Woche lang künstlich stark gesüßte Getränke und Speisen. Das Ergebnis des Kurzzeitexperiments: Nach nur vier Tagen hatten vier – und damit über die Hälfte der Teilnehmer – einen erhöhten Blutzuckerspiegel sowie eine veränderte Darmflora. Langfristige Experimente dazu gibt es leider noch nicht, so dass die Auswirkungen eines Dauerkonsums von Süßungsmitteln wie Saccharin oder Aspartam auf die Darmbakterien noch nicht wissenschaftlich untersucht werden konnte. Allerdings weisen die Experimente darauf hin, dass die Ergebnisse einer solchen Studie nicht gerade erfreulich sein dürften.

Ob die Süßstoffe tatsächlich zu einer weiteren Gewichtszunahme und Diabetes führen, ist bislang noch zu wenig erforscht. Deshalb halten sich die Wissenschaftler diesbezüglich noch bedeckt. Um ganz sicher zu gehen ist es für die Konsumenten jedoch wahrscheinlich besser, möglichst wenig Zucker und Süßstoffe zu sich zu nehmen.

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